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Sascha

Sascha sah auf das Handy: 18:13 Uhr. Sie drehte sich noch einmal zur Seite und warf das Handy auf die Matratze. Lohnte es sich jetzt noch einmal zu schlafen? Wahrscheinlich würde sie sich nach dem kurzen Schlaf wie gerädert fühlen und wäre um einiges müder als jetzt. Aber im Moment war sie gerade auf der Schwelle zum Schlaf und quälte sich damit wach zu bleiben. In so einem Zustand konnte man sowieso nichts wichtiges erledigen oder überhaupt irgendetwas tun. Also lautete die Frage: Aufstehen und Kaffee machen oder noch ein, zwei Stunden schlafen. »Aufstehen bringt doch jetzt sowieso nichts«, dachte sie. Die Wahl fiel also auf den Schlaf. Sascha streckte sich nach der Decke aus und zog sie halbherzig über sich. Obwohl es draußen bewölkt war, störte sie das Tageslicht, da sie den Vorhang nicht zugezogen hatte. Aber, um jetzt aufzustehen und das nachzuholen, war sie zu müde. Also blieb sie so liegen und hoffte, dass sie doch irgendwie einschlafen würde. Sascha schloss die Augen und spürte plötzlich eine innere Unruhe. Ihr Herz begann zu klopfen und sie fand keine Position, in der sie gemütlich liegen konnte.

Sascha legte sich auf den Rücken und atmete tief durch. Das Herzklopfen wurde besser, aber jetzt war ihr dank der Decke viel zu warm. Sie schob die Decke zur Seite, ohne fühlte es sich aber komisch an, sodass sie erst recht nicht einschlafen konnte. Sascha drehte sich auf die linke Seite, doch dort blendete sie das Tageslicht. Auf der Rechten fühlte sie diese Unruhe. So ging das weiter. Irgendwann entschloss sich ihr Kopf dazu doch aufzustehen und sie setzte sich auf. Die Beine fühlten sich schwer an und ihre Augen brannten, als sie sie öffnete.

Sascha schlurfte in die Küche und warf die Kaffeemaschine an. Die Maschine begann das Wasser aufzuheizen und gab dabei Geräusche von sich, die von einem alten Traktor stammen könnten. Wahrscheinlich auch, weil sie auch älter war als Sascha selbst. Sie beugte sich nach unten, um das Kaffeepulver aus einer Vorratsschublade zu holen. Die Packung fühlte sich verdächtig leicht an, als sie nach ihr griff. Fuck, darin war gerade mal noch ein halber Löffel. Jetzt fiel Sascha auch wieder ein, dass sie welches kaufen wollte, es aber offensichtlich vergessen hatte. Eigentlich keine schlimme Sache, aber in Sascha stieg Wut und Frustration hoch. Vor allem auf sich selbst. Sie warf die fast leere Verpackung auf den Küchentisch und starte an die Wand. »Jetzt bloß nicht wieder ausrasten«, dachte sie sich. Nicht einmal so eine einfache Aufgabe bekam sie auf die Reihe. Die Wut stieg noch weiter, obwohl sie sich das nicht erklären konnte. Das war ja keine weltbewegende Sache etwas vergessen zu haben, aber ihre Gefühle sagten ihr etwas anderes. Sie verspürte den Drang diese Wut zu entladen, irgendwo musste sie hin. Mit der Faust schlug sie zwei mal gegen den Küchenschrank, der über der Kaffeemaschine hing. Ein Schmerz durchzuckte Knöchel, aber sie war so voller Adrenalin, dass der Schmerz sofort abklang. In der nächsten Sekunde griff sie nach der Tasse, die sie sich für den Kaffee bereit gestellt hatte und warf sie. Mit einem Klirren zersprang die Tasse an der Wand und die Scherben fielen dumpf auf den Linoleumboden. Die Wut war weg, aber jetzt begannen die Knöchel wieder etwas zu schmerzen. Sascha schaltete die Kaffeemaschine aus und ging wieder in ihr Zimmer.

