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Shoah

Dokumentationen und Dokumentarfilme erfreuen sich in letzter Zeit großer Beliebtheit. Das einstige Image des verstaubten, langweiligen Films, den man höchstens in der Schule mal zu sehen bekommt, wenn einem Lehrer nichts einfällt womit er die Stunde füllen kann, ist längst abgelegt. Dank Netflix & Co. sind Dokumentarfilme genauso in der Popkultur angekommen, wie Blockbuster. Biopics sind hier natürlich die Ausnahme, die sich schon immer größerer Beliebtheit erfreuen.
Als prominente Beispiele, die mittlerweile schon in der Popkultur angekommen sind, lassen sich Filme wie Super Size Me, die Michael Moore Dokumentationen, Making a Murderer und viele weitere nennen. Doch was genau ist eine Dokumentation bzw. ein Dokumentarfilm? Hier muss ein kleiner Unterschied gemacht werden. Das Filmlexikon der Universität Kiel definiert eine Dokumentation wie folgt:

»Die wohl umfangreichste journalistische Form, die ein Geschehen oder Thema in einen umfassenden Zusammenhang einordnet, dabei eine möglichst objektive Position einnehmend, sachlich informierend und sich jeglicher Bewertung enthaltend, wird „Dokumentation“ genannt. Sie fußt auf einer gründlichen Recherche, zu der Interviews mit Beteiligten und Betroffenen, Gespräche mit Experten und die Nachforschung nach einschlägigem Material in möglichst vielen Archiven gehört. Sie arbeitet mit Aktenauszügen, dokumentarischen Texten und – bei Hörfunk und Fernsehen – mit Originalaufnahmen, die ihr Authentizität, Lebendigkeit und Gegenwärtigkeit verleihen.« (Quelle, Stand: 26.06.2018)

Ein Dokumentarfilm wird dagegen wie folgt definiert:

»Filmform, die ausdrücklich auf der Nichtfiktionalität des Vorfilmischen besteht. […] Das Konzept des „Dokumentarfilms“ wurde von dem britischen Kritiker und Filmer John Grierson erstmals 1926 geprägt – als ein auf Robert Flahertys Tahiti-Film Moana (1926) bezogener Begriff des nichtfiktionalen Films, dessen Aufbau sich nicht an den Regeln der klassischen Dramaturgie oder vorgeformten narrativen Mustern orientiert, sondern das „wirkliche Leben“ mit Menschen auf die Leinwand bringt, die als sie selbst vor die Kamera treten (documentary value). Der Dokumentarfilmer ist Zeuge von Handlungen, Ereignissen oder Phänomenen der Zeitgeschichte, die er mittels Film erschließt, verdeutlicht, analysiert oder rekonstruiert, wobei er als Autor z.B. im Interview je nach künstlerischem Konzept als Fragender, Gesprächspartner etc. an- oder abwesend sein kann. […] In den 1960er Jahren entbrannten mehrere Dokumentarfilm-Debatten, in der es um die Methoden des Dokumentarfilms ging, um die Zulässigkeit des Eingriffs, um die Rolle von Subjektivität und politischem Interesse, das (symbolische) Machtverhältnis zwischen Dokumentarfilmer und Gefilmten (vereinfacht gesprochen: das Direct Cinema begleitet soziale Prozesse, das Cinéma Vérité stimuliert sie). Auch wurden seitdem zahlreiche neue Subgattungen ausgebildet, wie z.B. das Doku-Porträt, der inszenierte und experimentelle Dokumentarfilm, der Interviewfilm sowie die Querschnitts-Dokumentation. Der investigative Dokumentarfilm übernimmt seine Methode vom investigativen, Stellung beziehenden Journalismus.« (Quelle, Stand: 26.06.2018)

