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Ian

Ich wachte auf. Meine Augenlider brannten, als ich meine Augen nur kurz öffnete, weshalb ich sie gleich wieder schloss. Mit dem rechten Arm tastete ich den Boden neben meinem Bett ab. Den Linken konnte ich nicht bewegen, da ich darauf lag. Meine Finger fanden nichts zu greifen. Ich drehte mich um und öffnete nun doch meine Augen. Ich griff nach meinem Handy. Neun Uhr. Wann war ich nochmal schlafen gegangen? Zwei Uhr musste das gewesen sein. Aber ich konnte lange nicht einschlafen. Wahrscheinlich war ich erst so gegen Drei eingeschlafen. Mein Puls war etwas höher als gewöhnlich und ich fühlte mich nervös. Ich hatte den Geschmack eines Aschenbechers im Mund, doch Wasser war keines in Reichweite des Bettes. Ich drehte mich um und versuchte wieder zu schlafen, doch nach wenigen Minuten gab ich auf. Ich schälte mich aus der Decke und ging mir ein Glas Wasser holen.

Der Geschmack des Aschenbechers verschwand. Ich lief wieder zurück zu meinem Bett und ließ mich fallen. Meine Augen brannten immer noch, selbst als ich sie wieder schloss. Mein Herz schlug schneller und ich hatte den Drang mich zu bewegen. Ich konnte nicht ruhig daliegen. Einschlafen ging nicht mehr. War ich wirklich so nervös wegen heute Abend? ‚Nervös‘ war vielleicht auch das falsche Wort. ‚Aufgeregt‘ traf es eher. Ich war heute Abend auf eine Party eingeladen. Obwohl ‚eingeladen‘ auch nicht das richtige Wort dafür war. Die ganze Clique kam einfach bei Ed zusammen, um zu feiern.

Es war die erste Party seit gut einem Jahr. In diesem Jahr hatte irgendwie niemand von uns Zeit gehabt. Alle waren entweder am Studieren oder am Arbeiten. Und irgendwie waren wir auch alt geworden. Es fühlte sich an, als wären wir in diesem einen Jahr um zehn Jahre älter geworden. Als hätten wir uns alle mit dem abgefunden, was wir eben gerade so machten. Vielleicht haben wir die Lust verloren. Die Lust an uns selbst und an Neuem. Aber das sollte heute Abend gebrochen werden. Wir waren wieder jung und hungrig. Seit Wochen planten wir alles und redeten nur noch davon.

Ich stand auf und zog mich an. Essen konnte ich kaum etwas. Ich wusste nicht genau, ob das so war, weil ich wenig geschlafen hatte oder weil ich so nervös war. Ich hasste es, wenn ich mich auf etwas freute, denn ich konnte die Zeit bis dahin nicht genießen. Alles was ich tat, war auf die Uhr zu sehen und krampfhaft zu versuchen die Zeit zu überbrücken. Ich tat das Gegenteil von Prokrastination und erledigte so viel wie ich nur konnte. Ich dachte mir sogar neue Sachen aus, die ich erledigen konnte, nur damit die Zeit schneller verging.

Ich sah auf die Uhr. Sechs. Endlich. Ich zog mich an und fuhr los. Ed und ich hatten abgemacht, dass ich vorher vorbei käme, um beim Aufbau zu helfen. Mir war es nur Recht. Die Vorfreude beziehungsweise Nervosität wurde weniger. Wir beeilten uns, da wir noch ziemlich viel zu tun hatten. Gerade als die ersten Leute kamen waren wir fertig. Molly und ein paar Freundinnen kamen. Klara war auch dabei. Wir umarmten uns alle zur Begrüßung und drehten die Musik auf. Wir tanzten und begannen zu trinken.
»Sascha kommt in ein paar Wochen wieder. Hat sie mir heute geschrieben.« sagte Ed.
Ich sagte nichts. Sascha. Dann nahm ich einen Schluck von meinem Getränk.
»Für wie lange?« fragte ich.
»Zwei Wochen oder so. Weiß sie noch nicht genau.«
Ich stand auf und holte mir noch etwas zu trinken. Klara saß mir gegenüber. Ich fragte mich, ob ich herüber gehen und etwas mit ihr reden sollte. Nur Smalltalk, nichts ernstes. Es war ja schon lange her, dass wir miteinander geredet hatten. Das letzte Mal hatte ich mich danach elend gefühlt. Sollte ich es riskieren, dass es heute nochmal passiert? Ich wusste auch nicht, ob sie überhaupt mit mir reden wollte oder mich überhaupt sehen wollte. Wirklich gut waren wir ja nicht auseinander gegangen und jedes Zusammentreffen danach war unangenehm gewesen. Ich hatte das Bedürfnis, mit ihr zu reden, doch ich konnte mich nicht überwinden. Ich hatte mir das alles anders vorgestellt. In meinem Kopf war alles viel einfacher gewesen.

Die Stimmung kippte.

Ich sitze auf der Couch. Der Beat hämmert gegen meinen Kopf, doch er kommt nicht rein. Die Lampen blenden mich. Ich kann keinen klaren Gedanken mehr fassen. Kompensieren. Ich muss das mit irgendwas kompensieren. Aber womit? Soll ich mehr trinken? Mich so richtig abschießen? Das macht es wahrscheinlich nur schlimmer. Alkohol hat es bisher immer schlimmer gemacht. Vielleicht betrinke ich mich auch, bis ich gar nichts mehr mitbekomme. Soweit kommts aber wahrscheinlich nicht. Ich habe schon so lange nichts mehr getrunken, da werde ich alles auskotzen, bevor ich nichts mehr mitbekomme.

»Los komm auch tanzen« sagt jemand. Ich will nicht tanzen. Ich will aber auch nicht, dass die anderen etwas bemerken. Ich will weg hier. Kann ich aber nicht. Ich stehe auf und geh mir etwas zu trinken holen. Das kann ich aber nicht ewig machen, schnell, ich sollte mir etwas überlegen. Meine Gedanken sind festgefahren. Ich suche immer noch nach etwas zum kompensieren. Ich sitze wieder auf der Couch. Ed streckt mir die Hand hin und gibt mir ein Zeichen, dass ich aufstehen soll. Ich stehe auf und tanze kurz mit. Dann setze ich mich wieder. Scheiße, was bin ich für ein miserabler Schauspieler. Ich muss das üben. Für die Zukunft. Ich kratze nervös meine Arme. Keine gute Kompensation. Langsam scheinen sie wirklich etwas zu bemerken. Ich stehe auf und gehe ins Bad. Vielleicht macht es ein wenig Ruhe besser. Wie lange kann ich hier bleiben, ohne dass es komisch wirkt? Ich sitze da und versuche nachzudenken. Nichts. Ich stehe auf, stelle den Wasserhahn auf die kälteste Stufe und tauche mein Gesicht zwanzig mal in kaltes Wasser. Nichts. Ich verlasse das Badezimmer und setze mich hin.

Klara sitzt am anderen Ende des Raumes. Wenn Leute mich ansehen, weiche ich deren Blicke aus und schweife durch den Raum. Ich will Klara nicht beobachten, aber mein Blick bleibt immer wieder an ihr hängen. Sie schaut kein einziges Mal rüber und ich glaube, dass sie nicht bemerkt, dass ich zu ihr rüber sehe. Gedankenfetzen tauchen in meinem Kopf auf. Gedanken, die ich nicht denken möchte. Komplexe, die ich nicht haben möchte. Mein Magen krampft sich zusammen, in meinem ganzen Körper macht sich ein Gefühl breit, als würde jemand mit Fingernägeln auf einer Tafel kratzen. Ich knete nervös meine Hände. Diesmal scheint es zu funktionieren. Ich schiebe die Gedanken wieder dahin zurück, wo sie waren. Wo ich nie war. Irgendwann muss ich mich damit auseinandersetzen. Ich kann sie nicht ewig verdrängen, doch nicht heute.

Klara sieht rüber. Mein Blick weicht ihr aus. Hat sie mich gesehen? Natürlich hat sie das, sowas sieht man immer. Ich stehe wieder auf und schiebe mich durch die Leute. Sie fassen mich an, wollen, dass ich zum tanzen bleibe. Ich hole mir etwas zu trinken. Ich sollte nicht mehr trinken. Ich kippe den Becher runter. Danach fülle ich ihn nochmal auf, gehe zurück und setze mich hin. Klara sitzt immer noch da. Vielleicht sollte ich rauchen gehen. Jetzt steht sie auf. Wahrscheinlich geht sie jetzt raus und raucht. Ich muss an früher denken. Warum fühle ich mich mit ihr in einem Raum so unwohl? Ich hätte mehr daran arbeiten sollen, dass das vorbei geht. Aber wie? Ich habe auch heute noch keine Lösung. Mein Hals und Mund sind trocken, ich brauche Wasser. Wieder stehe ich auf. Ich trinke eine halbe Flasche Wasser. Irgendjemand versucht Smalltalk anzufangen. Ich nicke und sage nichts, dann drehe ich mich einfach um und gehe.

Ich weiß nicht einmal ob Klara das Problem ist. Dass ich das Problem bin, weiß ich. Aber wäre es anders, wenn Klara nicht hier wäre? Ich bin mir sicher, dass es nicht anders wäre. Jetzt muss ich an Sascha denken. Ich möchte sie glaube ich nicht sehen. Aber ich werde nicht drum rum kommen. Klara kommt wieder rein. Ich kann nicht aufhören, zu ihr rüber zu sehen. Diesmal weiche ich ihrem Blick nicht aus. Sie sieht mich kurz an, schaut dann aber wieder weg. Nichts passiert. Ich bin mir nicht sicher, ob ich etwas fühle oder ob ich etwas fühlen möchte. Soll ich endlich rüber gehen? Nein, jetzt ist es zu spät. Ich kann nicht mehr denken, ich weiß nicht was ich sagen soll, ich bin zu emotional dafür. Ich spiele das Spiel mit und bleibe auf höflicher Distanz. Ich sehe nicht mehr zu ihr rüber, ignoriere sie aber auch nicht. Klara wird zu irgendeinem unbekannten Menschen hier im Raum. Nein, das ist sie nicht. So funktioniert das nicht.

Ich bin nervös, knete meine Hände. Vielleicht tanze ich doch ein bisschen, dann fällt niemandem etwas auf. Vielleicht redet Klara von selbst mit mir. Ich gehe tanzen. Nichts. Klara und ein paar Leute sitzen direkt da, wo ich tanze. Ich höre mit halbem Ohr, wie sie zu den Anderen sagt, sie gehe schlafen. Sie verabschiedet sich von ihnen und verlässt dann den Raum. Ich sehe sie nicht an. Mein Mund ist wieder trocken. Ich trinke noch eine halbe Flasche Wasser. Scheiße, das war zu viel Flüssigkeit. Mein Magen fühlt sich so voll an. Mir ist schlecht. Ich kotze.

Ich trat wieder in die Pedale und fuhr die Brücke runter, dann ein gutes Stück über einen geteerten Feldweg, bis ich an das Ortsschild des Nachbardorfes kam. Dort wich ich elegant diesen Dingern aus, die dafür sorgen sollen, dass man nicht mit 100 in das Dorf heizt. Auf den Straßen war niemand zu sehen, nicht einmal Katzen liefen umher. Nur eine einzige lag in einer Hecke unter den schattenspendenden Blätter. Ich fuhr an einigen spießigen Einfamilienhäusern vorbei, in denen Kinder in Planschbecken oder diesen großen Pools mit aufblasbarem Ring, welcher als Rand diente, spielten. Dann blieb ich vor einem dieser Häuser stehen, stieg ab und setzte mich auf die Treppe aus Granitplatten. Da die Haustür auf der Nordseite war, war die Treppe angenehm kühl. Meinen Rucksack warf ich neben mein Rad. Ich sah auf mein Handy: 16:58 Uhr. Ein wenig stolz war ich ja, dass ich so pünktlich war. Aber so wie ich Andi kannte, war das alles umsonst und ich konnte die nächsten zehn Minuten hier auf der Treppe warten. Ich streckte meinen Arm aus und drückte auf die Klingel. Dann drückte ich noch einmal drauf und noch einmal. »Jaja! Ich brauch noch kurz« hörte ich eine Stimme hinter der Haustür rufen. Es war also noch genug Zeit, um eine zu rauchen. Ich griff nach meinem Rucksack und drehte mir eine Kippe. 17:06 Uhr: Ich drückte die Kippe aus und legte sie in den Aschenbecher, der auf einem Fensterbrett direkt neben der Haustür stand. Natürlich war Andi noch nicht fertig. Dann, vier Minuten später, tauchte er endlich auf. Mit einem breiten Grinsen schloss er die Tür hinter sich. Er stemmte die Fäuste in seine Hüfte und stellte seinen rechten Fuß auf die Ferse, wobei er auf seine Schuhe sah. Es waren schneeweiße Nike Blazer mit einem roten Swoosh. Von diesen Schuhen hatte er, seit er sie vor einigen Wochen bestellt hatte, jeden Tag gesprochen. Anfangs war ich etwas skeptisch, aber ich musste sagen, sie standen ihm wirklich. Zu den Schuhen trug er eine kurze bunte Stoffhose und ein weißes Tanktop mit Ringerrücken. Auf seiner Nase trug er eine große, runde Sonnenbrille. Das Ganze wurde durch seine leicht lockigen Haare abgerundet, die er nach vorne gekämmt hatte und sie zu einer Art Tolle geformt hatte.
