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»Willst du nur hier rumliegen, oder wie?« fragte mich Sascha. »Mhm.« Sie seufzte und legte ihren Kopf in ihre Hände, die sie auf ihren Knien abgestützt hatte. »Aber das Wetter ist so geil gerade.« sagte sie. »Mhm.« ‚Geil‘ war etwas anderes. Es war heiß, unerträglich heiß. Die Sonne brannte auf den Asphalt und den einst gut gepflegten Rasen vor den Einfamilienhäusern, der jetzt braun und vertrocknet war. Der alte Nachbar von nebenan, der mehr Wert auf seinen Garten als auf das Wohlergehen seiner Frau im Rollstuhl legte, hatte anfangs versucht den Rasen jeden Abend zu gießen, um dem Verfall entgegen zu wirken, aber die Sonne brannte zu stark. Hier in meinem Zimmer hatte es auch bestimmt über dreißig Grad. Ich lag auf meinem Bett und versuchte so wenig Stoff wie möglich zu berühren, damit mir nicht noch heißer wurde. Sascha saß auf dem Rand des Bettes und starrte vor sich hin.
»Man Ian. Dann hätte ich ja nicht rüber kommen brauchen, wenn du auf nix Bock hast« sagte sie. »Dann wärst du halt daheim geblieben« antwortete ich. Die Antwort war gemeiner als ich es eigentlich wollte, aber gerade ging mir Sascha richtig auf die Nerven. Alles ging mir auf die Nerven. Sie sagte nichts mehr. Vielleicht war sie jetzt beleidigt. »Du willst dich nicht mal aufraffen, oder?« fragte sie mit einem scharfen Unterton. Doch, natürlich wollte ich, aber gerade ging es einfach nicht. Ich überlegte kurz, ob ich ihr das erklären sollte, aber das kam mir gerade zu anstrengend vor, also sagte ich nichts mehr. »Willst du wenigstens ficken?« — »Ne gerade auch nicht« antwortete ich. Ich wollte wirklich nicht. Ich konnte nicht. Vielleicht würde mein Schwanz steif werden, aber die Geilheit würde ausbleiben. Sex wäre in diesem Moment nicht spaßiger als den Müll rauszubringen. Ein notwendiges Übel, um irgendwie die Zeit rumzukriegen. Es wäre ein Hinarbeiten auf den Orgasmus, weil es der einzige Moment war, in dem ich etwas fühlen würde.
Alles was ich konnte, war hier auf dem Bett zu liegen und an die Decke zu starren. Starren, das war alles was ich tat. Ich starrte durch den Raum, ich starrte das Display meines Laptops an, ich starrte das Display meines Handys an, ich starrte in die Ferne. Nur starren.
Ich bereute es, Sascha gefragt zu haben, ob sie rüber kommen will. Bis zu dem Moment, als sie geklingelt hatte, war ich der Meinung, dass es mir auf jeden Fall gut tun würde, wenn sie rüber käme. Aber dann änderte sich das Gefühl schlagartig. Ich wollte wieder allein sein und gerade wollte ich nichts anderes, als dass sie geht. »Ja ey, Ian. Dann geh ich halt. Tschüss und noch viel Spaß beim Nichts-Tun« sagte Sascha und sah mich dabei nicht an. Ich sagte nichts mehr, sie stand auf und verließ die Wohnung. Stille.
Jetzt fühlte ich mich noch elender, weil ich nicht wusste was ich wollte. Ein Gefühl der Leere breitete sich in mir aus. »Du bist so ein ekliges Arschloch« sagte ich zu mir. Jetzt würde sich Sascha bestimmt schlecht fühlen, weil ich ihr das Gefühl gegeben hatte, dass sie mir auf die Nerven gehen würde. Das hatte sie ja auch irgendwie getan, aber irgendwie brauchte ich sie doch. Ich starrte weiter an die Decke. Diese verdammte Hitze. Obwohl ich nur da lag, fing ich an zu schwitzen. Die Rollläden waren weit nach unten gelassen, sodass die Sonne nur durch die kleinen Schlitze drang. Doch die Sonne hatte soviel Kraft, dass sie trotzdem den ganzen Raum erhellte. Kurz hatte ich die Bedenken, dass die Sonnenstrahlen Brandflecken im Fußboden hinterlassen würden.
