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Molly

Ich startete meine Playlist, in der ich alle meine Lieblingssongs gesammelt hatte. Der erste Song fing an zu spielen. Weiter. Der Nächste begann mit einer Gitarre, die gefühlvoll und ganz sanft gespielt wurde. Weiter. Der Song, der darauf folgte hielt gerade mal drei Sekunden durch. Vielleicht war ich gerade nicht in der Stimmung, um Musik zu hören, dachte ich mir.
Ich öffnete YouTube und klickte mich so durch die Trends. Nichts war dabei, was mich interessierte. Dann klickte ich mich durch einige Kanäle, die ich bereits kannte, vielleicht war da ja etwas neues dabei. Auch nichts. Ich stieß über ein älteres Video, was ich bestimmt schon 20 Mal gesehen hatte. Es war so eins von den Videos, die man sich immer anschauen konnte, wenn einem langweilig war. Manche Menschen machen das mit Filmen und Serien, ich aber auch mit Videos. Die ersten paar Minuten liefen, doch irgendwie langweilte es mich. Ich konnte mich nicht wirklich darauf konzentrieren, also schloss ich YouTube wieder.
Mir fiel beim blinzeln auf, wie schwer meine Augen doch waren. Als ich sie wieder öffnete brannten sie ein bisschen, dabei war es gerade mal 10 Uhr. Ich lag noch ein bisschen da und überlegte was ich jetzt tun könnte, doch ich wusste einfach nichts mit mir anzufangen. Also stand ich auf und machte mich fertig fürs Bett. Das Zähneputzen machte mich noch müder. Die monotonen Bewegungen der Zahnbürste, das Starren in den Spiegel und das schummerige Licht im Badezimmer liesen meine Augen noch schwerer werden. Ich fühlte mich nicht mehr, als wüsste ich nichts mit mir anzufangen, denn ich freute mich auf mein Bett. Seit Tagen hatte ich schlecht geschlafen. Wahrscheinlich war das auch der Grund, warum ich schon so früh müde war.
Ich lies mich in mein Bett fallen. Die Decke fühlte sich warm an und das Kissen weich. Meine Augen fielen mir sofort zu, als ich mich zur Seite drehte. Ich war mir sicher, es würde diesmal nur wenige Minuten dauern, bis ich tief und fest schlafen würde. Während ich so einschlief, überlegte ich was ich morgen alles erledigen könnte. Doch mir fiel nichts ein, was ich zu tun hätte. Rein gar nichts. Zur Zeit war ich arbeitslos. Also nicht wirklich. Offiziell studierte ich, inoffiziell lebte ich bei meinen Eltern und wartete darauf, bis mir etwas einfiel was ich tun könnte. Vielleicht würde ich morgen einkaufen fahren und etwas kochen. Oder ich würde den ganzen Tag Serien schauen. Oder jemand von meinen Freunde hätte Zeit. Doch dann fiel mir ein, dass die wenigen, die noch hier waren, mit arbeiten beschäftigt waren. Der Rest war in die große weite Welt ausgezogen, um zu studieren.
Eigentlich hatte ich das auch tun wollen, aber von allen Unis an denen ich mich beworben hatte bin ich abgelehnt worden. Mein Plan, oder der Plan meiner Eltern, war es gewesen, dass ich mir noch kurzfristig eine Ausbildungsstelle suchen wollte. Die Bewerbungen sind aber nie rausgegangen. Die Gedanken daran ließen mich unwohl fühlen. Ich wollte schlafen. Meine Augen brannten und meine Beine waren schwer, doch mein Kopf wollte sich nicht abstellen.
Um dann doch nicht arbeitslos zu sein, schrieb ich mich für den Studiengang »Kirchenmusik« in der nahe gelegenen Uni ein. Seither waren fast drei Monate vergangen. Drei Monate, in denen ich nichts getan hatte, außer rumzuliegen und mir zu sagen »Das wird schon alles irgendwie«. Was, wenn es nicht schon irgendwie werden würde? Morgen würde meine Mutter wieder fragen, was ich denn jetzt nun machen werde. Dass ich mir einen Nebenjob suchen sollte oder mich um mein Studium kümmern sollte. Mein Vater würde dann irgendwann später zu mir kommen und fragen »wie es aussieht«. Antwort bekämen beide nicht.