»Und, was sagst du Molly?« grinste er mich an.
»Ja, gar nicht so scheiße, wie ich dachte« antwortete ich. Daraufhin musste er lachen.
Da fällt mir gerade ein, dass ich mich selbst noch gar nicht vorgestellt hatte. Ich bin Molly. Eigentlich heiße ich gar nicht Molly, sondern Alexandra. Aber Andi hat diesen Spitznamen eingeführt. Wegen Molly Ringwald, sagt er. Ich hätte den gleichen rothaarigen Bob wie sie. Nun eigentlich hatte er auch Recht — Ich hatte wirklich einen rothaarigen Bob. Und mir gefiel der Name auch, weswegen mich nun alle Molly nannten. Andi ging an mir vorbei, während er einen Jutebeutel lässig über seine Schulter warf. Er verschwand hinter der Garage.
»Ach fuck!« hörte ich ihn plötzlich rufen.
»Was ist denn?« rief ich als Antwort, machte mir aber nicht die Mühe aufzustehen, um nachzusehen.
»Ja, scheiße. Mein Reifen ist irgendwie platt« sagte er und kam um die Ecke.
»Und nun? Ich fahr dich sicher nicht auf meinem Gepäckträger durch die Gegend« sagte ich.
»Bin sowieso viel zu schwer für dich« antwortete er. Er grinste wieder breit und verschwand in der Garage. Heraus kam er mit einem alten, klapprigen Rad, was aber modisch gesehen wunderbar zu seinem Outfit passte. »Das muss auch reichen« sagte er und stieg auf. Den Jutebeutel klemmte er unter den Gepäckträger und stieg in die Pedale. Ich sprang ebenfalls auf mein Rad auf.
Das Dorf schien nun etwas belebter zu sein. Wir sahen einige Leute, die in ihren Vorgärten oder auf Balkonen saßen. Eine Oma fegte, im Schatten des Hauses, den Hof und ein Opa klopfte gerade eine Fußmatte aus. Die Hitze war immer noch erdrückend. Wir begegneten nicht einmal spielenden Kindern. Wahrscheinlich auch, weil die alle gerade im Schwimmbad oder am See waren. Wir fuhren auf eine Art Feldweg, an dessen Rändern große Bäume mit dicken Stämmen standen. Sie sahen aus, als wären sie locker an die Hundert Jahre alt. Mit ihren mächtigen Ästen und dem dichten Blätterdach spendeten sie Schatten, während wir weiterfuhren. Nur die Geräusche der Gummireifen auf Asphalt und Vögelzwitschern waren zu hören. Kein Blätterrauschen, keine Autos, Nichts. Der Feldweg teilte sich auf und wir fuhren links weiter. Es standen keine Bäume mehr am Rand. Wir befanden uns nun inmitten von Feldern, soweit das Auge reichte. Rechts von uns wuchs der Mais hoch. Er war höher als ich, selbst wenn ich mich auf den Pedalen hinstellte und aufrichtete. Links von uns stand der Weizen, der sich keinen Millimeter bewegte und nur still von der Sonne geröstet wurde. Wir fuhren gute 5 Minuten durch die Felder, bis vor uns endlich etwas auftat, was man für einen kleinen Wald hätte halten können. Von weitem konnte man schon einige Autos und Roller erkennen. Hätte ich wetten können, hätte ich gesagt dass an 9 von 10 Rollern rumgeschraubt wurde und irgendwo am See die dazu passenden 16-Jährigen Pickelgesichter sitzen und denken die Bullen würden sie nie dabei erwischen, wie sie mit 80 durchs Dorf heizen. Diese Art von Typen kannte ich zu gut und irgendwie gab es die auch auf jeden Dorf. Es war auch nicht schwer zu erkennen, ob jemand von der Sorte war, denn sie redeten über nichts anderes, als ihre Roller und wie schnell diese fuhren. Je näher wir kamen, desto lauter wurde es auch.
Wir fuhren an einem Schlagbaum vorbei, der an der Einfahrt zum See nach unten gelassen war. Dann stiegen wir ab und schoben unsere Räder weiter, während wir links um den See herum gingen. Wir liefen zwischen Handtüchern und Matten durch, auf denen die Leute lagen, manchmal auch schlafend. Ein Wasserball flog durch die Gegend, direkt auf Andi zu. Er sah ihn rechtzeitig und schlug mit der Faust dagegen, sodass er doppelt so weit zurückflog und im See landete. Ein Kind, vielleicht so um die Zehn, rannte dem Ball hinterher und stürzte sich ins Wasser. Am Ende der großen Fläche, auf der die Leute lagen, begann ein kleiner Weg ins Unterholz zu führen. Der Weg wurde immer enger und bald schon war zwischen Ufer und Weg ein dicker Streifen mit Büschen und Unterholz. Wir liefen nun hintereinander, da der Weg zu eng wurde. Nach einigen Schritten war auch kein ausgetretener Weg mehr zu erkennen, sondern nur noch eine Schneise die durch die ganzen Bäumen und Büsche führte. Der Lärm des Sees verschwand langsam und drang nicht mehr durch das Geäst. Plötzlich endete der Weg und wir befanden uns auf einer fast kreisrunden Fläche, die bis ans Ufer reichte. Allerdings war das Ufer nur über eine circa eineinhalb Meter breite Öffnung zu erreichen. Die Fläche wurde von weiteren Bäumen sozusagen umzäunt und war komplett mit Blättern überdacht. Es war zwar immer noch drückend heiß, aber hier fühlte es sich kühler an. Wir warfen unsere Fahrräder ins Gebüsch und stellten unsere Taschen ab. Andi zog sofort seine Schuhe und sein Tanktop aus, warf die Sachen mit einer eleganten Handbewegung zur Seite und rannte mit einem lauten Schrei in Richtung See. Als er einige Schritte im Wasser war, sprang er ab und lies sich mit einem lauten Klatschen auf den Bauch fallen.
Ich beobachtete das Ganze und Andis tarzanartiger Schrei brachte mich zum Lachen. Andi kannte ich nun schon seit der siebten Klasse. Er war damals in die Gegend gezogen und kam in unsere Klasse. Damals sah er aber noch nicht so aus wie heute. Er war Punk. Zumindest wäre er es gerne gewesen, aber seine Eltern erlaubten es ihm nicht sich die Haare zu färben und trotz dass er rebellieren wollte, traute er sich nicht. »So viel Punk musste dann doch nicht sein« sagte er mittlerweile immer, wenn wir uns darüber lustig machten. Damals trug er zerrissene Jeans, schwarze Lederboots und eine schwarze Lederjacke auf die er mit einem weißen Edding das Anarchy-A gemalt hatte. Seine Punkphase dauerte ungefähr die Hälfte der achten Klasse an, bis er es aufgab und sich eingestand, dass er doch aus dem mittelständischen Bürgertum stammte und auch nicht mit optischer Rebellion dagegen ankämpfen konnte. Aber wir freundeten uns damals schon direkt an, denn nicht nur er war Punk. Ich nämlich auch. Meine Haare waren sogar gefärbt gewesen. Meine Punkphase hielt auch ein Jahr länger an, als Andis und das obwohl meine Eltern noch strenger waren als die von Andi. Vielleicht sorgte das dafür, dass ich noch mehr rebellieren wollte als er. Wie genau wir uns kennen lernten weiß ich nicht mehr genau. Als Punk kannte man sich eben. Vor allem auf dem Dorf. Da konnte man froh sein, wenn es überhaupt jemanden gab, der der eigenen Subkultur angehörte. Auf jeden Fall blieben wir bis heute befreundet. Andi stapfte aus dem Wasser und fragte mich nach der Uhrzeit. Fast halb Sechs.
»Wo bleibt den Katrin?« fragte er mich. Ich sah auf mein Handy, aber Katrin hatte nichts geschrieben.
»Keine Ahnung. Ist doch immer zu spät. Kennst sie doch« antwortete ich und zog dabei meine Schuhe aus. Doch bevor ich ebenfalls ins Wasser sprang drehte ich mir noch eine Kippe und zündete sie an. Andi lag inzwischen wieder im Wasser und lies sich an der Oberfläche treiben. Er hatte immer noch seine Sonnenbrille auf und sah direkt nach oben in den Himmel. Meine Kippe war zu Ende geraucht. Ich stand auf und lief so leise es ging Richtung Wasser. Andi hatte die Augen geschlossen, das sah ich durch die Seiten der Sonnenbrille. Ich schlich mich an, formte meine Hände zu einer Schale und füllte sie mit Wasser. Dann hielt ich sie direkt über Andis Kopf und lies das ganze Wasser in sein Gesicht fallen. Er schnappte nach Luft und wedelte mit den Armen, bekam aber gleich mit was los war und bevor ich flüchten konnte, stand er auf, packte mich an beiden Armen und stürzte sich mit mir in den See. Ich tauchte unter und das kalte Wasser umgab mich nun vollkommen. Ich liebte diesen Moment, wenn man in kaltem Wasser untertauchte, es sich im Gesicht und auf dem Kopf eiskalt anfühlte und einem kurz die Luft wegblieb. Andi lies mich los und wir tauchten beide wieder auf.
»Ach, auch endlich mal hier« hörte ich Andi sagen. Ich drehte mich um und am Ufer stand Katrin. Sie hatte ihr Rad zu unseren gelegt und hatte wohl meinen Kampf mit Andi beobachtet.
»Ja, auch mal da. Ich musste ja noch einkaufen fahren, weil du Idiot das vergessen hast« antwortete sie.
Wir begrüßten uns. Katrin war gut einen Kopf kleiner als ich, was auch nicht ungewöhnlich war, da ich doch recht groß war. Sie hatte lange blonde Haare, die sie zu einem Dutt gebunden hatte. Katrin trug ein schwarzes Shirt und ebenfalls eine kurze Jeans. Sie stellte ihren Rucksack ab, der dabei klimperte und auch ziemlich voll aussah. Ich entdeckte neben ihrem Fahrrad einen Jutebeutel, der bis zum Rand voll war. Katrin lief zu diesem und holte einige Flaschen Bier raus. Jetzt wusste ich auch, was Andi vergessen hatte zu kaufen. Als wir uns für heute verabredet hatten, machten wir aus, dass er das Bier kaufen sollte. Und so am See liegen geht ja nicht ohne Bier, also musste Katrin es wohl noch schnell einkaufen fahren. Sie gab mir direkt eine Flasche und rief laut »Andi«, um im selben Moment eine Flasche in seine Richtung zu werfen. Andi fing sie elegant in der Luft und bedankte sich. Wir alle öffneten die Flasche mit unseren Feuerzeugen. Man konnte fast gleichzeitig das Plopp-Geräusch hören. Darauf folgte das Geräusch von Glas, das aneinander stieß.
Ich holte eine große Decke aus meinem Rucksack und legte sie auf die Grasfläche. Diese war so klein — oder meine Decke so groß — dass sie fast komplett belegt wurde. Andi nahm einen großen Schluck von seinem Bier, holte aus seinem Rucksack ein paar billige Bluetoothboxen und machte Musik an.
»Ich finds ja echt geil, dass den Platz hier niemand kennt« sagte er.
»Den kennt schon jemand, aber niemand hat Bock sich durch das Gebüsch zu kämpfen. Außerdem siehts du ja wie klein das hier ist. Zwei Leute mehr und es ist komplett voll hier« antworte ihm Katrin.
»Meinst du echt die Leute wissen hiervon?« fragte Andi. In seiner Stimme schwang etwas Enttäuschung mit.
»Andi. Schau mal genau gerade aus« sagte ich und zeigte dabei auf das gegenüber liegende Ufer. Zu sehen waren viele Menschen. So viele Menschen, dass man keinen Flecken des braunen, vertrockneten Gras mehr erkennen konnte. »An der Stelle da drüben sind die meisten Leute, abgesehen von dem Platz, über den wir reinkamen. Als ob die nicht hier rüberschauen« sagte ich.
»Ja, ich sehs ja ein. Ihr habt Recht. Ich dachte nur wir wären was Besonderes, wenn wir so einen eigenen Platz für uns alleine hätten« sagte er.
»Haben wir doch. Ist doch scheißegal, ob die Leute davon wissen. Solange niemand hier her kommt ist das doch unser Platz. Und ich hab noch nie jemand anderen hier gesehen. Auch nicht, wenn ich auf der anderen Seite war« sagte Katrin und stand auf. »Also ist das definitiv unser Platz« sagte sie.
Sie ging zu ihrem Rucksack und öffnete ihn. Mit zwei Handbewegungen holte sie ein paar Flaschen raus. »Du hast ja nur die besten Sachen gekauft« sagte Andi und begutachtete den Schnaps. Katrin nahm sie zwischen die Finger und trug sie zum Ufer. Da wir hier öfter rumhingen, hatten wir uns hier quasi schon eingerichtet und kannten alle Stellen. Gut, so viel gab es nicht zu kennen, aber wir hatten den perfekten Platz zum Kühlen der Flaschen entdeckt. Am linken Rand des Ufers gab es eine Art Pfütze, die aber mit dem See verbunden war. Dadurch stand das Wasser darin nicht und blieb sauber und kalt. Die Pfütze war aber exakt so tief, dass man die Flaschen bis zum Hals reinstellen konnte und sie so die ganze Zeit perfekt gekühlt wurden. Wir sprachen es alle nicht an, aber insgeheim waren wir riesig stolz auf diese Entdeckung.