Ich drehte mich zur Seite, denn ich hatte schon so lange gelegen, dass mein Arsch und unterer Rücken ein wenig weh taten. Ein ständiger, drückender Schmerz war zu spüren. Das Auf-Die-Seite-Drehen verhalf etwas Linderung, bis dann die Seite anfing zu schmerzen. Dann legte ich mich auf die andere Seite und wenn diese anfing zu schmerzen, begann das Spiel von vorne und ich legte mich auf den Rücken.
»Fuck man, du bist gerade wieder richtig am Arsch« sagte ich zu mir. Ich musste aufhören zu starren. Irgendwas musste ich tun, mich irgendwie von mir selbst ablenken. Kippen. Das half immer. Ich drehte mir eine Zigarette und verließ mein Zimmer. Durch einen Berg aus nicht abgewaschenem Geschirr und Stapeln aus Dokumenten und Papier, schlich ich mich auf den Balkon. Das Feuerzeug klickte, der erste Zug wurde inhaliert. Der Tabak brannte auf meiner Lunge. Wenigstens irgendein Gefühl.
Drei Monate musste ich noch auf meinen Termin bei einem Therapeuten warten. Seit ich das erste mal beim Hausarzt war, weil es mir so schlecht ging, war schon ein Monat vergangen. Vier Monate sollte ich also insgesamt auf mein Erstgespräch warten. Da wird laut der Frau am Telefon nur mal eine vorläufige Diagnose gestellt, ob die Behandlung das richtige wäre und dann wird weiter gesehen. Sascha wusste das nicht. Ich hatte ihr nichts davon erzählt. Weder, dass ich wahrscheinlich depressiv war, noch dass ich deswegen beim Arzt war. Vielleicht ahnte sie es, vielleicht dachte sie auch nur, dass ich ein Arsch wäre. Eigentlich war ich es ja auch. Sowas teilte man anderen Personen eigentlich ja mit, aber ich brachte es nicht über mich. Ich konnte nicht genau sagen, ob es aus Scham war oder ob ich mich einfach so sehr von der Welt entfremdet hatte, dass ich mich nicht mitteilen konnte.
Irgendwann hatte ich mal im Internet einen Blog von einer Betroffenen gelesen. »Du bist nicht die Depression« hatte ihre Therapeutin damals gesagt. Aber stimmte das? Das eigene Handeln bestimmt, wer man ist — an diesen Grundsatz hielt ich mich bisher immer. Und wie bei allen psychischen Krankheiten bestimmen Depressionen die Gedanken und die Gedanken bestimmen meistens das Handeln. Das, was man tut und was man nicht tut. Also musste ich die Depression sein. Sie musste ein Teil von mir sein oder war ich nur ein Teil der Depression? Wie eine riesige Anakonda hakte sie ihren Kiefer aus und begann langsam zu schlucken. Die Muskelkontraktionen schoben mich immer weiter in den Magen hinein, wo die ätzenden, sauren Säfte mich langsam zersetzten, bis ich nur noch ein Haufen von unverdaulichen Resten war, die dann sicher rausgewürgt werden würden. Jaja, ich war nicht die Depression. Das sagt sich so einfach.
Wäre ich nicht depressiv, hätte ich Sascha nicht dazu gebracht nach Hause zu gehen. Ich hätte wenigstens mit ihr gefickt, um irgendwie die Illusion von Nähe mit Körperkontakt aufrecht zu erhalten. Ich wäre einfach nicht so ein elendiger, gemeiner Hund, dem die Gefühle der anderen irgendwie egal sind, weil ich keine eigenen Gefühle besitze. Abstoßend fand ich mich. Selbst lag ich hier wieder auf dem Bett, den Kopf voller schlechter Gefühle und Gedanken und brachte es nicht über mich, mich wie ein normaler Mensch zu verhalten.