Die angesprochenen Unterschiede zwischen Direct Cinema und Cinéma Vérité zeigen sich auch heute noch in der Machart vieler Dokumentationen. Während im Cinéma Vérité die Kamera und Interviewer bewusst da sind, um Konflikte aufzunehmen und diese eventuell auch hervorzurufen, treten der Interviewer und die Kamera im Direct Cinema in den Hintergrund (Quelle; Quelle, Stand: 26.06.18)
Vergleicht mein beide Definitionen, fallen doch einige Unterschiede auf: Die Dokumentation ist möglichst objektiv und soll informieren. Beim Dokumentarfilm gibt es hingegen auch Subgenres die eine gewisse Subjektivität erlauben. Außerdem gibt es Ansätze, die sich dem Einfluss einer Kamera und eines Interviewers bewusst sind und diese teilweise auch bewusst einsetzen. Was aber lässt sich jetzt festhalten?
Das Ziel eines Dokumentarfilms bzw. einer Dokumentation ist es, die Realität einzufangen und festzuhalten. Das Ganze soll möglichst objektiv geschehen oder zumindest im Rahmen einer »filmischen Kolumne«, bei der sich der Regisseur eine gewisse Subjektivität erlaubt. Die Recherche ist ein wichtiger Bestandteil der Filme. Außerdem folgt das Machwerk keiner normalen Dramaturgie, wie wir sie aus dem Spielfilm kennen, sondern besitzt eine eigene.
Wenn man sich diese Definition noch einmal anschaut, bemerkt man doch recht schnell, dass die meisten Dokumentationen, die heute in der Popkultur vertreten sind, in die Gattung des investigativen Dokumentarfilms fallen. Der Regisseur und Autor des Films nimmt zu einem bestimmten Thema, das in der Realität fußt und existiert, Stellung und zeigt dies deutlich im Film. Die Dramaturgie des Films ist darauf ausgerichtet und Objektivität weicht zu einem gewissen Teil der subjektiven Meinung des Autors. Beste Beispiele sind hier wahrscheinlich die Michael Moore Dokumentarfilme.
Hier stellt sich jetzt aber die Frage, die ein Stück weit vom persönlichen Geschmack abhängt: Was ist mein Anspruch an einen Dokumentarfilm? Möchte ich eine objektive Darstellung der Realität oder möchte ich eine subjektive »filmische Kolumne«? Zweites ist ohne Frage »spannender« für den Zuschauer, da die Dramaturgie sich durch die Subjektivität ergibt und das Narrativ, das was der Film erzählen möchte, durch eine Meinung geprägt ist. Sie ist reißerischer und klarer in ihrem Ergebnis, aber verfehlt den eigentlichen Zweck eines Dokumentarfilms. Objektivität wird hinten angestellt und das, was das Wort der »Dokumentation« aussagt, wird nur in Teilen vollzogen. Es wird nicht nur dokumentiert, sondern auch bewertet und selektiert.
Ein Film, der den wahren Kern des Dokumentarfilms trifft ist meiner Meinung nach »Shoah« von Claude Lanzmann. »Shoah« dokumentiert. Er dokumentiert das größte und grausigste Verbrechen der Menschheitsgeschichte, die unvergleichliche Barbarei des Holocaust und hält fest, was sonst vergessen worden wäre. Genau da, wo eine subjektive Dokumentation versagt, setzt Lanzmann mit »Shoah« an und hat es vollbracht, den wichtigsten und besten Dokumentarfilm aller Zeiten zu drehen. Dass »Shoah« ein Meilenstein des Dokumentarfilms ist, ist kein Geheimnis. Aber was genau macht diesen Film so besonders?
Schon allein die Laufzeit von neuneinhalb Stunden ist ein Alleinstellungsmerkmal des Films. 11 Jahre lang reiste Lanzmann hierfür durch Polen, Deutschland und weitere Länder, interviewte dabei Zeitzeugen und besuchte die Orte, an denen das eine Verbrechen stattfand. Nicht mehr und nicht weniger. Es wird nur selbst aufgenommenes Filmmaterial verwendet, keine Archivbilder oder Archivaufnahmen fanden ihren Weg in den Film. Nur das, was während den Dreharbeiten zugegen war, wird dokumentiert und aufgezeichnet.
Diese besondere Machart, die doch relativ ungewöhnlich für Dokumentationen über historische Ereignisse ist, ist für die Thematik die einzig richtige. Es muss durch Archivaufnahmen nicht schockiert werden, denn das Erzählte der Zeitzeugen ist erschreckend genug. Auch sammelt Lanzmann hier neues Material, was zur Aufarbeitung des Holocaust beiträgt. Vorher nicht Aufgezeichnetes wird gezeigt und von Historikern, die Lanzmann im Film ebenfalls interviewt, durch die Fragen von ihm in den größeren Kontext eingeordnet.
Lanzmann hat meiner Meinung nach mit »Shoah« die perfekte Dokumentation geschaffen. Alles andere wirkt im Vergleich dazu wie eine Reportage. Als Einziger wird er dem Namen des Genres, der Filmgattung, gerecht. Denn Lanzmann dokumentiert.
Er dokumentiert Geschichte anhand von sicheren Quellen. In dem Fall Augenzeugenberichten und Überresten von Gebäuden. Es gibt keinen Erzähler, der uns eine Zusammenfassung von der Recherche gibt. Wir verfolgen quasi den Prozess der Recherche und sehen zugleich das Ergebnis.