»Heute Abend wird so richtig gesoffen, das sag ich euch.« sagte Katrin.
»Oh ja. Ich hab schon so lange nicht mehr, ich weiß gar nicht mehr, wie das geht« antwortete ich und Andi lachte dabei.
Der Grund, warum wir uns heute hier trafen war, dass wir dieses Schuljahr unser Abitur gemacht hatten und damit endgültig mit der Schule fertig waren. Bevor die Zukunft uns einholte, wollten wir nochmal zusammen einen Abend hier verbringen und uns betrinken. Wir drehten uns alle eine Zigarette und lagen auf der Decke. Ich ganz rechts, dann Katrin und dann Andi. Niemand sagte etwas. Man konnte nur den Lärm vom gegenüberliegenden Ufer hören, das Ausatmen des Rauches und ab und zu ein Schmatzen, wenn jemand an der Zigarette zog. Ich starrte in die Luft. Das Blätterdach über uns war so dicht, dass man den Himmel nicht sehen konnte. Fast gleichzeitig drückten wir unsere Kippen aus und nahmen einen Schluck aus der Bierflasche. Diese waren auch bald schon leer und da die Flaschen im See noch nicht kühl genug waren, öffneten wir eine zweite Runde Bierflaschen. Mittlerweile war das Bier auch nicht mehr auf Zimmertemperatur, sondern schon fast auf Außentemperatur.
Andi nahm einen Schluck, verzog das Gesicht und rief: »Alter, das ist ja pisswarm.« Sein Gesicht normalisierte sich wieder und er nahm einen zweiten Schluck. »Naja, aber ist halt trotzdem Bier« sagte er und zuckte dabei mit den Schultern.
Es war so heiß, dass ich den Alkohol jetzt schon bemerkte. Wir saßen weiter auf der Decke, redeten viel und lachten. Dann, nach dem dritten Bier waren die Flaschen im See endlich kalt genug und Katrin holte sie wieder. Ich nahm meinen Rucksack und verteilte an jeden Plastikbecher in die wir Schnaps füllten und diesen mit Cola mischten.
Wir stießen an und Andi sagte »Auf uns!« mit einer Ernsthaftigkeit, die mich etwas irritierte. Normalerweise waren solche Sprüche, wenn sie von Andi kamen, immer ironisch gemeint. Alle nahmen einen großen Schluck und Katrin stellte die Flaschen zurück. Die Sonne zog immer weiter und wir wurden immer betrunkener. Eigentlich erwartete man ja, dass die Temperatur gegen Abend hin immer weiter abkühlte, doch bei uns war das Gegenteil der Fall. Je später es wurde, desto schwüler und heißer wurde es. Der Alkohol tat den Rest und irgendwann, so gegen 19 Uhr, saßen wir schwitzend auf der Decke.
Ohne ein Wort zu sagen stand ich auf und lief ans Ufer. Mein Gang war, zu meiner Überraschung, sehr sicher und ich schwankte gar nicht. Eigentlich merkte ich nur an meiner Stimmung, dass ich schon ein wenig betrunken war. Als ich einige Schritte im See war, lies ich mich einfach mit dem Gesicht nach vorne in den See fallen. Als ich ganz untergetaucht war schwamm ich mit einigen Bewegungen etwas vom Ufer weg und tauchte wieder auf. Die anderen Beiden saßen noch auf der Decke und sahen mir zu. Mit langsamen und gemütlichen Bewegungen schwamm ich fort und sah auf die anderen Ufer. Immer weniger Leute waren dort und es waren nun auch mal Teile des Rasens zu sehen. Die übrigen Leute die noch geblieben waren, waren Jugendliche, die noch nicht nach Hause wollten oder Arbeiter, die gerade erst gekommen waren, um am Abend noch eine Runde im See zu schwimmen. Das Wasser fühlte sich wunderbar kühl an. Jedes mal, wenn ich mit dem Kopf untertauchte spürte ich wie mein Kopf kühler und klarer wurde. Mein restlicher Körper hatte sich schon an das kalte Wasser gewöhnt, doch der Kopf nicht. Ich liebte dieses Gefühl. Als würde man sich einen Beutel Eis aufs Gesicht drücken. Ich schwamm kreuz und quer durch den See und dachte an nichts mehr. Meine ganzen Gedanken waren auf die Schwimmbewegungen und das Wasser fokussiert. Doch irgendwann kamen meine Gedanken wieder zurück und ich schwamm ans Ufer. Andi und Katrin waren beide ebenfalls nass. Anscheinend waren sie auch kurz im Wasser gewesen.
Da es schon Ende August war, stand die Sonne schon um diese Uhrzeit kurz über dem Horizont. Am gegenüberliegenden Ufer waren nur noch vereinzelt Menschen zu sehen. Wir füllten die Becher auf. Plötzlich sagte Katrin: »Boa Andi. Deine neuen Schuhe sehen so übelst beschissen aus.« Dabei schüttelte sie langsam den Kopf. Andi sah sie entsetzt an, ich lachte schallend laut los. Dafür liebte ich Katrin. Sie war schon immer so direkt gewesen. Ihr Urteil über Andis neue Schuhe war auch noch gnädig, da sie normalerweise derber war. Aber sie wusste wohl, wie wichtig die Schuhe Andi waren und hielt sich deshalb zurück.
Ich lernte Katrin vor einigen Jahren auf einem Dorffest kennen. Es war eins von diesen typischen, beschissenen Dorffesten. Es gab wie jedes Jahr die selben Würstchenbuden von den selben Dorfvereinen. Es gab die selben Stände zum Saufen und es waren die selben Leute da. Dabei teilten sich diese nach Altersgruppen an den Ständen auf. Beim Fußballverein standen die alten, bierbäuchigen Männer und tranken ihr Bier. Dabei lag die Quote der unangenehmen, besoffenen alten Männern bei circa einem Drittel. Die hielten sich immer gerade so auf den Bierbänken und lallten immer ganz laut. Manchmal fiel auch einer von der Bank. Dann gab es da noch den Weinstand vom örtlichen Winzer, an dem die Generation zwischen 30 und 40 stand und so tat, als verstünden sie etwas von Wein. Besoffen war da nie jemand. Und dann war da noch der Schuppen vom Musikverein. Da gabs den Schnaps. Bedeutet: Hier waren die jungen Leute, die 14 bis 25 Jährigen. Für die unter 18 Jährigen war das Dorffest eine der wenigen Möglichkeiten Abends ohne größeren Aufwand an den harten Alkohol zu kommen. Hier schaute wirklich niemand darauf, wie alt man war. Nur wenn man offensichtlich zur Schau stellte, dass man noch viel zu jung war, wurde man rausgeworfen.
An dem Abend war ich mit Andi dort gewesen und wir beide hatten uns schon Wochen drauf gefreut, dass wir uns heute Abend so richtig abschießen konnten. Katrin kannte Andi damals flüchtig vom Sehen und gehörte zu einem Freundeskreis, der sich mit Andis Freundeskreis teilweise überschnitt. Es war schon ein wenig nach Mitternacht, Andi und ich hatten gut einen sitzen und ich kam gerade mit einem neuen Becher Jack Daniels zurück an den Tisch. Die Nacht war recht warm gewesen und ein ganzer Schwarm an Insekten schwirrte um die bunten Glühbirnen, die überall hingen. Es waren viele Leute aus unserer Schule, aber auch von anderen Schulen aus den umliegenden Dörfern, da gewesen. Wir drängten uns zurück an den Tisch und nahmen einen guten Schluck aus dem Becher. Dann unterhielt ich mich mit Andi und anderen Leuten, die links neben mir standen. Plötzlich spürte ich, wie mich jemand anrempelte. Zumindest dachte ich das. Ein Typ, der rechts neben mir stand stolperte zurück und hatte mich dabei gestreift. Ihm gegenüber stand Katrin. Der Typ fand sein Gleichgewicht wieder und lief auf Katrin mit geballten Fäusten zu und wollte gerade ausholen, aber Katrin war schneller gewesen. Ich weiß nicht ob es am Alkohol gelegen hatte, aber es dauerte kurz bis ich realisierte, was passiert war. Katrin hatte den Typen einfach umgeboxt. Ein Haken und er lag am Boden. Dann nahm sie meinen, noch halb vollen Becher, schüttete ihm den Inhalt ins Gesicht und warf ihm den Platikbecher mit einer lockeren Bewegung aus dem Handgelenk noch direkt auf die Nase. Ich verstand gar nicht was passiert war. Nach einer kurzen Diskussion mit Freunden des Typen, die sich aber schnell verzogen, stellte sich heraus, was passiert war: Katrin hatte gesehen, wie der Typ, den sie umgehauen hatte, mir etwas in den Becher geworfen hatte. Quasi ab diesem Moment waren wir Freunde.
Ob wir das auch geworden wären, wenn Katrin das nicht gesehen hätte oder jemand anderes das gesehen hätte, kann ich nicht sagen. Ich glaube ehrlich gesagt nicht. Manchmal frage ich mich, ob so etwas eine Freundschaft weniger wertig macht, wenn man weiß, dass man sich nur durch einen Zufall kennt und sich das nicht wirklich ausgesucht hat. Wahrscheinlich nicht.
Es war mittlerweile schon kurz nach Acht. Wir waren in der Zwischenzeit auf nicht-alkoholische Getränke umgestiegen, damit wir nicht schon vor Sonnenuntergang direkt in der Ecke lagen oder den ganzen See vollkotzten. So früh sollte der Abend nicht vorbei sein, da waren wir uns alle einig. Mittlerweile war unser Platz am See nicht mehr schattig. Die Sonne stand kurz über dem Horizont und ging genau gegenüber von uns unter. Es war ein wunderbarer Anblick, wie sie sich auf dem See spiegelte, der nun ruhig dalag. Niemand schwamm mehr darin und löste Wellen aus. Spiegelglatt lag er vor uns und erschuf zwei Sonnen. Wir waren von diesem Anblick so begeistert, dass niemand etwas sagte. Wir trauten uns nicht einmal zu rauchen oder etwas zu trinken. Wir starrten nur, so gut es ging, in Richtung der Sonne und kniffen die Augen zusammen. In diesem Moment dachten wir über Nichts nach und ließen uns nur von unseren Gefühlen treiben, wie die Blätter, die auf dem spiegelglatten See lagen und sich leicht hin und her wogen. Es fühlte sich an wie ein Independentfilm. Das Setting, die Stimmung und wir, die Protagonisten, würden perfekt rein passen. »Ich fang mal an, bevor es dunkel wird« sagte Andi und stand auf. Er schob die Decke zur Seite und verschwand auf dem Pfad, der zurück zu den großen Ufern führte. Katrin und ich saßen noch weiter da und sahen uns den Sonnenuntergang an.
»Sowas werden wir nie wieder haben, oder?« fragte sie nach einer Weile.
»Was meinst du?« sagte ich.
»So einen Sonnenuntergang« antwortete sie und zündete sich dabei eine Kippe an.
»Klar werden wir das« sagte ich.
Andi kam in diesem Moment um die Ecke und trug ein paar Steine. An einer Seite waren sie von Ruß und Asche ganz schwarz. Mit einem dumpfen poltern lies er sie aufs Gras fallen und ordnete sie dann zu einem Kreis. Im nächsten Augenblick war er schon wieder verschwunden und tauchte kurze Zeit später mit ein paar trockenen Ästen und sogar Holzscheiten auf.
»Woher hast du die denn jetzt?« fragte ihn Katrin und schien nach der Axt Ausschau zu halten, mit der Andi die Holzscheite gerade frisch geschlagen haben könnte.
»In dem kleinen Waldstück neben dem See lagert jemand sein Holz. Dachte die paar Stücke, wird der schon nicht vermissen« antwortete er, während er das Holz in dem Steinkreis platzierte.
Ich drehte mich um und blickte noch einmal zur Sonne. Das letzte Stück der Sonne verschwand gerade hinterm Horizont. Ehe ich mich versah, war es ganz weg. Ich hatte irgendwie das Gefühl, dass die Welt um mich herum nun eine andere war. Die Vögel zwitscherten immer noch. Der Wind war immer noch nicht zu spüren. Es war immer noch heiß. Und wir waren immer noch allein am See, aber das Gefühl kam trotzdem. Ich hörte es hinter mir zischen und jemand stupste mich an. Andi hatte mir eine Flasche Bier aufgemacht und ich sollte sie nehmen. Irgendwie war mir gar nicht mehr nach trinken. Aber ich nahm die Flasche trotzdem, stieß mit den beiden an und trank einen Schluck. Wir legten die Decke so gut es ging an die Feuerstelle ran. Das Tageslicht wurde immer blauer und man hörte auch immer weniger Vögel zwitschern. Gerade als ich die Flasche geleert hatte steckte Andi das Feuer an. Zuerst sah man ein wenig Licht, welches aus den Untiefen des Holzstapels kam und immer heller wurde. Es rauchte, qualmte und wurde immer heller, bis die ersten Flammen zu sehen waren. Kleine rote Spitzen zuckten immer wieder zwischen dem Holz hervor. Der erste Holzscheit gab ein lautes Knacken von sich. Die Flammen wurden immer größer und färbten einige Stellen des Holzes schwarz. Ich war fasziniert davon, wie sich das Feuer ausbreitete und zu wachsen schien. Mittlerweile war es kurz vor 9 und dafür, dass es heute so unfassbar heiß gewesen war, war es jetzt, mit dem Verschwinden der Sonne, doch recht kühl geworden. Es fröstelte mich nicht direkt, aber ich war doch froh, dass wir das Feuer gemacht hatten. Auch, weil es durch die Bäume um uns herum und das Blätterdach über uns hier recht dunkel war und das Feuer alles ein wenig erhellte.