Die Hitze wurde immer unerträglicher. Ich hatte das Gefühl, dass ich innerlich anfangen würde zu kochen. Da es jetzt schon Abend war, würde man erwarten, dass die Hitze etwas abklingen würde, dass die Welt sich ein wenig beruhigen und die untergehende Sonne etwas bewirken würde. Stattdessen wurde es immer schwüler und die Hitze erdrückte die Welt um sich herum immer mehr. Mein Zimmer war ein Backofen, ein Hexenkessel, ein Death Valley in dem die Geier über einem kreisten. Wie Jack Nicholson in Chinatown schwitzte ich mir die Seele aus dem Leib, während das Unheil sich immer mehr wie eine Schlinge um mich zusammen zog.
Ich fühlte mich elend. Ein innerer Druck schwoll in mir an. Irgendetwas musste ich tun. Diese Hitze, diese verdammte Hitze. Aber nein, ich konnte nicht die Depression sein. Eine Depression ist eine Krankheit, wie ein Herzleiden, eine Grippe oder ein Beinbruch. Nur weil man müde, nicht gesprächig und unkonzentriert von einer Grippe war, hieß es nicht, dass das auch zu den eigenen Charaktereigenschaften gehörte.
All das, wie ich mich jetzt fühlte, waren Symptome, nichts weiter. Ich als Mensch war eigentlich anders. Ich war nett, ich war witzig und meistens war ich auch sehr gesprächig. Ich konnte gut zuhören und war eigentlich auch emphatisch. Quasi das genaue Gegenteil von meinem jetzigen Zustand. Symptome waren das. Ich hatte das Gefühl, dass ich mich kontrollieren konnte, jetzt wo ich das mit mir geklärt hatte, dass ich eigentlich gar nicht so war, dass all das, was ich heute getan und gedacht habe, nicht ich war. Sondern ein fremdes Ich, das manchmal in meinem Kopf auftaucht und meine Gedanken beeinflusst und mir schlechte Dinge einredet. Wie der Nachbarsjunge, der mit elf schon angefangen hatte zu rauchen, einen eigenen Fernseher im Zimmer stehen hatte und mit 13 die ersten Pornos im Internet entdeckt hatte. Vor dem hatten einen die Eltern immer gewarnt und sahen es nicht gerne, wenn man mit ihm abhing, aber man tat es trotzdem. Und vielleicht zog man dann mal an einer Kippe. Der schlechte Einfluss, mit dem man irgendwann wusste umzugehen.
Ich nahm mein Handy und tippte: »Willst du doch nochmal rüber kommen?« Gesendet. »Ok.« antwortete Sascha. Die Minuten, bis es an der Tür klingelte vergingen langsam. Ich starrte an die Decke. Dann klingelte es und ich öffnete Sascha die Tür. Sie begrüßte mich mit einer Umarmung. »Hast du es dir anders überlegt?« fragte sie. — »Mhm« sagte ich. Wir gingen in mein Zimmer und legten uns aufs Bett. »Sorry, wegen vorhin. Mir geht es heute nicht so gut« sagte ich schließlich. »Warum gehts dir denn nicht gut?« fragte sie mich. Ich überlegte lange. Wie konnte ich ihr das erklären? Konnte ich es ihr überhaupt erklären? Was hätte ich sagen sollen? »Tut mir leid, dass ich so ein Arschloch bin, aber das bin nicht ich«? Denn am Ende bin doch ich es. Für Sascha spielt es keine Rolle, was ich denke, wie sehr ich in meinem Kopf mit mir kämpfe. Für sie gibt es den Nachbarsjungen nicht. Alles was für sie wichtig ist, ist wie ich mich verhalte und was ich tue und was ich nicht tue. Denn darauf kommt es an.
»Ich weiß nicht« antwortete ich schließlich. »Wie, du weißt nicht?« — »Ja, ich kann das irgendwie nicht in Worte fassen.« sagte ich. »Ach, Ian. Warum machst du’s uns nur so schwer?« sagte Sascha und starrte die Decke an. Ich sagte nichts mehr. Warum musste ich das Leben der Anderen nur so schwer machen? Ich wusste selbst nicht, was ich wollte, ich verstand mich nicht. Und das lies ich jetzt an anderen aus. Ich lies sie daran teilhaben, an meiner inneren Verkommenheit.