Sascha ließ sich aufs Bett fallen und tastete nach ihrem Handy. Fuck, es war schon kurz nach Acht. Eigentlich sollte sich Panik in ihr breit machen, da sie gleich los musste und sich eigentlich noch fertig machen sollte. Aber die Panik blieb aus. Stattdessen lag sie weiter da und starte die Decke an. Sie überlegte, ob es überhaupt so wichtig war heute Abend da hinzugehen. Wahrscheinlich lohnte es sich nicht. Sie ging im Kopf durch, was sie stattdessen heute Abend machen könnte. »Rumliegen und weiter die Decke anstarren« blieb aber als einzige Option übrig. Eigentlich wusste sie auch, dass sie gehen sollte, aber es fiel ihr so schwer und Motivation hatte sie auch keine. Nach fünf Minuten beendete sie die Diskussion mit sich selbst und stand endlich auf. Sie ging zum Kleiderschrank und griff nach den erstbesten Klamotten, die sie in die Finger bekam. So schick musste sie sich heute Abend für Alex auch nicht machen. Ihre blonden, fast weißen Haare, band sie zu einem Dutt zusammen. Das Make-Up trug sie auch nur halbherzig auf und ließ die Hälfte ganz weg. Ein letzter Blick in den Spiegel: Ja, war okay.

Sascha sah noch einmal auf die Uhr, als sie die Wohnung verließ. Es war jetzt Viertel vor Neun. Sie würde zu spät kommen, aber das machte nichts. Alex war wahrscheinlich auch nicht pünktlich. Alex war nie pünktlich gewesen. Sie lief über die Straße, bis zur Tram waren es gute fünf Minuten Fußweg. Genug Zeit für eine Kippe. Eigentlich wollte Sascha aufhören, aber wie für so vieles hatte sie einfach nicht die Disziplin dazu. Das Feuerzeug klickte und sie nahm den ersten Zug. Beim ausatmen musste sie husten. »Vielleicht doch wirklich aufhören«, dachte sie sich, nahm aber einen weiteren Zug. Diesmal ohne Husten. Angekommen an der Tram sah sie, dass sie noch zwölf Minuten auf die Tram warten musste. Also setzte sie sich auf einen von diesen ungemütlichen Sitz, dessen Sitzfläche aus einem Metallgitter bestand und steckte eine weitere Kippe an. Zum Glück hatte sie heute eine ganze Packung dabei. Die würde sie brauchen. Die Sonne war gerade am Untergehen. Das nahm sie zumindest an, denn durch den bewölkten Himmel konnte man die Sonne nicht sehen. Es war den ganzen Tag schon dunstig gewesen und Sascha hatte sogar von diesem kurzen Fußweg angefangen zu schwitzen. Mit einem Taschentuch wischte sie sich den Schweiß von der Stirn. Die Blätter an den Bäumen auf der anderen Straßenseite bewegten sich keinen Millimeter.

Die Tram fuhr vor und Sascha stieg ein. Viel war nicht gerade los. In ihrem Teil der Tram saßen nur noch zwei andere Personen. Aber wie sollte es auch sein, so spät und mitten unter der Woche. Die Tram fuhr los und die Häuser begannen an ihr vorbeizuziehen. Wieso war sie überhaupt aus dem Haus gegangen, fragte sie sich. Eigentlich hatte sie überhaupt keine Lust. Keine Lust heute Abend in die Kneipe zu gehen. Keine Lust unter Menschen zu gehen. Keine Lust Alex zu treffen. Ihn hatte sie seit einem guten halben Jahr nicht mehr wieder gesehen. Ein Jahr hat es gedauert, bis sie nach der Trennung wieder miteinander gesprochen haben. Und auch danach nur sehr wenig. Wenn es mal mehr als zehn Sätze pro Monat waren, war das schon viel. Aber gestern hatte er ihr geschrieben. Er sei gerade in der Stadt, ob sie sich nicht mal mit ihm treffen wolle. In einem Anflug von guter Laune hatte sie zugesagt, was sie eine Stunde später wieder bereut hatte. Hoffentlich erwartete sie kein Abend voller Smalltalk. Und hoffentlich erzählte ihr Alex nicht, was er jetzt so alles machte und wo er so alles rumreiste. Ihr reichte es schon das ganze über seine Facebook und Instagramposts mitzubekommen. Vielleicht will er aber auch ficken und denkt er probiert es halt mal, wenn er jetzt zufällig kurz in der Stadt ist. Das konnte der Hund aber vergessen. Die Masche hatte er schon einmal vor einem halben Jahr versucht, aber da war Sascha gar nicht erst aufgetaucht. Sascha tauchte allgemein nicht oft auf. Sie war keine Person, die man mit »zuverlässig« beschreiben würde.