Wir füllten unsere Becher wieder mit Alkohol, denn jetzt war es Abend und wir wollten so richtig loslegen. Es verging keine halbe Stunde und wir waren wieder angetrunken. Wahrscheinlich hörte man uns im nächsten Dorf, so laut riefen, schrien und lachten wir. Darüber machten wir uns aber keinerlei Sorgen. Auch nicht darüber, dass wir wohl richtig Ärger bekommen hätten, wenn uns jemand dabei erwischt hätte, wie wir hier ein Lagerfeuer zwischen Bäumen und neben einem Waldstück machten, was bei den Temperaturen in Null Komma Nichts komplett abfackeln würde. Es war dieser jugendlicher Leichtsinn, der heute schon den ganzen Tag in uns allen lag, der es uns erlaubte das zu tun, was wir taten. Die ganzen Alkoholflaschen waren sichtbar leerer, was uns ein wenig Sorgen bereitete.
Wir hatten Angst, dass diese nicht mehr reichen würden, aber Andi beruhigte uns: »Bei mir daheim stehen glaube ich noch Flaschen. Wenn die also leer sind, fahren wir einfach zu mir und machen da weiter. Wir bleiben ja eh nicht die ganze Nacht hier« sagte er.
»Wieso musste ich dann überhaupt welche einkaufen, du Arsch?« fragte Katrin entsetzt.
»Ich bin ja großzügig, aber alles schenk ich euch nicht« lachte Andi.
Katrin lachte mit, aber in ihrem Lachen war auch eine gewisse Ernsthaftigkeit, die mich glauben ließ, dass sie es Andi doch ein wenig übel nahm. Unsere Stimmung war heute zu keinem Zeitpunkt so gut gewesen, wie jetzt. Andi hatte gerade versucht mich ins Wasser zu werfen, doch ich schaffte es erfolgreich mich zu wehren und drohte Andi nun mit Alkoholentzug für den Rest des Abends, was ihn offensichtlich einschüchterte, da er mich los lies. Ich war nicht mehr so ganz fest auf den Beinen, stolperte zum Lagerfeuer zurück und ließ mich auf die Decke fallen.
Meine Augen wurden schwer, als ich nach oben zum Blätterdach blickte, was von den zuckenden Flammen mit einem Spiel aus Licht und Schatten überzogen wurde. Über mir schien es quasi zu pulsieren, was eine hypnotische Wirkung hatte und mich noch schläfriger machte. Ich rieb mir die Augen.
»Schlaf mir jetzt bloß nicht ein, Molly« sagte Katrin und legte sich neben mich.
»Nene, mach ich schon nicht« antwortete ich.
»Ich finds wirklich gut, dass wir das heute gemacht haben.« In Katrins Stimme lag plötzlich etwas mehr Ernsthaftigkeit als gerade eben noch.
»Andi komm mal her« rief sie, füllte 3 Becher auf und drückte jedem einen in die Hand. Wir beide sahen sie erwartungsvoll an.
»Wir stoßen jetzt an« sagte sie und hob demonstrativ ihren Becher in die Luft. Andi und ich taten es ihr gleich. Er kicherte dabei auch noch, weil er jetzt wohl eine lustige, betrunkene und dumme Rede erwartete, doch dem war nicht so.
»Auf uns. Auf das Ende einer Lebensphase. Auf den Ernst des Lebens« rief sie. Andi und ich mussten ein wenig lachen und wiederholten den Spruch. Dann kippten wir die Becher in einem Zug runter.
»Man, die Zeit vergeht wirklich zu schnell« sagte Andi.
»Du hörst dich an, als wärst du ein Rentner« sagte ich und Katrin musste dabei lachen.
»Na, ist doch so. Kommt es euch nicht auch vor, als wären wir gerade erst vor kurzem in die 5. Klasse gekommen?«
»Ne, eigentlich nicht. Mittlerweile darf ich ja offiziell saufen, rauchen und Auto fahren. Zwischen dem und der 5. Klasse verging einiges an Zeit« antwortete Katrin.
»Na, aber dann wenigstens in die Oberstufe. Da kommt es mir definitiv so vor, als wäre es erst vor kurzem gewesen« protestierte Andi.
»Ja stimmt schon. Das ging wirklich schneller als gedacht. Ist man eigentlich offiziell erwachsen, wenn man sowas sagt?« antwortete ich.
»Was sagt?« fragte er.
»Sowas wie ‚Boa, wie schnell die Zeit vergeht‘?« sagte ich und legte mich dabei wieder auf die Decke.
»Hm, da könnte was dran sein, ich hab noch nie ein Kind sowas sagen hören. Da kommt einem ja schon die Stunde bis zum nächsten Cartoon wie eine Ewigkeit vor« sagte Katrin.
»Dann sind wir jetzt wohl nicht nur laut Gesetz erwachsen, sondern auch noch im Kopf. Bald wachsen uns graue Haare« sagte Andi. »Naja, auf jeden Fall haben wir den ganzen Scheiß jetzt hinter uns. Wir sind fertig mit der Schule, man! Irgendwie haben wir das noch nie so richtig gefeiert!« fuhr er fort.
Wenn ich so darüber nachdachte, stimmte das. Unsere Abifeier in der Schule war ziemlich mies gewesen, sodass alle ziemlich früh nach Hause sind und das nicht groß gefeiert haben. Über die Hälfte der Zeit verbrachten wir damit Reden von Lehrern anzuhören oder Schülern dabei zuzusehen, wie sie irgendeinen Preis gewannen. Dann gab es noch die Zeugnisverleihung, bei der jeder auf die Bühne gerufen wurde. Gekrönt wurde das Ganze von einem DJ, der nichts anderes Tat, als Songs in iTunes anzuordnen und seine Übergänge mit der »faden« Funktion zu machen. Wir sind dann schnell geflüchtet und weil wir Abends nirgendwo anders mehr hinkamen, gingen wir in die nächste Dorfdisko. Dort war es aber auch nicht besser, was uns spätestens dann klar wurde, als uns ein besoffener Mitte-30 Jähriger mit Geheimratsecken bis zum Hinterkopf fragte, ob wir von einer Beerdigung kämen, weil wir noch unsere Kleider und Anzüge trugen. Irgendwann morgens sind wir dann ein wenig enttäuscht nach Hause.
»Ja komm, dann feiern wir das jetzt« sagte ich und kippte jedem noch etwas in den Becher. Wir stießen noch einmal drauf an. Wir wurden noch lauter und betrunkener. Ein Übermut überkam uns, der nichts mehr mit jugendlichem Leichtsinn zu tun hatte. Uns wurde klar, dass wir den Ort, an den wir die letzten 12 Jahre unseres Lebens gebunden waren, nie wieder sehen würden. Wir würden nicht mehr den Leuten über den Weg laufen, die wir nicht leiden konnten und die uns nicht leiden konnten. Wir mussten nicht mehr unsere Zeit mit dem Lernen von Dingen verschwenden, die uns nicht interessierten. Es fühlte sich an, wie die maximale Freiheit. So viel Freiheit hatten wir in unserem kurzen, bisherigen Leben noch nie genossen und es war überwältigend. Wir drehten die Musik, die bisher nur im Hintergrund lief, auf maximale Lautstärke und sangen so laut es ging mit. Dabei kippten wir weiter den Schnaps. Das flackernde Feuer warf bizarre Schatten auf die Äste und Stämme der Bäume um uns herum. Der See gähnte dagegen wie ein schwarzer Abgrund neben uns.
Das ging gut eine halbe Stunde so, aber irgendwann wurden wir müde und legten uns auf die Decke. Ich steckte mir eine Kippe an und atmete aus.
»Ist das nicht geil. Wir haben jetzt alles vor uns, alles was wir wollen« sagte Andi.
Ich zog noch einmal an der Kippe.
»Irgendwie finde ich das immer noch absurd, dass du jetzt dann BWL studierst, Molly« sagte Katrin.
»Wieso?« fragte ich.
»Keine Ahnung. Ich hab nicht gedacht, dass dir der Mathescheiß so Spaß macht, dass du was in die Richtung studieren willst« sagte sie.
»Das ist ja kein Mathestudium. Man brauch das da nur, aber das Fach beschäftigt sich ja mit was anderem« antwortete ich und zog an meiner Kippe.
»Ja schon klar. Sag ich ja. Aber das was du so gerne machst, geht ja in ne komplett andere Richtung« sagte sie.
Natürlich hatte sie Recht. In meiner Freizeit hatte ich noch nie einen müden Gedanken an irgendetwas verschwendet, das mit Mathe zu tun hatte. In der Schule war das auch nie etwas, was mir besonders viel Spaß gemacht hatte. Ich konnte es einfach irgendwie nur gut.
»Man muss ja nicht immer das machen, was einem super viel Spaß macht. Man kann ja auch das machen, was man einfach gut kann« antwortete ich.
»Ich glaube, damit wird man nicht glücklich« sagte Andi.
»Du hast leicht reden. Hättest du nicht direkt was gefunden, was dir Spaß macht und dafür auch noch einen Ausbildungsplatz bekommen, sähe das schon ganz anders aus« sagte ich.
»Ne, der Meinung war ich schon immer« meinte Andi. »Man muss das machen, was einem Spaß macht, sonst wird man unglücklich.«
»Wer sagt denn, dass mir das gar keinen Spaß macht? Ihr wisst auch nicht alles über mich« antwortete ich schnippischer, als ich es eigentlich vor hatte.
»So war das doch gar nicht gemeint. Was ist denn los? Hab ich was falsches gesagt?« fragte Andi.
»Ne, tut mir leid. Ich weiß auch nicht. Das Thema bereitet mir einfach Stress« sagte ich.
»Warum?« fragte Andi mich.
»Ich weiß nicht. Ganz normale Zukunftsängste schätze ich« antwortete ich.
»Ach das geht vorbei« versuchte Andi mich zu beruhigen.
»Ja, wahrscheinlich« sagte ich und versuchte zu lächeln. Dieses Thema erfüllte mich mit maximalem Unbehagen und ich konnte nicht genau sagen, wieso das so war. In manchen wunderschönen Momenten, in denen Nichts und Niemand einen aufhalten konnte, in denen man sich im Hier und Jetzt gut und vollkommen fühlte, kam ein Moment, in dem das alles zunichte gemacht wurde. In dem die eigene Illusion wie ein Kartenhaus zusammenfiel und einem gezeigt wurde, wie naiv man gewesen war. Ich zog noch einmal an der Kippe. Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Ich sah zu den anderen, aber auf ihren Gesichtern konnte ich nicht das gleiche lesen. Andi hatte das mit dem Spaß angesprochen, was mir schon seitdem ich mich eingeschrieben hatte im Kopf herumgeisterte. Ich hatte es immer verdrängt, dass ich keinen Spaß daran hatte und es auch nicht gerade mein Lebenstraum war. Jetzt, wo ich so direkt drauf angesprochen wurde, war das nicht mehr möglich. Ich war mir eigentlich sicher gewesen, dass es die richtige Entscheidung gewesen war, aber jetzt fühlte es sich ganz und gar nicht mehr sicher an. Ich hatte einfach Angst vor der Zukunft. Ich versuchte in mich reinzuhören, doch ich bekam keine Antwort.
»Warum bist du denn so still, Katrin?« fragte Andi und drehte sich zu ihr.
»Ich kann da ja nicht so viel mitreden. Im Gegensatz zu euch weiß ich ja nicht, was ich machen soll« sagte sie und zuckte mit den Schultern.
Katrin stand auf und ging zum Ufer. »Oh Nein!« hörten wir sie rufen. »Der Alkohol reicht gerade noch so für drei Becher« sagte sie und hob dabei die Flaschen in die Luft, damit wir sehen konnten wie knapp unsere Vorräte waren.
»Dann müssen wir wohl doch noch zu mir oder Molly fahren« seufzte Andi. »Ich glaube wir waren jetzt auch lange genug hier, der Boden wird mir langsam zu ungemütlich. Molly, bei dir ist doch niemand Zuhause oder? Lass uns mal zu dir fahren und da weiter machen. Vorher fahren wir aber noch bei mir durch und holen schnell das Zeug, was bei mir rumsteht« sagte er.
Katrin und ich stimmten zu und wir begannen unser Zeug einzupacken. Andi löschte das Feuer. Ich blickte mich noch ein letztes Mal um. Der See war nun keine spiegelglatte Fläche mehr, die einem entgegen strahlte und eine zweite Sonne aus dem Nichts erschuf. Er war nun ein schwarzes Loch, was alles um ihn herum und über ihm zu verschlucken schien. Das Licht der Sterne war zu schwach, um sich in dem See zu spiegeln. Ein leichter Wind ging nun, sodass kleine Wellen auch die Spiegelungen der hellsten Sterne zunichte machten. Es fröstelte mich ein wenig. Ich sah wieder nach vorne zu den Anderen, die gerade ihre Rucksäcke schulterten. Beide schienen diesen Kontrast nicht bemerkt zu haben. Zumindest sah man es ihnen nicht an. Andi nahm zwei leere Becher, ging zum See und wirbelte die Oberfläche nun endgültig auf. Die zwei Becher leerte er über die Feuerstelle, welche noch ein letztes leises Zischen von sich gab. Dann nahmen wir unsere Räder aus dem Gebüsch, schoben sie durch das Unterholz und fanden uns am großen Ufer wieder. Das Unbehagen war verschwunden, ich hatte das Gefühl, wieder atmen zu können. Ich tat es auch und atmete tief durch.
