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Lost in Translation

Einsam, alleine, abgesondert, für sich, isoliert, verlassen, lost.

Jeder von uns war schon einmal einsam und weiß genau, wie sich das anfühlt. Manche vielleicht nur für kurze Zeit, manche über einen längeren Zeitraum und einige wenige vielleicht sogar ihr ganzes Leben. Dieses Gefühl einzufangen und adäquat zu beschreiben, ist unglaublich schwierig. Manchmal ist es kitschig, manchmal sympathisiert man mit dem Charakter nicht, manchmal werden einfach nicht die richtigen Worte gefunden und manchmal trifft es einfach die Essenz nicht. Da gibt es zum Beispiel so Filme wie Begin Again. Eigentlich ein wunderbarer Film. Aber wenn Adam Levine bedeutungsschwanger in die Ferne sieht und sich dabei nachdenklich ans Kinn greift, weil er sich als Musiker auf Tour einsam fühlt und seine Ex-Freundin vermisst, fehlt es einfach an Ehrlichkeit und dem Verständnis für dieses Gefühl.
Es gibt aber einen Film auf dieser Welt, der es nicht besser schaffen könnte, dieses Gefühl zu beschreiben und zu zeigen: Lost in Translation. Geschrieben, gedreht und produziert wurde der Film von Sofia Coppola. Die Hauptrollen spielen Bill Murray und Scarlett Johansson. Zum ersten mal hörte ich von dem Film in einer Kinosendung. Er wurde in einem Nebensatz erwähnt, als über Bill Murray gesprochen wurde. Ungewöhnlich sei die Rolle. Ernst. Damals weckte das bei mir noch keine Aufmerksamkeit. Wer war denn schon Bill Murray? Der Typ aus Ghostbusters und Zombieland. Doch je mehr ich mich mit dem Film beschäftigte und je mehr ich sah, desto mehr konnte ich mit diesen Aussagen über Bill Murray anfangen. Dann, eines Abends als ich auf der Couch lag und wieder einmal nicht wusste, was ich tun sollte, scrollte ich durch Netflix und stieß dann auf Lost in Translation. Das Poster war mir geläufig, da ich Filmposter und die Kunst dahinter liebe und da das Poster zu Lost in Translation doch heraussticht. Bill Murray sitzt dabei im Bademantel auf einem Bett und starrt in die Ferne. Das ganze Poster ist in einem orange-braunen Farbton gehalten.
Wahrscheinlich klickte ich am Ende wirklich nur wegen des interessanten Posters auf den Film. Mit jeder Sekunde, die der Film über den Fernseher lief, wusste ich, dass ich hier gerade etwas besonderes sah.
Der Film handelt von Bill Murray, einem Filmstar, der nach Japan reist, um einen Werbespot zu drehen. Im gleichen Hotel wohnt Scarlett Johansson, die Frau eines hippen Fotografen, der den ganzen Tag unterwegs ist. Im Laufe des Films treffen beide aufeinander und freunden sich an.