Die Straßenbahn bog ab und hielt an. Sascha stieg aus. Zum Glück war die Kneipe gerade mal fünfzig Meter von der Station entfernt. Von Weitem konnte sie schon sehen, dass einige Leute draußen auf einer Holzbank saßen, die direkt an der Hauswand der Kneipe stand. Darum standen noch weitere Leute, da sie nicht mehr auf die Bank passten. Sascha war verwundert, denn normalerweise war an Wochentagen nicht so viel los. Als sie vor der Kneipe stand und reingehen wollte, sah sie ein Plakat. Heute war wohl ein Konzert. Scheiße, ey. Das hatte ihr gerade noch gefehlt, mit Alex in einer vollen Kneipe zu sitzen und eigentlich auf einem Konzert zu sein. Dieser Idiot hatte das hundertprozentig mit Absicht gemacht. Sie war schon ewig nicht mehr auf einem Konzert gewesen. Aber vielleicht tat es ihr ja doch ganz gut.

Drinnen war alles schon voll. Jeder Tisch war besetzt, aber die Tanzfläche war noch leer. Sie ließ den Blick durch den Raum schweifen, doch sie konnte Alex nicht erblicken. Und nun? Dumm rumstehen und darauf warten, dass ein Platz frei werden würde, wollte Sascha jetzt auch nicht. Also lief sie an die Bar und setzte sich auf einen der freien Hocker. Der Typ hinter der Bar nickte ihre fragend zu, doch sie schüttelte den Kopf. Sie wollte mit dem Bestellen auf Alex warten, der wäre ja sowieso gleich hier. Sie war ja schon zu spät hier angekommen. Aber warum eigentlich warten? Was für ein Quatsch. Sascha schnipste mit den Fingern, rief den Typen mit einer Handbewegung heran und bestellte ein Bier. Gerade als er ihr das Bier reichte rempelte sie ein Typ bei dem Versuch an, sich über die Bar zu beugen und dem Barkeeper noch was zuzurufen. Sascha überlegte kurz, ob sie wütend werden sollte, aber ihre komplette Wut für diesen Tag war aufgebraucht.

Während Sascha so dasaß und ihr Bier trank, sah sie immer wieder zur Tür, aber von Alex war nichts zu sehen. Die Kneipe wurde immer voller. Auf einer Art Bühne, schräg gegenüber der Bar, baute jemand ein Mikro auf und versuchte mit den vielen Kabeln zurecht zu kommen. Sascha bestellte ein weiteres Bier. Keine Ahnung, wieso sie nicht einfach aufstand und nach Hause ging. Sie hatte keine Lust und so wie es aussah würde Alex heute auch nicht mehr auftauchen. Das Licht in der Bar ging aus und zwei winzige Lampen über der Bühne wurden eingeschaltet. Es war ein trauriger Anblick. Die Leute versammelten sich vor der Bühne auf der Tanzfläche. Eine Frau mit einem weißen Bob lief auf die Bühne. Einige der Zuschauer klatschten. Die meisten standen nur so da, mit ihrem Bier in der Hand. Ein Drumcomputer fing an, einen Beat zu spielen und die Frau begann zu singen. Einige fingen an zu tanzen, die meisten standen aber noch rum. Sascha saß weiterhin an der Bar und beobachtete alles.

»Was machst du eigentlich hier?«, fragte sie sich. Sie musste die traurigste Gestalt weit und breit sein. Sie war hier, obwohl sie keine Lust auf das Treffen gehabt hatte und zu dem sie sich erst überwinden musste. Dann wurde sie versetzt und jetzt sah es von außen so aus, als würde sie hier vergeblich auf ein Date warten, obwohl es nur ihr Ex war. Aber irgendwie war das nur konsequent. In letzter Zeit lief alles so. Selbst wenn etwas gut lief, kam es ihr vor, als würde es schlecht laufen. Irgendwas war einfach immer.