»Ihr müsst mir jetzt vertrauen« sagte Andi plötzlich. »Kleine Planänderung. Ihr folgt mir. Ich hab eine Idee und die wird euch gefallen, aber es soll eine Überraschung sein.« Er hatte dieses eine Andi-Grinsen auf den Backen. »Oh ich freu mich. Ich freu mich für euch, weil ihr bald so eine geile Überraschung erleben werdet« lachte er. Jetzt war das Unbehagen endgültig weg, als wäre es nie da gewesen.
»Laber nicht so lange rum und zeig uns das jetzt« sagte Katrin.
Sie war anscheinend genauso heiß wie ich auf die Überraschung. Ich stieg auf mein Rad auf und setzte einen Fuß auf die Pedale. Ich war sowas von bereit. Katrin versuchte auch aufzusteigen, war aber etwas zu betrunken oder zu tollpatschig und kippte fast mit dem Fahrrad zur Seite. Andi fing sie gerade noch auf. Wir lachten so heftig, dass wir deshalb beinahe von unseren Rädern kippten.
»Ach kommt, so lustig ist das jetzt nicht« sagte Katrin und musste selbst dabei noch lachen. Dann stieg sie aber auf das Rad und fuhr los.
»He, ich muss doch voraus« rief Andi und folgte ihr so schnell er konnte. Ich stieg auch in die Pedale. So fuhren wir mitten in die Nacht.
Die Luft war mittlerweile um einiges kühler geworden und ein leichter Wind ging. Unsere Fahrradleuchten schafften es gerade so den Feldweg zu erleuchten. Durch die hohen Reihen Mais am Rande des Weges fungierte der Feldweg wie eine Schneise, durch die der Wind blies. Ich nahm meine Hände vom Lenker und streckte sie in die Luft. Der Wind umschlang mich und es fühlte sich an den Fingern an, als würde ich durch einen kalten Haufen Schaum streichen. Es war ein wenig unheimlich durch ein schwarzes Nichts zu fahren und gerade mal wenige Meter weit sehen zu können. Die Felder neben uns waren so schwarz wie der See. Man konnte ein Rascheln hören, wenn der Wind über die Felder wehte. Wir bogen ein paar mal ab und waren nun wieder in dem Dorf, in dem ich Andi abgeholt hatte. Sobald wir an den ersten Häusern vorbei waren wurde es schlagartig wärmer. Die Luft stand hier regelrecht und der aufgeheizte Asphalt wärmte alles. Es fühlte sich an, als würde man aus der frischen Winterluft in eine verrauchte Dorfkneipe kommen, in die gerade nochmal jemand gekotzt hatte. Wir folgten Andi weiter, doch wir bogen weiter durch die verwinkelten Straßen und fuhren nicht den Weg zu mir nach Hause. Ich erkannte schnell, wo es hinging: In das nächste Dorf, in dem auch unsere Schule lag. Langsam dämmerte es mir auch, was Andis Plan war. Wir verließen das Dorf und die Luft wurde wieder kühler. Hier fuhren wir an einer Landstraße entlang. Zu unserer Rechten waren keine Felder sondern ein paar Schrebergärten und Wiesen. Hier wehte der Wind noch stärker. Das Dorf war allerdings nicht weit entfernt, weswegen wir recht bald wieder durch die stickige Luft fuhren. Mit jeder Kurve die Andi machte, erhärtete sich mein Verdacht. Wir waren auf dem Weg zur Schule.
»Wieso fahren wir denn zur Schule?« fragte Katrin nun endlich.
»Das seht ihr gleich« sagte Andi.
Wir konnten sein Gesicht nicht sehen, da er voraus fuhr, doch an der Stimme war zu hören, dass er ein breites Grinsen auf den Lippen hatte. Das Gebäude war komplett dunkel, als wir auf den Schulhof einbogen. Eine einsame Straßenlaterne an der Einfahrt war hell erleuchtet und eine Lampe am Haupteingang leuchtete. Wie erwartet, war niemand hier. Wieso denn auch? Es war ja mitten in der Nacht, unter der Woche und dazu waren noch Sommerferien. Wenn überhaupt, kam der Hausmeister einmal die Woche hier vorbei. Wir stellten unsere Räder in die Fahrradständer und Andi ging voraus. Er lief zur Eingangstür, griff in seine Taschen und holte seinen Schlüsselbund raus. Er setzte sein »cooles« Gesicht auf, von dem er dachte, dass die coolen Typen in Filmen immer so schauen würden (taten sie nie, außerdem sah es bei ihm eher nach Schlaganfall aus) und drehte den Schlüssel im Schloss um. Die Tür sprang auf und zu meiner Überraschung ging kein Alarm an. Aus den Ecken strömten auch keine Bullen, die uns über den Haufen ballern wollten.
»Woher hast du denn bitte den Schulschlüssel?« rief Katrin und freute sich sichtlich.
»Ach ich war doch mal in so ein paar AGs und da hab ich an einem Wochenende den Schlüssel bekommen, weil die Türen nur von Innen aufgingen und wir ab und zu auch raus mussten. Nur hab ich vergessen den Schlüssel zurückzugeben und niemand hat was gesagt. Ich dachte mir dann, dass das schon niemand vermissen wird und man muss sowas ja behalten. Man kann ja nie wissen« antworte er.
»Ja klar. ‚Vergessen‘« sagte ich und machte dabei mit den Fingern Anführungszeichen in die Luft.
»Ne, das hab ich wirklich vergessen! Aber selbst wenn nicht, hätte ich ihn trotzdem behalten« lachte er. Wir gingen durch die Tür und Andi schloss hinter uns wieder ab. »Nicht das plötzlich wer vor uns steht« sagte er.
Vor uns lag ein langer Gang, der in das Hauptgebäude der Schule führte. Die Wände bestanden zu beiden Seiten komplett aus Glas und auf dem Boden waren diese hässlichen Beton-Fließenplatten verlegt, in denen noch halbe Kieselsteine zu sehen waren. Rechts von uns sah man nur den Schulhof. Beziehungsweise sah man ihn nicht, da es draußen finster war. Aber man konnte die einsame Straßenlampe sehen. Links von uns war eigentlich eine Wiese mit Büschen, doch diese war auch nicht zu sehen. Unsere Schritte hallten an den Glaswänden wieder. Wir hatten unsere Lampen an den Handys noch nicht eingeschaltet, da man den Glasgang schon von weitem sehen konnte und es doch ein wenig auffällig gewesen wäre, wenn Menschen mit Taschenlampen hier herumlaufen würden. Es war allerdings auch nicht schwer in der Dunkelheit durch einen leeren, geraden Gang zu laufen. Außerdem gewöhnten sich unsere Augen schnell daran und die Straßenlaterne draußen spendete ein wenig Licht.
Ich fragte mich, was Andi hier vorhatte. Einfach nur so Nachts in der verlassenen Schule rumzuhängen war nicht gerade die Freizeitbeschäftigung, die ich mir wünschte. Am Ende des Glasganges teilte sich der Weg auf. Links ging es zu den Klassenräumen und Rechts zu den Chemie- und Physikräumen. Wir gingen nach Links und die Treppe nach oben in den ersten Stock. Direkt neben dem Ende der Treppe war das Lehrerzimmer. Andi öffnete die Tür. Nun machten wir auch das Licht an. Es war ein komischer Anblick. Normalerweise war das belebte Lehrerzimmer schon ein komischer Anblick, da man es als Schüler nie zu sehen bekam. Aber jetzt, mitten in der Nacht mit den leeren Tischen war es noch absurder. Andi wusste wohin er wollte und lief zur Einbauküche, öffnete das untere Regal und holte eine Pappkiste raus. Wir hörten Flaschen darin klimpern. Katrin lief sofort hin und öffnete die Kiste.
»Oh, edel!« sagte sie mit ironischem Unterton und holte eine Flasche Wein raus. »Sind wir jetzt echt für ein paar Flaschen billigen Fusel diesen riesigen Umweg gefahren? Wir hätten ja direkt zu Molly oder dir fahren können.«
»Schau mal auf den Jahrgang« sagte Andi.
»1973« las Katrin vor. »Oh, richtig edel!«
»Woher weißt du denn, dass die hier stehen?« fragte ich.
»Als ich an dem Wochenende hier war, hat die Schule 2 Kisten von dem Weingut um die Ecke bekommen und ich musste tragen helfen« antwortete er.
Andi holte eine weitere Flasche raus und stellte sie auf die Ablage. Dann verstaute er die Kiste wieder im Regal. Er drehte sich schon um, überlegte es sich doch anders und nahm eine weitere Flasche heraus.
»Für schlechte Zeiten« sagte er.
Wir verließen das Lehrerzimmer wieder. Andi ging voraus und führte uns wieder zurück zum Haupteingang.
»Das war jetzt das Besondere? Wir klauen 3 Flaschen edlen Wein und gehen wieder?« fragte Katrin etwas enttäuscht.
»Quatsch. Kommt mit« sagte er und schloss die Tür hinter sich wieder sorgfältig ab. Wir liefen über den Schulhof. Vor einigen Jahren wurde die Schule umgebaut und der Schulhof in eine riesigen asphaltierten Platz verwandelt. Früher war er gepflastert gewesen und ein paar Bäume hatten darauf gestanden. Nur der Basketballkorb war noch übrig geblieben. Am anderen Ende des Schulhofes befand sich die riesige Sporthalle. Diese war so groß, dass sie quasi 3 einzelne Sporthallen beinhaltete. Außerdem war unsere Schule ein bisschen reicher, da es eine Privatschule war und hatte sogar ein eigenes Schwimmbecken, das auch noch an die Sporthalle angrenzte. Andi lief an der Sporthalle vorbei und auf einen anderen Eingang zu. Dieser führte ins Untergeschoss der Sporthalle, in der sich Werkräume und Ähnliches befanden. »Jetzt hofft mal mit mir« sagte er und steckte den Schlüssel ins Schloss. Mit einem klicken wurde der Riegel zur Seite geschoben und die Doppeltür schwang auf.
»Hätte nicht gedacht, dass der auch hier passt« sagte er.
»Also wären wir im schlechtesten Fall doch nur für 3 Flaschen teuren Wein hier her gekommen« merkte Katrin an.
Wir gingen den dunklen Gang entlang, bogen einmal ab und standen vor der nächsten Glastür. Es war die Tür zum sogenannten Partyraum. ‚Sogenannt‘ weil es mittlerweile eher eine Abstellkammer für alte Tische und Stühle war. Ich wusste nicht, in welcher Zeit dieser Raum zu seinem eigentlich Zweck genutzt wurde, aber das muss lange vor uns gewesen sein. Eigentlich war der Raum dafür gedacht wirklich Partys zu veranstalten. Er hatte Lampen, ein Stroboskop, sogar eine Diskokugel. Mischpult und die Steuerung für die Lampen waren sogar in einer extra Kabine und Lautsprecher hingen an den Wänden. Es gab sogar eine richtig echte Tanzfläche, die in der Mitte eingelassen war und einen Tresen, an dem Getränke hätten verteilt werden können. Auf jeden Fall war er in den 8 Jahren, an denen ich an der Schule war nicht einmal benutzt worden, um Partys zu feiern. Ich glaube sogar, dass er noch nie wirklich dazu benutzt worden war. Das einzige was in diesem Raum passierte, war dass der Hausmeister Tische und Stühle rein und raus fuhr. Ab und zu fand auch eine Theatervorführung statt. Sonst wurde hier nur sehr gewissenhaft und professionell Staub gesammelt. Andi versuchte die Tür aufzudrücken, doch sie war verschlossen. Er steckte den Schlüssel rein, doch er lies sich nicht bewegen.
»Och man. Echt jetzt?« rief er frustriert und rüttelte noch einmal am Schlüssel.
»Komm lass mich mal« sagte Katrin und drückte Andi zur Seite.
Mit der einen Hand drückte sie die Tür weiter in die Angel und mit der anderen drehte sie einmal kräftig. Es knackte eher, als dass es klickte, aber der Schlüssel drehte sich nun doch im Schloss um. Wir betraten den Raum und es kam uns ein staubiger Geruch entgegen. Die alten Tische und Stühle, die am Rand standen rochen wie 40 Jahre Schule eben riechen.
»Was wollen wir denn jetzt hier?« fragte ich.
»Na, Party machen« sagte Andi, als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt. Er drückte auf den Lichtschalter und einige Neonröhren gingen an. In dem kalten Licht sah der Raum noch trostloser aus.
»Ich finde diesen Raum so traurig« sagte ich. »Eigentlich sollte das hier ja der beste Raum der Schule sein, aber es ist einfach der Schlimmste. Hier hätte der größte Spaß sein können, aber das wars nie. Immer nur langweilige Aufführungen.«
»Ach komm, so langweilig waren die nie. Ich war doch auch bei ein paar sogar dabei!« sagte Katrin. Ich gab klein bei und stimmte ihr zu.