Was sollte ich auch sagen? Ich wusste es ja wirklich nicht so richtig. Ja klar, wahrscheinlich hatte ich Depressionen. Aber warum ging es mir nicht gut? Und ging es mir denn wirklich einfach nicht gut? Ich bereute es, ihr geschrieben zu haben. Was änderte sich schon, wenn Sascha hier war? Vielleicht war ich kurz besser drauf, aber irgendwann wäre das auch vorbei. Ich wollte sie eigentlich da nicht mit reinziehen. Sascha hatte genug um die Ohren, da brauchte sie mich und meine Stimmungsschwankungen nicht auch noch. Und vor allem brauchte sie nicht so jemanden, der unfähig war, sich mitzuteilen und darüber zu reden, was das Problem war. Wenn ich selbst nur gewusst hätte, was das Problem war. Die Symptome? Aber was, wenn die Symptome gar keine Symptome waren und ich mir das nur einredete, um nicht ganz so schlimm vor mir dazustehen. Ich war doch nur ein gemeiner Hund, der Sascha irgendwie dazu benutzte, um sich Nähe zu erschleichen und wenn sie einem dann angeboten wurde, schlug ich sie aus. So etwas kann gar kein Symptom sein, das kann nur ein schlechter Charakter sein. Und überhaupt, dachte ich nur an mich und was bei mir im Kopf so vor sich ging. Für die Probleme Anderer interessierte ich mich gar nicht.
Die Hitze fühlte sich so unerträglich an. In mir schwoll wieder ein innerer Druck an. Sascha sagte etwas zu mir, aber ich hörte nicht zu. Ihre Worte verdampften in der Hitze und drangen erst gar nicht zu mir durch. Ich nickte und sagte ab und zu mal ein »Mhm«, sodass es Sascha nicht so vorkam, als würde ich sie ignorieren. Meine Gedanken drehten sich immer wieder im Kreis. Immer wieder. »Ich hoffe, dir gehts mittlerweile ein bisschen besser« sagte Sascha. »Ja, ein bisschen« log ich. Eigentlich war Sascha viel zu gut zu mir. Ich behandelte sie, wenn es mir nicht gut ging, wirklich schlecht und trotzdem war sie mir nie nachtragend gewesen. So etwas hatte ich gar nicht verdient. Sascha verabschiedete sich.
Ich lag wieder allein auf dem Bett, den Blick an die Decke geheftet. Warum hatte ich Sascha angelogen? Ich konnte es mir nicht erklären. Außer damit, dass ich einfach ein schlechter Mensch war, der Menschen, die einem eigentlich nahe standen anlog, sie auf Distanz hielt und immer weiter von sich wegschob. Falls es Sascha irgendwann einmal zu viel mit mir werden würde, wäre ich ganz sicher selbst daran Schuld. Ich machte es uns einfach schwer. Ich machte ihr das Leben schwer und ich machte mir das Leben schwer. In mir schwoll wieder ein innerer Druck an. Ein Druck der raus musste, der mich dazu zwingen wollte, irgendetwas zu tun. Vor meinem inneren Auge breitete sich das ganze Elend meiner Existenz aus. Eine Existenz, die keine Zukunft hatte, die zum scheitern verurteilt war. Meine Gedanken drehten sich nur noch darum. Der Druck machte mich nervös, wollte dass ich etwas tat, was ich nicht tun wollte. Ich stand auf und ging auf den Balkon, um eine Kippe zu rauchen, doch der Druck blieb da. Ich setzte mich aufs Bett. Mittlerweile war mir sogar die Hitze egal. Meine Gedanken konnten sich nur noch um diese eine Sache drehen. Mein Herz klopfte.
Schlaftabletten. Mein Hausarzt hatte mir Schlaftabletten verschrieben, weil ich Schlafstörungen hatte, als das mit der Depression wieder los ging. Ich durchwühlte die Schublade meines Nachtschränkchens und fand die Packung. Ich öffnete sie. Eine einzige Tablette war noch darin. Ich fragte mich, ob es fahrlässig von ihm gewesen war, mir Schlaftabletten zu verschreiben. Aber es waren nur zehn Stück gewesen und um irgendetwas damit anzufangen, hätte es wohl eine Hand voll mehr sein müssen. Ich schluckte die Tablette. Ein bitterer Geschmack von Eisen machte sich auf meiner Zunge breit. Dann legte ich mich wieder hin und schlief ein.