Jetzt tanzten mehr Leute. Sie fühlte sich hier so fehl am Platz. Vielleicht hielt sie die Hoffnung fest, dass doch etwas Gutes passierte. Vielleicht würde sie jemand Nettes ansprechen. Oder eine Gruppe netter Leute würde sehen wie sie hier so alleine rumsitzt. Die Gedanken verwarf sie schnell wieder, aber in ihrem Unterbewusstsein machten sie sich breit. Sascha nippte weiter an ihrem Bier. Nun tanzten fast alle. Vielleicht sollte sie auch tanzen. Aber alles in ihr sträubte sich dagegen. Genauso wie sie sich gegen das Nach-Hause-Gehen sträubte und auch gegen das Hierbleiben. Nichts war gerade in Ordnung. Irgendwie war sie einfach nur frustriert. Von allem.

Sascha bestellte noch ein Bier. Mittlerweile war sie schon eine Stunde hier. Jetzt tanzten fast alle Leute. Andere hätten die Situation vielleicht genutzt und den Spaß ihres Lebens gehabt, aber Sascha war eben Sascha. Sie war von sich frustriert. Ihr eigenes Selbstmitleid, das sie gerade mit Alkohol ertrank, kotzte sie am Meisten an. Irgendwie fühlte sich Sascha allein gelassen, obwohl sie den ganzen Abend nichts lieber gehabt hätte als allein zu sein.
Ein Typ stellte sich neben sie und nickte ihr zu. Sie musterte ihn. Schlecht sah er nicht aus. Sie nickte halbherzig zurück.
»Hey, wie heißt du?« fragte er und setzte das Lächeln auf, von dem er glaubte, es würde alles und jeden zum schmelzen bringen.
»Sascha.«
»Darf ich dir was zu trinken kaufen?« fragte er.
Sascha hob eine Augenbraue und wedelte ihr Bier leicht vor seinen Augen hin und her. Das Grinsen verschwand auf seinem Gesicht. Er zuckte mit seinen Schultern, bevor er sich umdrehte und zurück zur Tanzfläche ging.

»Du bist so ein Idiot«, sagte Sascha zu sich. Jetzt passierte genau das, worauf sie eigentlich gehofft hatte, aber ihr war einfach nicht zu helfen. Sie trank ihr Bier mit einem Schluck aus, kramte einen Zehner aus der Tasche, warf ihn dem Barkeeper zu und stand auf ohne ein weiteres Wort zu verlieren. Sascha drängelte sich zwischen den Leuten durch, denn die Tanzfläche war voll und viele standen jetzt zwischen den Tischen und tanzten dort. Als sie endlich draußen ankam, sah sie, dass es schon dunkel war. Sie steckte sich eine Kippe an und machte sich auf den Weg zur Tram. Den ganzen Rückweg drehten sich ihre Gedanken nur um sich selbst. Als sie aus der Tram ausstieg, steckte sie sich noch eine an. Es war immer noch so dunstig wie am Tag. Eigentlich hätte es Nachts abkühlen sollen, aber davon war nichts zu spüren. Die Kippe war gerade zu Ende geraucht, als sie an der Haustür ankam. Sie schnippte die Kippe auf die kleine Treppe, die zur Haustür führte.
»He! Ihren Müll können se schön wieder mitnehmen! Die Tschickn heben se mal schön wieder auf!« sagte jemand hinter ihr.
Es war Frau Dornhagen. Sie war um die 60 und wohnte ein Stockwerk über Sascha. Aber Sascha ignorierte sie und drehte sich nicht einmal um. Sie wollte nur noch nach Hause. Die Wohnungstür fiel hinter ihr zu und Sascha atmete erst einmal tief durch. Ihre Beine waren wieder schwer, als sie in ihr Zimmer lief. Sie zog ihre Klamotten aus und ließ sich aufs Bett fallen. Fuck, jetzt lag das Handy noch in ihrer Hosentasche. Sie streckte sich und versuchte vom Bett aus an die Hose zu kommen, die auf dem Boden lag. Nach einigen Versuchen schaffte sie es und zog sie ran. Alex hatte nicht geschrieben. Sie wollte gerade anfangen eine wütende Nachricht zu tippen, ließ es dann aber doch bleiben. Das Handy warf sie auf die Matratze, drehte sich auf die rechte Seite und versuchte einzuschlafen.

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