»Ich sag euch, jetzt wird so richtig aufgedreht. Wir machen nur einmal Abitur und so schnell brechen wir nicht mehr in die Schule ein. Und das Beste ist: Niemand muss morgen aufräumen!« rief Andi.
Meine Stimmung hob sich direkt wieder. Andi war einer dieser wenigen Menschen, die einen sofort mit ihrer guten Laune ansteckten. So war es auch immer auf Partys. Es konnten die lahmsten Partys sein — wenn Andi auftauchte war sofort Abriss. Er war wie ein Katalysator für die Laune. Meistens brauchte es nur ihn und dann steckten sich alle gegenseitig mit der guten Laune an.
Andi lief rüber zum Tresen und legte den Rucksack darauf ab. Dann öffnete der den Kühlschrank, der dahinter stand.
»Alter, wie geil. Den haben die ja sogar an gelassen. Und hier ist noch eine Flasche Bier drin. Die sollten wir uns später teilen« rief er.
Andi holte die Weinflaschen aus dem Rucksack, um sie im Kühlschrank zu verstauen. Der Alkohol den wir vorher getrunken hatten, wirkte wohl noch, denn beim Versuch die Weinflaschen im Kühlschrank zu verstauen stieß er die Bierflasche um, die fast herunterfiel, aber im letzten Moment vor der Kante des Kühlschrankfaches noch stoppte.
»Gott, war das knapp!« rief Andi und tat so, als würde er sich Schweiß von der Stirn wischen.
Dann ging Andi zur Tür, die neben dem Tresen war. Diese war zum Glück nicht abgeschlossen. Dahinter befand sich der Raum mit den Mischpulten. Er drückte gekonnt auf ein paar Knöpfen herum, die Lichter über der Tanzfläche gingen an und die Diskokugel begann sich zu drehen. Dann holte Andi sein Handy raus und schloss es an, startete die Musik und löschte die Neonröhren. Lou Reed sang »Hey Babe, take a walk on the wild side«. Ab und zu reflektierte die Diskokugel das Licht direkt in meine Augen, doch es war so schnell wieder weg, dass ich nicht blinzeln musste. Ich fühlte mich, als wäre ich ganz alleine hier. Als wäre ich alleine mit mir und meinen Problemen. Aber es überforderte mich nicht. Ich fühlte mich stark und war überzeugt, dass ich damit schon irgendwie klar kommen würde.
Katrin riss mich aus den Gedanken, als sie mir ein Glas vors Gesicht hielt.
»Hörst du mich überhaupt?« sagte sie.
»Jaja« antwortete ich. »Was ist das jetzt?« fragte ich und sah mir das Glas an. Im Licht der bunten Lampen war nur zu erkennen, dass es ein Weinglas war, aber nicht was darin war.
»Du hast mir überhaupt nicht zugehört! Der Wein ist da drin« antwortete Katrin.
Wir setzten uns an den Rand der Tanzfläche und stießen zum letzten Mal für diese Nacht an.
»Schaltet mal den Kopf aus und lasst die Sorgen wo anders, ich seh euch doch an, dass da was ist. Wir sind jetzt hier um zu genießen dass wir existieren und das wir unser Leben noch vor uns haben« sagte Andi.
Im Nachhinein klang das wie eine lächerliche Rede eines jungen Menschen, die besonders deep sein will und dabei nicht an Kitsch zu übertreffen ist. Man denkt dabei man hätte die Weisheit mit Löffeln gefressen. Jeder hatte so eine Phase im Prozess des Großwerdens und wir alle bekommen körperliche Schmerzen, wenn wir daran zurück denken. Hoffe ich zumindest, denn wer es nicht bekommt ist wahrscheinlich im Kopf immer noch ein dummer Teenager, der seine Sicht auf die Welt für besonders tiefgründig und einzigartig hält. In diesem Moment war daran aber nichts besonders tiefgründig. Es war das, was wir alle brauchten und was irgendwie auch stimmte. Wir nahmen alle einen Schluck von dem Wein, der wahrscheinlich so viel kostete wie unser Monatstaschengeld.
»Hm. Also der 3€ Fusel schmeckt mir jetzt schon besser« sagte Katrin mit enttäuschtem Gesicht.
Ich stimmte ihr zu, aber da es gerade keine Alternative gab tranken wir die Gläser mit verzogenen Gesichtern leer. Andi ging zum Mischpult und drehte die Musik auf. Die Lampen blinkten nun im Tackt. Der Bass dröhnte in meinen Ohren. Ich konnte ihn sogar mit meinem ganzen Körper spüren. Der Alkohol wirkte wieder stärker und ich konzentrierte mich auf die Lampen, die in bunten Farben pulsierten und mich blendeten. Andi setzte sich wieder neben mich, aber niemand von uns sagte was. Das gleichmäßige Blinken und der Alkohol machten mich ziemlich müde. Ich spürte, wie meine Augenlider immer schwerer wurden.
Dagegen musste ich aber etwas tun, denn ich wollte beim besten Willen nicht müde sein. Also stand ich auf und begann zu tanzen. Die beiden anderen beobachteten mich noch. Ab und zu nickte Andi zum Tackt. Ich dachte an Nichts und bewegte mich zur Musik, wie mir gerade danach war. Es muss unglaublich affig ausgesehen haben, oder unglaublich gut. Denn manchmal sah man beim Tanzen super gut aus, wenn man nur peinliche und unkoordinierte Bewegungen machte. Mit diesem Talent war allerdings nur ein kleiner Teil der Menschheit gesegnet. Ich schloss die Augen. Die bunten Lichter ließen es vor meinen Augen aber trotzdem noch hell und dunkel werden. Ich war nun komplett alleine. Der Bass trieb alle Gedanken aus meinem Kopf und ich fühlte eine angenehme Leere. Keine Leere, die man versucht zu füllen, weil man sonst verrückt würde. Es war eine Leere, die einen entspannt, die einen schwerelos macht. Der Bass übertönte meinen Herzschlag. Wahrscheinlich musste man uns bis zu den nächsten Wohnhäusern gehört haben, aber darüber dachte ich nicht nach. Und selbst wenn, würde man uns wohl kaum in einer leeren Schule suchen. Plötzlich berührte mich etwas am Arm. Langsam öffnete ich meine Augen und sah wie Katrin und Andi neben mir standen und ebenfalls tanzten. Beide hatten die Augen geschlossen und bewegten sich mal sehr ästhetisch und mal sehr lustig. Ich schaute Andi ein bisschen zu und war überrascht, wie gut er tanzen konnte. Als ich so drüber nachdachte fiel mir auf, dass ich Andi noch nie hatte tanzen sehen. Eigentlich sehr komisch, wenn man ihn kannte und wusste, wie er so drauf war. Katrin sah beim tanzen auch sehr gut aus. Ihre Hände lies sie mit den Bewegungen durch den Raum fliesen und ihre Beine bewegten sich zum Tackt. Wir tanzten sicher eine Stunde so weiter. Die Playlist, welche auf Zufallswiedergabe gestellt war, war gut zu uns und spielte unsere Lieblingssongs und Songs die wir nie so oft hörten, aber mochten und nun zu unseren Lieblingssongs wurden. Denn wenn wir sie jemals wieder hören würden, würden wir an diese Nacht zurückerinnert werden und könnten zu einem winzigen Stück das Gefühl, diese angenehme Leere, das Nichts in uns, wieder spüren.
Langsam wurde ich wieder müde und bewegte mich langsamer zur Musik. Meine Beine und Arme wurden schwer. Ich hatte keine Uhr bei mir und wusste nicht wie spät es war, aber es dürfte so halb 4 Uhr gewesen sein. Als ich die anderen beiden ansah bemerkte ich, dass auch bei ihnen die Müdigkeit angekommen war. Wir waren wohl alle in diesem einen Loch der Müdigkeit angekommen, welchem man sich nicht hingeben dürfte. Überstand man es, fühlte man sich, für einige wenige Morgenstunden wieder wach. Aber ich war einfach zu müde, um weiter zu tanzen und setzte mich an den Rand der Tanzfläche. Ich lies mich zurückfallen und legte mich auf den kalten Boden. Ich sah die hässliche Holzdecke, die aus braun gestrichenen, einfachen Holzbrettern bestand. Die Lampen warfen ihre Farben darauf und lies sie wenigstens für diesen kurzen Moment etwas schöner erscheinen.
»Hey, nicht einschlafen!« sagte Katrin und setzte sich neben mich.
»Ne, ich schlaf schon nicht ein. Ich ruh mich nur kurz aus« antwortete ich.
»‚Kurz ausruhen’ hört sich verdächtig nach schlafen an« sagte sie. Ich beobachtete die Decke und das Lichtspiel darauf.
»Ich will nicht, dass ihr weggeht« sagte Katrin plötzlich. Ich richtete mich auf.
»Wie meinst du das?« fragte ich sie.
»Dass ihr wegzieht. Ich will das nicht« antwortete sie mir.
»Aber wir sind doch dann nicht für immer weg. Außerdem muss man doch hier raus aus dem Kaff. Wenn man hier ewig bleibt, wird man blöd.«
»Ne, ihr seid nicht für immer weg. Aber das hier ist für immer weg« sagte sie und deutete mit einer Kopfbewegung auf alles um uns herum. »Wir werden sowas nie wieder haben. Das gerade, ist die beste Zeit unseres Lebens. Vielleicht nicht von jedem einzeln. Aber von uns drei als Ganzes. Als Freunde.« Wir schwiegen eine Weile. »Solche Aktionen wie heute sind dann nicht mehr drin. Ich kann dann nicht einfach mal Abends mich aufs Rad schwingen und zu dir fahren.« sagte sie.
»Aber sowas passiert eben. Man bleibt nie ewig am selben Ort und nie bleibt alles gleich« sagte ich.
»Und warum muss das so sein? Wenn was gut ist, kann das doch einfach mal so bleiben.«
Darauf wusste ich keine Antwort mehr.
»Und wieso kann man nicht ewig am selben Ort bleiben?« fragte sie. Die Frage war wohl eher rhetorisch gemeint, da sie direkt danach weiter sprach. »Alle denken, sie müssten in die große weite Welt ziehen und tun so als ging es im Leben nur darum. Darum, dass man ‚Erfahrungen‘ sammelt und ja alles zurück lässt, was man bisher im Leben hatte. Weißt du von wieviel Leuten ich das schon gehört habe? Ich…« sie brach ab. Ich sah sie fragend an und es sah aus als wolle sie erneut ansetzen, aber es dann lassen.
»Was?« fragte ich nochmal nach.
»Ich finds einfach gut hier. Ich mag hier nicht weg. Hier ist alles was ich brauche. Aber jetzt halt auch nicht mehr lange. Vielleicht muss ich dann ja auch hier weg« sagte sie.
»Aber bist du dem hier allem nicht überdrüssig? Geht dir das nicht auf den Sack? Die gleichen Leute, die gleichen Häuser, die gleichen Straßen? Ich kanns einfach nicht mehr sehen.«
»Ne, weil hier ja viele tolle Leute sind. Ich weiß nicht. Ich hab irgendwie Angst, dass das jetzt alles auseinander bricht und ich die Einzige bin, die hier zurückbleibt. Ihr… ihr lasst mich hier ein bisschen alleine« sagte sie.
»Ach Katrin« sagte ich und lehnte meinen Kopf an ihre Schulter. »Wir lassen dich nicht allein. Unsere Freundschaft hört nicht einfach auf. Ich denke nur wir müssen jetzt selbst entscheiden, was gut für uns und unser Leben ist. Wir sollten das nicht von Anderen abhängig machen. Das klingt so egoistisch« sagte ich. Katrin schwieg.
»Nein du hast ja Recht. Ich verlang ja nicht, dass ihr wegen mir hier bleibt. Ich komm auch so zurecht. Nur hab ich wie gesagt Angst, dass das zu Ende geht. Also ganz und nicht nur, dass wir uns nicht mehr spontan sehen können« sagte sie.
»Das wird es nicht. Versprochen.« sagte ich und meinte es auch. Dann umarmte sie mich und wir saßen noch so da und hörten der Musik zu.
Andi tanzte immer noch. Es wirkte wie eine Filmszene aus einem Arthouse Film, wie er so ganz alleine unter der Diskokugel stand und sein weißes Tanktop die Farben aufnahm. Als der Song vorbei war hörte Andi auch auf zu tanzen, drehte die Musik etwas leiser und setzte sich zu uns. Eine Zeit lang sagte niemand etwas.
»Ich bin jetzt an dem Zeitpunkt angelangt, an dem mein Körper nichts anderes will, als ins Bett. Aber ich will noch nicht schlafen« sagte Andi. Wir stimmten ihm zu, dass niemand von uns schlafen gehen wollte.
Andi stand auf und machte die Musik aus und löschte fast alle Lampen. Wir sahen ihn fragend an.