Denn ich hatte auch keine Antwort. Tag für Tag lebte ich hier, mehr oder weniger auf Kosten meiner Eltern und wusste nichts anzufangen mit mir und der Welt. Woher sollte ich auch wissen, wie es weiter gehen sollte? Ich drehte mich auf die andere Seite. Meine Augen waren immer noch schwer, aber in meinem Inneren machte sich eine Unruhe bemerkbar. Mein Herz begann heftiger zu schlagen, mein Hirn wurde wacher. Ich konnte spüren, wie Adrenalin freigesetzt wurde und ich feuchte Hände bekam. Immer wieder warf ich mich hin und her. Meine Gedanken kreisten. Ich dachte immer wieder darüber nach, dass ich mich endlich dazu aufraffen musste und etwas mit meinem Leben anfangen musste. Damit ich endlich meinen Eltern stolz sagen konnte, dass ich wusste, was aus mir wird. Langsam überkam mich doch die Müdigkeit. Morgen würde ich schon eine Lösung finden. Morgen.
Es war kein erholsamer Schlaf und ich träumte wirres Zeug. Ich stritt mich in den Träumen mit diversen Leuten. An die Gründe dafür konnte ich mich nicht mehr erinnern. Mein Mund war staubtrocken, doch ich wurde nicht richtig wach. Meine Lippen fühlten sich an, als würden sie gleich aufplatzen. Das innere meines Mundes fühlte sich rau an. Wenn ich versuchte mit der Zunge meinen Mund zu befeuchten, war es als würde ich über Sandpapier lecken. Ich befand mich in einem ekelhaften Zustand, einem Halbschlaf in dem ich wusste, dass ich wach werden musste, aber mein Körper mir nicht gehorchte. Ich weiß nicht wie lange ich so dalag, doch irgendwann schaffte ich es neben mein Bett zu greifen, um nach einer Wasserflasche zu tasten. Ich tastete den ganzen Bereich ab, doch meine Hände bekamen nichts zu greifen. Ich suchte nach meinem Handy, um etwas Licht zu machen. Im Gegensatz zu dem Wasser fand ich es gleich. Der Bildschirm meines Handys blendete mich, sodass ich die Augen zusammenkneifen musste. Als sie sich endlich an das Licht gewohnt hatten sah ich mich um. Die Befürchtung die ich hatte, bewahrheitete sich: Es stand keine Wasserflasche hier. Ich überlegte ob ich es schaffen würde mit einem derart trockenen Mund wieder einzuschlafen. Ich kam zu dem Ergebnis, dass es unmöglich sein würde. Also schälte ich mich aus der Decke, die halb zusammengeknotet auf mir lag und schleifte mich in die Küche. Mit einem Zug leerte ich ein Glas Wasser und nahm die restliche Flasche mit.
Ich knotete die Decke wieder auseinander und legte mich hin. Meine Augen waren trotz des grellen Handylichtes immer noch schwer. Doch dann schossen mir wieder Gedanken durch den Kopf. Ich versuchte sie abzustellen, doch es ging nicht. Was, wenn ich überhaupt nichts finden würde. Wenn ich immer in diesem Zustand festsitzen würde, in dem ich nicht weiß was ich mit mir anfangen soll. Ich hatte doch überhaupt nichts vorzuweisen. Ich war nichts, ich konnte nichts, ich trug nicht einmal eine Uniform. Wie denn auch, wenn ich den ganzen Tag nichts tat und meine Zeit mit mir selbst verschwendete. Je länger ich darüber nachdachte, desto sicherer war ich, dass ich immer in diesem Zustand bleiben würde. In einem Zustand der Lethargie und des Versagens. Ich war schon am Boden, in der untersten Schublade, alle Erwartungen an mich hatte ich bereits unterboten, doch ich war immer noch am versagen. Nach unten war der Weg des Versagens immer offen. Niemals würde ich etwas mit mir anfangen können. Niemals würde ich einen großen Plan für mein Leben haben. Ich würde bei meinen Freunden immer die Vollversagerin bleiben. Mir fiel ein, dass ich von Ian gehört hatte, dass Sascha bald nach Hause zu Besuch kommen würde. Sie hatte damals ihren Traumstudienplatz bekommen. Wir würden uns treffen, sie würde von sich erzählen und fragen, was ich machen würde und ich würde nichts antworten können. Meine Gedanken drehten sich noch weiter im Kreis, bis ich endlich einschlief.
Meine Träume waren ähnlich wirr und unruhig wie zuvor. Plötzlich wurde ich wach, irgendein Knall war vor meiner Tür. Ich öffnete meine schweren Augen. Draußen war es schon hell. Ich hörte noch einmal genau hin. Irgendjemand lief vor der Tür, es klang als würde jemand etwas vom Boden aufsammeln. Den Schritten nach zu urteilen, war es mein Vater. Ich tastete nach meinem Handy und sah auf die Uhr. Acht. Ich drehte mich um und versuchte wieder einzuschlafen, doch die Gedanken begannen zu kreisen.

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