Suche Menü

Schwitzen

»Willst du gehen?« fragte sie mich.
Ich zuckte nur mit den Schultern. Keine Ahnung. Wollte ich gehen? Ich wusste es selbst nicht. Ich saß auf der Couch. In der einen Hand hatte ich meine Kippe, in der anderen das Bier, dass durch meine Hand und die Umgebungstemperatur pisswarm war. Ich nahm einen Schluck. Mann, schmeckte das beschissen.
»Ja, lass uns abhauen« sagte ich.
Ich hatte mich sowieso schon den ganzen Abend unwohl gefühlt. Wir sagten den anderen Leuten auf der Party »Auf Wiedersehen« und gingen ins Treppenhaus. Hier war es ein wenig kühler. Ich schüttelte innerlich den Kopf. Welcher Idiot kam auf die Idee, bei 36 Grad, eine WG-Party zu feiern. Wäre da drinnen der Schweiß von der Decke getropft, hätte es mich nicht gewundert.

Sie drückte die Haustür auf. Ein Schwall an heißer Luft kam uns entgegen. Die Sonne war gerade am Untergehen, aber der Asphalt heizte von unten noch nach. Wir liefen zum Auto. Ich versuchte den Schlüssel aus meiner Hosentasche zu kramen, doch die Hose war zu eng und zu verschwitzt und es dauerte einige Augenblicke, bis ich ihn draußen hatte. Ich warf ihr den Schlüssel zu und stieg auf der Beifahrerseite ein.  Eigentlich war es ja ihr Auto, aber ich war hergefahren und hatte den Schlüssel noch in meiner Tasche gehabt. Der Wagen sprang an und wir fuhren vom Parkplatz. Niemand von uns beiden sagte etwas. Ich hatte keine Lust zu reden und sie offensichtlich auch nicht. Auf meiner Stirn formten sich Schweißperlen.

Ich kurbelte das Fenster nach unten und hielt meine Hand nach draußen. Der Fahrtwind war aber nicht kühl, sondern genauso heiß wie alles an diesem Tag. Ich sah zu ihr rüber. Sie sah angestrengt auf die Straße und kurbelte auch ihr Fenster runter. Mein Blick fiel auf das Radio, das gerade keine Musik spielte. Ich kramte mit einiger Mühe mein Handy aus der Tasche und hing es an das Kabel. Irgendetwas für den Sommer. Rap? Nein, zu aggressiv. Indie? Zu romantisch. Electro? Kein Bock. Dann lies ich das laufen, was ich immer laufen lies, wenn ich keine Ahnung hatte, was gerade passte.
»Musik okay so?« fragte ich.
Sie nickte.
Gut. Irgendwas war komisch. Ich war müde. Die Hitze machte mir zu schaffen. Aber irgendwie war alles angespannt. Das war heute schon den ganzen Tag so gewesen. Ich hatte nicht viel geredet und sie auch nicht. Vielleicht war es die Hitze.
»Hättest du noch bleiben wollen?« fragte ich.
»Ne« sagte sie.
»Wirklich nicht?«
»Ich sag doch nein.«
Ich sagte nichts mehr.
»Is irgendwas?« fragte ich.
»Mhm« sagte sie.
»Und was?«
»Du nervst.«
»Was?«
»Du nervst.«
Okay. Ich sagte nichts mehr. Die Häuser zogen an uns vorbei. Entfernt hörte man einen Krankenwagen. Mit den Fingern malte ich Striche in den Fahrtwind. In der Tür lag noch eine Packung Kippen. Ich steckte mir eine an.
»Gib mir auch mal eine« sagte sie.
Ich reichte ihr eine Kippe rüber.
»Wenn ich so nerve, kannst mich ja gleich auf dem Heimweg rauslassen« sagte ich während sie sich die Kippe ansteckte. Sie antwortete nicht mehr darauf. Vor uns bremste ein Auto scharf. Sie drückte auf die Hupe und fluchte laut.
»Warum nerve ich dich?« fragte ich.
»Kann ich nicht sagen. Du tust es gerade einfach.«
Na geil. Danke für die hilfreiche Antwort. Sie kannte mich wirklich gut und erriet diesen Gedanken sofort.
»Schmoll jetzt nicht. Wir wollten immer ehrlich zueinander sein« sagte sie.
»Mhm« sagte ich nur.
Wir bogen in meine Straße ein und hielten vor der Haustür. Ich sah noch einmal zu ihr rüber.
»Dein Make-Up sieht heute richtig scheiße aus« sagte ich.
Sie sah mich nur an und schüttelte den Kopf.
»Ich melde mich dann nächste Woche wieder« sagte sie ohne mich anzusehen.
Ich blieb noch sitzen und starrte gerade nach vorne. Einer meiner Nachbarn versuchte gerade rückwärts in seine Garage zu fahren und scheiterte wie immer daran. Nach mehrfachem korrigieren klappte es dann endlich.
»Tut mir Leid. Muss die Hitze sein« sagte ich.
»Ja, die Hitze. Sorry« antwortete sie.
Ich stieg aus dem Auto und lief zur Haustür.
»Bis morgen dann!« rief sie und fuhr davon.

 

Dieser Text entstand während der Symphonie der Großstadt.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.