»Denkt daran, dass wir die Flaschen später wieder mitnehmen. Ich hab nämlich eine Idee, kommt mal mit« sagte er
Wieso hatte eigentlich immer Andi die Ideen? Wir wären ziemlich aufgeschmissen gewesen, wenn er nicht dabei gewesen wäre. Er lief auf die andere Seite des Raums. Dort war, hinter einem dicken, grauen, müffelnden Stoffvorhang eine weitere Glastür, die in die Sporthalle führte. Gut, eigentlich war der Vorhang mittlerweile graubraun, aber er war wohl mal grau gewesen. Er schloss die Tür auf und wir betraten den Vorraum der Sporthalle, von dem es zum einen in die Umkleiden und zum anderen in die Sporthallen führte. Aber es gab noch einen weiteren Weg: Eine einfache Glastür trennte uns von dem kleinen Hallenbad. Durch den wunderbaren Schlüssel, den Andi hatte, hielt uns diese Tür auch nicht auf. Uns kam ein Schwall warmer, feuchter Luft entgegen und es roch intensiv nach Chlor. Ich fragte mich, ob die Gefahr bestand, dass meine Nasenschleimhäute verätzt würden.
»Dieser Chlorgeruch erinnert mich so an früher, als wir zum ersten mal hier Schwimmunterricht hatten« sagte Katrin.
Jetzt kamen mir auch hunderte Erinnerungen wieder in den Kopf. Wir liefen durch die Umkleiden mit den Schließfächern, die an die aus Hollywood-Highschool-Filme erinnerten.
»Früher, als ich noch kleiner war, bin ich immer in die reingeklettert und hab mich selbst eingesperrt. Vielleicht war ich ja doch der Klassenclown« lachte Andi.
Ich musste bei der Vorstellung ebenfalls lachen. »Endlich gibst dus mal zu!« rief ich, denn Andi hatte immer behauptet, er wäre in der Schule ‚der Ruhige‘ gewesen.
Wir kamen an den Duschen vorbei, aus denen entweder eiskaltes oder kochend heißes Wasser kam. Manchmal hatte die Temperatur auch im Sekundentakt gewechselt. Dann traten wir in die Halle mit dem Schwimmbecken. Das chlorblaue Wasser war spiegelglatt und die Straße draußen spiegelte sich durch die großen Fenster darin. Andi zog seine Schuhe und Klamotten aus und sprang ohne ein weiteres Wort zu verlieren ins Wasser. Ohne zu zögern taten wir es ihm gleich und folgten ihm. Das Wasser war kühler als erwartet und ich rang etwas nach Luft. Ich tauchte wieder unter und das kalte Wasser strich mir übers Gesicht. Die Müdigkeit verschwand langsam wieder und meine Augenlider fühlten sich nicht mehr schwer an. Allerdings brannten sie jetzt vom Chlorwasser. Ich tauchte auf und lies mich an der Oberfläche treiben. Meine Ohren waren unter Wasser und so hörte ich nichts um mich herum. Nur das Rauschen meines Bluts und das des Wassers. Aus dem Augenwinkel heraus sah ich, dass Andi von einem Startblock aus ins Becken sprang. Ich lies mich weiter treiben. Langsam wurde mir allerdings kalt, weshalb ich doch schnell das Becken verließ. Erst jetzt fiel mir ein, dass wir unsere Handtücher noch bei unseren Taschen und Rucksäcken gelassen hatten.
Ich lief also in der Dunkelheit zurück in den Keller und ging zu unseren Rucksäcken und Taschen, die noch auf dem Tresen lagen. Ich holte mein Handtuch raus, trocknete meine Hände ab und band es mir um. Dann drehte ich mir eine Kippe und steckte diese an. Hier war es immer noch stockfinster, weshalb ich auf einigen Knöpfen rumdrückte, in der Hoffnung, dass diese schon irgendwelche Lampen anmachen würden. Offensichtlich waren es die Schalter für die violetten Strahler, da diese angingen. Der ganze Raum wurde in ein lila Licht gehüllt. Ich drückte auf den Knopf, bei dem ich vermutete, dass es der für die Diskokugel war und auch diese ging an. Das Lila wurde von vielen kleinen Punkten durchbrochen. Das Weiß der Punkte mischte sich mit dem Lila und ergab ein kräftiges Pink. Es war als würde ich vom Licht verschlungen werden. Ich blies dicken, weißen Rauch aus meiner Lunge, der im Licht auch ganz lila wirkte. Dieser ganze Raum hatte etwas hypnotisierendes. Mein Blick wendete sich nicht von der Diskokugel ab. Nur der kleine Elektromotor der Diskokugel und das Summen der Lampen war zu hören. Ich setzte mich auf die Treppe. »Was machst du hier nur?« dachte ich. Es ist mitten in der Nacht und ich war mit ein paar Freunden in unsere, jetzt ehemalige, Schule eingebrochen. Dabei waren meine Zukunftsängste vor ein paar Stunden wieder schlimmer geworden und Katrin hat mir ihre größten Ängste verraten. Nur Andi, war eben Andi. Irgendwie kam er immer mit allem zurecht. Ich ertappte mich dabei, wie ich ein bisschen böse und eifersüchtig auf ihn war. Wie kann einem Menschen im Leben so viel leicht fallen? Wenn er irgendwas anpackte funktionierte es einfach immer. Ich zog wieder an der Kippe. Mir fiel wieder ein, dass wir ja noch Flaschen in den Kühlschrank gelegt hatten und holte mir die letzte Flasche Bier. Mein Mund war trocken als ich den ersten Schluck nahm und wenn ich ehrlich war schmeckte es beschissen. Dazu kam, dass ich einen riesigen Durst hatte und Bier das jetzt nicht unbedingt besser machte.
Irgendwie kam bei mir auf jeder Party oder Feier oder etwas Vergleichbarem immer der Punkt, an dem ich traurig wurde. Ich wusste nicht wieso das so war und die Party konnte noch so gut sein, ich konnte noch so viel Spaß haben, dieser Punkt kam immer. Dann fing ich an nachzudenken und mich überkam in diesem Moment ein unglaubliches Gefühl der Nostalgie für genau diesen Moment. Das war ganz schön absurd, denn Nostalgie kann man ja eigentlich nur für etwas empfinden, was lange zurück lag. Aber vielleicht war Nostalgie nicht das richtige Wort. Ich überlegte, wie ich diesen Gedanken besser fassen konnte, als ich plötzlich das verstand, was Katrin vorhin zu mir sagte. Ich fand diesen Moment so wunderbar, dass ich währenddessen schon Angst davor bekam, dass er irgendwann zu Ende ging. Und danach würde ich alleine Zuhause sein, allein gelassen mit meinen Problemen, meiner Unsicherheit. Diese konnte ich dann nicht mehr verdrängen, weil Andere mich ablenkten. Sie wurden dann auch nicht einfacher, weil man eben nicht mehr unter anderen Leuten war, mit denen man sie auch noch teilen konnte. Nur war das, wovor sich Katrin fürchtete, schlimmer. Die nächste Party kam nicht, zumindest nicht mit uns. Ich zog an meiner Kippe. Bis vorhin fühlte ich mich noch sicher, ich hatte das Gefühl ich würde mit den Problemen fertig werden, aber jetzt war das alles weg.
Woher kamen diese Zukunftsängste? Ich war mir immer sicher gewesen, dass das die richtige Entscheidung gewesen war. Mein Vater hatte mich dabei immer unterstützt und er war es auch, der mir den Vorschlag machte. Aber das spielte ja keine Rolle. Ich machte das ja für mich. Oder? Plötzlich war ich mir gar nicht mehr so sicher. Ich hatte mich schon vor über einem Jahr dazu entschieden mich für BWL einzuschreiben. Wenn ich so darüber nachdachte, konnte ich mich gar nicht mehr erinnern, wie ich über die Entscheidung nachgedacht hatte. Irgendwann war für mich klar, dass das die richtige Entscheidung war. In mir stieg ein Verdacht hoch. Hatte ich das vielleicht gar nicht selbst entschieden? Mein Vater war mit seinem »Vorschlag« sehr bestimmend gewesen. »Aus dir soll doch mal was werden. Das wäre doch genau das Richtige für dich. Du bist doch so gut darin« hatte er gesagt. »Man muss auch einfach mal was durchziehen. Du würdest mich damit verdammt stolz machen« hatte er mehr als einmal gesagt. Vielleicht wollte ich das alles nur, weil er mir so viel Angst vor der Zukunft machte. Denn das Schlimmste, was ich mir vorstellen konnte war, dass ich gar keine Ahnung hatte, dass die Zukunft völlig unbestimmt vor mir lag. Ich fühlte mich von mir selbst entlarvt. Konnte ich wirklich so dumm gewesen sein? Oder war es überhaupt dumm? Ich fühlte mich von dieser Erkenntnis so ohnmächtig. Alle festen und sicheren Pläne für die Zukunft fingen gerade an zu wanken und drohten einzustürzen.
Meine Gedanken wurden unterbrochen, als ich die Tür hörte. Andi und Katrin kamen zurück und zogen eine Spur aus Wasser hinter sich her. Es sah aus, als hätten wir mit einem Eimer das Wasser hier verteilt.
»Wo bleibst du denn?« fragte Katrin, während sie sich ihr Handtuch aus der Tasche holte und Andi seinen Rucksack zuwarf.
»Ach und das letzte und einzige Bier hast du dir genommen?« sagte Andi, als er mich ansah. »Kein Wunder, dass du dich nicht zurück getraut hast.« Ich musste lachen.
»Andi, ich muss echt sagen: Deine Ideen sind überragend« sagte Katrin und klopfte ihm dabei auf die Schulter. Wir zogen uns wieder an.
»Und jetzt?« fragte ich. Katrin nahm ihr Handy und schloss es an die Anlage an.
»Mach mal richtig laut« sagte sie zu Andi, der rüber lief und tat wie ihm befohlen wurde.
Katrin startete einen Song und schon nach dem ersten Ton wusste ich, welcher es war. Es war unser aller Lieblingssong. Katrin sprang auf die Tanzfläche und begann wie wild zu tanzen. Andi drehte noch ein bisschen lauter, sodass es schon fast in den Ohren dröhnte und machte es Katrin nach. Ich sprang ebenfalls auf und ging auf die Tanzfläche. Alles war lila und mit Punkten der Diskokugel übersät und wir sprangen und tanzten, als wären wir verrückt geworden. Schon nach kurzer Zeit war ich außer Atem und begann zu schwitzen. Meine noch nassen Haare wehten durch die Luft und klatschten mir ins Gesicht. Wir alle packten Tanzmoves aus, die wir uns nie zugetraut hätten. Am Ende keuchten wir alle und konnten nicht mehr sagen, ob das Wasser auf unserer Stirn von den nassen Haaren kam oder Schweiß war. Während den letzten Tönen des Songs lagen wir uns fast in den Armen. Wir verließen die Tanzfläche und setzten uns auf die Treppe. Alle starrten in das Lila des Raumes und ich trank den letzten Schluck meines Bieres aus. Dann standen wir auf und packten unsere Sachen, drehten die Musik ab und löschten das Licht.
Als wir hier an der Schule angekommen waren hatte ich schon im Gefühl gehabt, dass es ganz gut werden könnte, aber das was passiert war, hatte alle meine Erwartungen übertroffen. Dies war eine der wenigen Geschichten, die man sich noch in 40 Jahren erzählte. Die man nie vergaß und bei der die Kinder oder Enkel ganz erstaunt zuhörten und feststellten, dass die schrumpelige Person vor einem auch mal jung gewesen war.
»Wohin fahren wir jetzt?« fragte Andi.
»Ich bin jetzt vollkommen wach. Mir egal wohin. Von mir aus auch bis nach Italien« antwortete Katrin und lachte.
Mir war jetzt auch nicht mehr nach schlafen. »Wir können zu mir, wie wir eigentlich vorhatten. Da ist gerade niemand daheim« sagte ich.
»Guter Plan. Wieso waren wir nicht schon den ganzen Tag bei dir?« fragte Katrin.
»Weil ich keinen See im Garten habe« antwortete ich.
Wir fuhren durch das Dorf und zwischen den Feldern mit dem riesigen Mais durch. Dann weiter über die Brücke, bei der wir allerdings ab der Hälfte schoben. So wach waren wir dann doch nicht. Es war jetzt sicher halb 5 und die Nacht war nun am kältesten. Hier draußen auf dem Feld und auf der Brücke, die nochmal ein gutes Stück über dem Boden lag, war es noch kälter. Ich fror ein wenig, hatte aber nichts dabei, was mir noch etwas Wärme hätte verschaffen können. Andi rieb sich die Arme, ihm schien es auch kalt zu sein. Endlich kamen wir oben an, setzten uns auf die Räder und ließen uns die Brücke runter rollen.
Dann fuhren wir noch weiter auf Feldwegen entlang, bis wir in meinem Dorf ankamen. Zum Glück mussten wir nicht weit fahren, denn das Haus meines Vaters war relativ nahe am Feldweg, über den wir kamen. Wir kürzten den Weg ab, indem wir durch einen mit Straßenlaternen hell erleuchteten Fußweg fuhren. Dort begegnete uns nur eine einsame Katze, die durch die Nacht streunte. Am Ende des Weges bogen wir rechts ab und sahen schon das Haus.
Es war ein grauer Betonbau mit hohen, aber schmalen Fenstern. Der »Vorgarten« war voll mit Kies und mediterranen Sträuchern und Kakteen, um die man sich nicht kümmern musste. Wir Bogen in die Einfahrt ein, vorbei an den Parkplätzen, die fast leer waren. Nur ein Auto stand da. Ich stieg vom Rad ab und ließ es auf den Boden fallen. Andi lehnte seines an die Hauswand und Katrin ließ es ebenfalls fallen. Ich schloß die Eingangstür auf, wir liefen ins Wohnzimmer und ließen uns auf die schwarze Ledercouch fallen. Das Leder fühlte sich kühl auf meiner Haut an. Aber schon nach wenigen Sekunden war es von meiner Haut aufgewärmt und meine Arme und Beine klebten leicht daran. Andi lag auf der Couch, zog sich die Schuhe aus ohne dabei die Hände zu benutzen und schleuderte die Schuhe mit einer gekonnten Bewegung neben die Eingangstür.