Aber warum ist dieser Film so gut? Weil er nicht kitschig ist. Weil er es schafft, das Gefühl der Einsamkeit auf eine ehrliche, undramatische aber dennoch sehr emotionale Weise einzufangen. Das liegt vor allem an Sofia Coppola, die in diesem Film ihre eigenen Erlebnisse verarbeitete. In den 90ern arbeitete sie für ein Modeunternehmen in Tokio und konnte ihre Erfahrungen auf die Hauptfiguren übertragen. Aber nicht nur ihre eigenen Erlebnisse machen diesen Film so real, sondern auch seine Machart. Viele Dialoge und Performances wurden von den beiden Darstellern improvisiert, was sie um einiges persönlicher machen.
Lost in Translation fängt nicht die Einsamkeit ein. Denn die gibt es nicht. Es gibt so viele verschiedene Lebensumstände und Situationen, in denen wir uns einsam fühlen können. Lost in Translation behandelt mehrere dieser Umstände.
Zum einen natürlich das Offensichtliche: die Einsamkeit unter Fremden. Scarlett Johansson und Bill Murray befinden sich beide in einem fremden Land, das unterschiedlicher zu ihrem Heimatland nicht sein könnte. Die Sprache ist komplett anders und beide beherrschen sie nicht, die Kultur und die Gepflogenheiten sind fremd. Eine Szene, die einem hier im Gedächtnis bleibt, ist die Szene im Krankenhaus. Scarlett Johansson verletzte sich im Laufe des Films am Fuß und ist nun im Krankenhaus, um behandelt zu werden. Der Arzt spricht kein Englisch, sie kein Japanisch. Schon allein die Suche nach der richtigen Krankenstation wurde zum Abenteuer. Während Scarlett Johansson versucht die Gestik des Arztes zu interpretieren, sitzt Bill Murray vor dem Behandlungsraum und wartet. Ein alter Mann spricht ihn dabei an, beide verstehen sich nicht, aber verständigen sich mit irgendwelchen Lauten. Es gibt aber noch viele weitere Bilder, die dieses Gefühl einfangen. Seien es Bilder von Scarlett Johansson, die alleine und fasziniert durch die Spielhallen von Tokio läuft oder Bill Murray, der alleine im Fitnessraum des Hotels auf dem Crosstrainer trainiert und bei der Bedienung des desselben scheitert, dieser immer schneller wird, er ihn nicht anhalten kann und niemand da ist um ihm zu helfen. Dann gibt es noch die berühmte Szene bei dem Dreh der Werbung, in dem der Regisseur Bill Murray viele und lange Anweisungen gibt, aber die Dolmetscherin nur wenige Worte davon übersetzt. Und selbst bei vermeintlich Gleichgesinnten kann dieses Gefühl auftreten. In einer Szene sitzt Bill Murray in der Sauna, mit ihm noch zwei Ausländer, die auf Reisen sind. Also durchaus eine Personengruppe, zu der man irgendeine Verbundenheit fühlt, da sie ja zur Zeit in den gleichen Umständen lebt. Allerdings sind diese zwei Ausländer in der Saune Deutsche, die sich nur darüber unterhalten, wie sehr sie deutsches Essen vermissen (ich habe hierbei den Verdacht, dass diese Szene ebenfalls improvisiert ist und die beiden von alleine auf den Gesprächsinhalt kamen).
Das Gefühl das hier vermittelt wird, ist eines der gänzlichen Verlorenheit. Man fühlt sich als Außenseiter, als Fremdkörper ohne jegliche Verbindung zur Außenwelt. Man wird wortwörtlich nicht verstanden und versteht die anderen Menschen auch nicht. In manchen Szenen wird es leicht aufgenommen. Bill Murray macht sich oft einen Spaß daraus, aber gelegentlich kann die Situation nicht mit Humor kompensiert werden. Dann kommt das rohe Gefühl durch, dass man allein auf dieser Welt ist.
Beide Charaktere sind von ihren Partnern entfremdet. Bill Murray schafft es nicht mehr seiner Frau am Telefon »Ich liebe dich« zu sagen, alles worüber sie reden, ist der Teppich in ihrem Haus und wenn er ihr davon erzählen will, wie einsam er sich fühlt, dringt er nicht zu ihr durch. Scarlett Johansson fühlt sich wie ein überflüssiges Anhängsel, während ihr Mann unterwegs ist, um Fotos zu machen. Als er ihr Freunde von sich vorstellt und alle gemeinsam essen, kann sie mit den Gesprächsthemen nichts anfangen. Gefühle und Situationen, die wir alle vielleicht schon einmal erlebt haben. Die wichtigste Person, die Person der wir uns eigentlich am meisten verbunden fühlen, ist uns plötzlich fremd und wir können nichts mit ihr anfangen, beziehungsweise kann die Person nichts mit uns anfangen. Die Gefühle, die sonst auf einer Wellenlänge sind, könnten nicht unterschiedlicher sein. Aber auch von Freunden sind beide entfremdet. In einer Szene telefoniert Scarlett Johansson mit einer Freundin, vielleicht auch mit ihrer Mutter, und erzählt von ihren Problemen und Ängsten, doch das Gegenüber am Telefon hört gar nicht richtig zu, ähnlich wie bei Bill Murray und seiner Frau.
Es ist unbestreitbar, dass beide in dem Film den Weg einer romantischen Beziehung durchmachen. Sie lernen sich kennen, verbringen viel Zeit miteinander, reden über sehr persönliche Dinge und erfreuen sich einfach nur an der Anwesenheit des Anderen. Doch auch hier gibt es einen Moment der Einsamkeit. Es wird das Gefühl ausgelöst, dass ein Mensch, mit dem man zusammen viel erlebt und durchgemacht hat, einem dann doch gar nicht so ähnlich ist. Als Bill Murray einen One Night Stand mit einer Sängerin hat, die regelmäßig im Hotel auftritt, gibt es einen Moment der Entfremdung, der Scarlett Johansson an allem zuvor Erlebten zweifeln lässt. Dieses Gefühl haben wir auch schon alle einmal erlebt. Man fühlt sich fremd, als wären die ganzen Gemeinsamkeiten und erlebten Momente eine Lüge gewesen. Als wäre man sich nie ähnlich gewesen und würde gar nicht zueinander gehören. Die gesamte Geborgenheit, die in dieser zwischenmenschlichen Beziehung liegt, geht verloren. Man fühlt sich, als würde man in ein tiefes Loch ohne Boden fallen.
Als Zuschauer fühle ich mich den beiden Figuren so nahe, dass manchmal die Grenze verschwimmt. Eigene Erinnerungen und Assoziationen kommen mit dem Gezeigten auf, sodass man sich nicht nur mit den Figuren verbunden fühlt, sondern auch selbst die eigenen Erlebnisse noch einmal nachfühlt. Und das alles schafft der Film einfach mit Ehrlichkeit. Er zeigt alltägliche Situationen in einem Setting, die wir alle nachfühlen können und vielleicht schonmal erlebt haben. Es gibt kein großes Drama, keinen riesigen Streit, keinen Konflikt auf den der Film hinaus läuft, sondern nur Situationen und Szenen, die direkt aus dem Leben gegriffen sind. Und genau das macht diesen Film so großartig.

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