Im Gegensatz zu vielen Dokumentationen hat der Film kein Narrativ, welches Lanzmann erzählen will. Der Film erhält sein Narrativ durch die Zeitzeugen, die davon berichten, was geschehen war. Das Narrativ des Films bestand schon allein durch die Intention zu dokumentieren, was geschehen war. Lanzmann tritt dabei in den Hintergrund, er beobachtet und stellt Fragen — kritische und wichtige Fragen, die wir alle zu hören bekommen. Die Aussagen der Zeitzeugen werden so in einen klaren Kontext gesetzt und wir wissen, wie diese zu Stande kamen. Die Aufnahmen sind ausufernd, teilweise wird minutenlang kein einziger Schnitt gesetzt, um die Aussagen und die Emotionen der Interviewten möglichst in Reinform festzuhalten. Selbst wenn Opfer des Holocaust ihre Fassung verlieren lässt Lanzmann weiter filmen und setzt keine Schnitte. Opfer, die in den Verbrennungsanlagen eingesetzt wurden, erzählen von ihrer Zwangsarbeit und von den grausamen Szenen die sich in den Gaskammern abgespielt hatten. Durch das Fehlen der Schnitte, die ausufernden Aufnahmen der Interviews und die wichtigen Fragen Lanzmanns erhält der Film einen Detailgrad, den man sonst nur aus wissenschaftlichen Arbeiten kennt.
Auch fokussiert Lanzmann sich auf das Essentielle, das, was den Holocaust in seiner Singularität auszeichnet: Die Vernichtungslager, die Mordmaschinen, die »Fließbänder des Todes«, wie ein – heimlich gefilmter – ehemaliger SS-Mann sie nennt. Denn wie schon Raul Hilberg, der für diesen Film als Historiker ebenfalls interviewt wurde, anmerkt, sind die Vernichtungslager das Neue. Das, was zuvor noch nie jemand getan hatte.
Man bekommt auch einen guten Einblick in die Mentalität der Täter, die Lanzmann (bis auf einen) heimlich filmen lässt. Keiner habe von dem großen Ganzen gewusst, keiner hätte etwas tun können, nicht einmal als sie selbst in Vernichtungslager arbeiteten und Hand anlegten. Es gibt Überschneidungen des Charakters dieser Täter mit Arendts Bericht über Adolf Eichmann. Sie waren Schreibtischtäter, die Juden vernichteten ohne die Juden zu hassen. Ein sinnentleerter Antisemitismus, der auf deutscher Hörigkeit und Gründlichkeit beruht. Sie erzählen ihm bereitwillig von ihrem Verbrechen, in dem naiven Glauben, dass Lanzmann nicht filmen würde und alles für sich behalten würde. Lanzmann stellt wieder fragen, weniger über das was die Täter im einzelnen Taten, als über die Abläufe in den Konzentrationslagern. Über den Aufbau der Lager, über die Laufwege und Stationen, die die Opfer durchlaufen mussten, über den technischen Aufbau der Gaskammern und LKWs, in denen die Juden zu Beginn des Holocaust noch vergast wurden. Als wäre es ein alltägliches Gespräch erzählen die Täter ihm alles. Keinerlei Reue ist zu spüren. Die ganzen Emotionen, die bei den Opfern zu sehen waren, fehlen hier völlig.
Auch besucht Lanzmann das ländliche Polen und interviewt dort Anwohner, die während des Holocaust dort gewohnt haben. Er lässt sie herumgehen und zeigen, wo überall Juden gewohnt hatten. Sie zeigen es ihm bereitwillig und erzählen die Geschichten von damals gerne, als man mit den Juden in Viehwagons durch den örtlichen Bahnhof fuhr. Sie gehen herum und zeigen ihnen wo genau die Juden aus den Wagons entladen und in LKWs gebracht wurden. Bauern zeigen ihm die Stellen, an denen der Zaun stand, hinter dem das Konzentrationslager war. Er stellt ihnen Fragen, nicht mal besonders subtile Fragen. Ob sie froh wären, dass die Juden nun weg wären. Manche verfallen in Wehmut. Es waren ihre Freunde und nette Leute gewesen. Manche antworten, dass es den Polen jetzt besser ginge.
»Shoah« liefert einen sehr detaillierten Einblick in das schlimmste Verbrechen. Er dokumentiert das Geschehene auf eine Weise, die man zuvor nicht kannte. Ehrlich und ungeschönt, emotional und doch sachlich. Wir bekommen Fakten wie in einer wissenschaftlichen Arbeit zu hören und zu sehen, aber wir bekommen auch Emotionen zu spüren und vergessen nicht, dass es sich bei den Opfern um Menschen handelt. Täter- wie Opferseite wird akribisch dokumentiert, um so ein Gesamtbild zu schaffen.
Natürlich steht der Film auch unter dem subjektiven Einfluss von Lanzmann. Das gefilmte Material wurde natürlich selektiert, um schließlich auf die neuneinhalb Stunden zu kommen, wodurch der Film auch eine gewisse Thematik und einen gewissen Fokus erhält. Auch lenken die Fragen Lanzmanns die Interviews in eine Richtung. Aber das ist nicht anders als bei jeder wissenschaftlichen Arbeit, bei der am Anfang eine Frage gestellt wird, nachdem das zu untersuchende Material ausgerichtet wird. Und genau das geschieht hier auch. Lanzmann fragte sich: Wie waren die genauen Abläufe? Was hat das Erlebte aus den Opfern gemacht? Was haben sie erlebt? All diese wichtigen Fragen werden im Film ausführlich beantwortet. Jeder sollte, nein muss, diesen Film gesehen haben, dass Auschwitz nie wieder sei.