»Ich geh mal Gläser holen« sagte ich und verschwand in der Küche.
Als ich am Kühlschrank vorbei lief knurrte mein Magen ein wenig. Ich öffnete ihn, aber er war fast leer. Nur eine Flasche Wasser und drei Karotten lagen darin. Dahinter entdeckte ich noch eine vertrocknete Zitrone. Als ich mit den Gläsern zurück kam, hatten die Beiden schon die Flaschen auf dem gläsernen Tisch ausgebreitet. Wir fingen wieder an zu trinken und es dauerte nicht lange, bis wir wieder betrunken waren.
»Scheiße man. Soviel hab ich in 24 Stunden noch nie gesoffen« sagte Katrin.
Andi prostete ihr nur zu. Die Müdigkeit packte uns wieder. Wir lagen nun alle auf der Couch und kämpften dagegen an. Ich starrte die weiße Lampe an der hohen Decke an und stellte wieder einmal fest, wie sehr ich diesen Ort hier hasste. Mit diesem Haus hier verband ich nichts, aber auch wirklich gar nichts Gutes. Ich sah nach draußen, es wurde schon ein wenig hell am Horizont.
»Die Sonne geht bald auf. Ich will das sehen« sagte Katrin und stand auf.
Sie lief zur Terrassentür und ging nach draußen. Andi und ich folgten ihr. Von der Terrasse aus hatten wir einen perfekten Blick auf den Horizont, da hinter dem Haus weit und breit kein anderes Haus war, sondern nur Felder und Wiesen und ganz entfernt ein kleiner Wald. Dieser war aber nicht direkt vor der Sonne, sodass wir wirklich direkt den Horizont sehen konnten. Wir setzten uns auf den Rand der Terrasse. Katrin lehnte ihren Kopf gegen meine Schulter.
»Schön hier« sagte sie.
»Geht so« antwortete ich. »Ich verbinde jetzt nicht gerade die schönsten Dinge mit dem Ort hier. Aber ja, mit euch hier zu sitzen und auf den Sonnenaufgang zu warten ist schon schön.«
»Ich komm mir gerade vor, wie in einem kitschigen Teenie-Film. Fehlt nur noch, dass wir jetzt gleich aufstehen und der Sonne entgegen rennen« sagte Andi.
»Ja, und dabei läuft ‚American Idiot‘ oder ‚Holiday‘ von Green Day oder so« lachte ich.
»Nix gegen Green Day! Das ist mein Guilty Pleasure!« sagte Andi. »Ne, was heißt hier Guilty Plearsure. Ich fühl mich wegen euch jetzt schon schlecht, dass ich das höre.«
»Quatsch. Dass ist zwar nur die kommerzielle Perversion von Punk, aber ist ja nicht so wild« antwortete Katrin mit unüberhörbar sarkastischem Unterton.
»Fangt jetzt nicht wieder an zu streiten, dafür bin ich zu müde« sagte ich und zu meinem Glück waren beide auch zu müde, um jetzt mit einem Streit über Green Day anzufangen. »Aber eigentlich hätte ich nix dagegen, wenn wir jetzt einfach davonlaufen würden. Ich hab sowas von keine Lust mehr hier drauf.«
»Auf was denn?« fragte Andi mich.
»Auf das alles hier. Auf den Ort, auf die Leute, auf meinen Vater« sagte ich.
»Lange dauert es ja nicht mehr, dann kannst du weg von hier« sagte Andi.
»Ich bin mir nicht mehr sicher, ob ich das machen soll« antworte ich.
»BWL studieren gehen? Wieso?« fragte Katrin.
»Ach, ich weiß auch nicht. Ich weiß gar nichts mehr. Ich weiß wirklich nicht mal, ob mir das Spaß macht, ob es mir keinen Spaß macht oder ob ich das mache weil ich das gut kann oder weil ich das aus ganz anderen Gründen mache« antwortete ich.
»Wie du weißt es nicht?« fragte Andi mich.
»Vielleicht hab ich mir das nur eingeredet. Dass es okay ist etwas zu machen, was einem keinen Spaß macht und dass ich das überhaupt machen will« sagte ich. »Weil bis vorhin wollte ich es ja wirklich machen. Aber jetzt trau ich mir selbst nicht mehr über den Weg.«
Andi schwieg und sagte nichts. Er hatte dieses komische Talent in den richtigen Momenten zu schweigen und einen so zum Reden zu bringen, weil man die eigene Verschwiegenheit nicht mehr ertragen konnte und alles aus einem rauskam.
»Ich hab das Gefühl, dass ich mir einrede, dass ich es will.« sagte ich. »Ich glaube ich mache das wegen meinem Vater. Vielleicht auch, weil ich Angst davor habe nicht zu wissen, was ich tun soll und mich am erst besten festgehalten habe.«
Wir alle schwiegen eine Weile.
»Wie meinst du das?« fragte Katrin, die bisher still war.
»Er wollte immer, dass ich das mache und hat mir das vorgeschlagen und lag mir immer wieder damit in den Ohren« sagte ich.
»Und dann hast du irgendwann selbst gedacht, dass du BWL studieren willst?« beendete Andi den Gedankengang.
»Ja. Nein. Ich weiß nicht« antwortete ich und rieb mir die Augen.
»Ich hätte das vielleicht auch gemacht. Meine Mutter wollte, dass ich ‚was gescheites‘ mache« sagte Andi. »Hätte mich fast für Jura eingeschrieben. Aber dann bin ich morgens aufgewacht und wusste, dass ich das einfach nicht kann. Also hab ichs gelassen. Sie war zwar enttäuscht, aber juckt mich nicht. Ist ja mein Leben.«
Wenn Andi das sagte klang es, als wäre es die einfachste Sache der Welt.
»Vielleicht red ich mir aber jetzt auch nur ein, dass er mich überredet hätte, weil ich Angst vor der Zukunft hab« überlegte ich laut.
Katrin stand auf und setzte sich hinter mich. »Komm mach mal die Augen zu« sagte sie und legte ihre Hand auf meine Augen. »Stell dir mal Folgendes vor: Es ist April. Der Frühling ist schon richtig da und du wirst morgens von der Sonne geweckt. Du bist hier zu Besuch, weil Semesterferien waren, aber jetzt geht die Uni bald wieder los. Du steigst in den Zug. Fährst zurück und am nächsten Tag gehst du in die Rechnungswesen-Vorlesung.« Sie machte eine kurze Pause. »Wie fühlst du dich?«
»Nicht gut« sagte ich sofort. Die Anderen sagten nichts mehr. Das brauchten sie auch nicht. Ich hatte gerade für mich selbst entschieden. Irgendwie fühlte ich mich besser, aber auch unsicher. Ich zweifelte immer noch an mir. »Und nun?« fragte ich.
»Du exmatrikulierst dich wieder und dann schauen wir weiter« sagte Andi.
»Wir?« fragte ich.
»Klar. Sind ja nicht umsonst Freunde.« sagte er.
»Aber du willst auf jeden Fall weg von hier?« fragte Katrin mich.
»Ja, definitiv weg von hier« sagte ich.
»Ich versteh euch einfach nicht. Hier ist es doch überhaupt nicht schlimm. Woher kommt denn diese Aversion?« fragte sie uns.
»Mir ist hier einfach nur alles zu viel« sagte ich. Ein winziger Streifen der Sonne war am Horizont zu sehen.
»Ich weiß« sagte Katrin und schwieg. Ich hatte das Gefühl, dass sie mich gerade besser verstand, als ich mich selbst. Gleichzeitig verstand ich sie besser, als je zuvor.
»Dann ist das wohl wirklich das letzte Mal, dass wir sowas hier machen« fuhr sie fort.
»Nein, das ist es nicht. Wir sind nicht zum letzten mal hier und wir vergessen dich auch nicht. Das alles wird nur seltener passieren. Ich finde das schade. Das war alles wunderbar hier. Aber Dinge gehen nunmal zu Ende und Kompromisse muss man auch machen« sagte Andi mit seiner warmen Stimme.
Wir wechselten keine Worte mehr darüber, was wir über die Zukunft dachten und wovor wir Angst hatten, aber wir wussten von Jedem, was er dachte und fürchtete. Die Sonne war schon ein gutes Stück weiter aufgegangen und zu einem Drittel zu sehen. Andi setzte sich die Sonnenbrille auf. Wir zogen nach und setzten unsere auch auf.
»Man, ist das still hier. Man hört ja nur die Vögel« sagte er.
Wortlos stand ich auf und ging nach drinnen und schob die Lautsprecher, die im Wohnzimmer standen an die Terrassentür, welche ich komplett öffnete. Andi verstand und ging nach drinnen, um sein Handy anzuschließen. Er drehte die Musik auf und meine Stimmung wurde wieder besser. Es wurde immer heller und der glühend heiße Ball am Horizont war nun fast vollständig zu sehen. Wir kippten unsere Gläser und nickten nur mit den Köpfen zur Musik, weil wir zu müde zum tanzen waren. Aber der Musik war das egal und ein Song war besser als der Andere. Vielleicht übertreibe ich, aber für mich war das wahrscheinlich der beste Tag meines Lebens gewesen. Ich glaubte, ich würde nie wieder so sehr die Bedeutung von Freundschaft zu spüren bekommen und glaube es auch heute noch. Eigentlich hätte das auch der unbeschwerteste Tag meines Lebens werden sollen, aber das war er nicht gewesen. Die ganze Nacht hatte ich die Zukunftsängste und Erwartungen mit mir herum getragen. Das was ich vorhin gesagt hatte stimmte: Mir war hier alles zu viel. Zu viel Angst vor dem was kam, zu viel Angst vor dem was hätte sein sollen, nein, müssen.
Mich packte nun sogar die Angst davor, meinem Vater demnächst zu sagen, dass ich doch nicht das machen möchte, was ich dachte. Ich wusste genau, wie er reagieren würde. Zuerst würde er nachfragen, ob ich das wirklich so meine, obwohl ich nie aus einer Laune heraus eine Entscheidung getroffen hatte. Dann würde ich sagen, dass ich mir sehr sicher bin. Darauf würde er mich fragen, warum ich meine Meinung geändert habe. Wenn ich ihm das erzählen würde, würde er mir sagen, dass ich es aber doch ganz sicher wollte. Dann würde er zu hören bekommen, dass ich das nur dachte, weil er das so wollte, weil er solche Erwartungen an mich hatte. Das würde er dann nicht verstehen. Er würde mir vorwerfen, dass ich mich nur rausreden möchte und viel zu unzuverlässig sei. Wenn man eine Entscheidung getroffen habe, müsse man gefälligst dazu stehen! Das würde er sagen. Dann nach dem Höhepunkt des Streits, würde er den versöhnlichen Ton einschlagen. Er meine es nur gut mit mir, er wolle, dass ich es gut habe in Zukunft. Darauf würde ich aber nicht hereinfallen. Dann würde er seine letzte Karte spielen: Er wäre enttäuscht von mir, dass ich seine guten Ratschläge und seine Fürsorge nicht akzeptiere. Er war in meinem Alter viel dankbarer gewesen, als man ihm so eine Chance gegeben hatte. Und dann würde er das Auto erwähnen. ‚Oh, dieses verdammte Auto’ dachte ich. Das hatte er schon vorher erwähnt. Er hatte sich ein neues Auto kaufen wollen, aber nachdem er die Kosten für mein Studium schon für mich kalkuliert hatte und auch schon die Wohnung, die er für mich ausgesucht hatte einberechnet hatte, kam er zu dem Entschluss, dass er sich lieber ein günstigeres Auto holen sollte. »Siehst du, was ich alles für dich tue! Nicht alle Eltern sind so gut zu ihren Kindern.« hatte er gesagt. Danke, Vater! »Ich hoffe auch, dass du verstehst, was ich hier für dich tue. Mich würde freuen wenn sich das auch in den Leistungen widerspiegelt« hatte er noch hinzugefügt.
»Wisst ihr, welche Last ich für meinen Vater wegen dem Studium bin, das er möchte?« sagte ich zu den Anderen. »Er konnte sich wegen mir nur ein billigeres Auto leisten. Aber ich solle doch dankbar sein. Und müsse mich jetzt im Studium anstrengen.« Ich war ziemlich betrunken, aber die anderen beiden auch. Sie regten sich mit mir auf und stimmten mir zu. Ich redete mich immer weiter in Rage. »Am liebsten würde ich diese scheiß Karre anzünden« rief ich.
»Dann mach doch« sagten Andi und Katrin gleichzeitig.
»Was?« fragte ich verwirrt.
Aber schon als ich die Frage ausgesprochen hatte, konnte ich mich damit anfreunden. Rational konnte ich das vor mir nicht rechtfertigen, aber ich war so wütend. Wütend darüber, dass jemand dem ich anscheinend nur zur Last falle so über mein Leben bestimmen will.
»Wir machen das jetzt. Nein, ich mach das« sagte ich, bevor die beiden noch einmal wiederholen konnten, was sie gesagt hatten oder es sich besser überlegten. Auf ihrem Gesicht sah ich einen Anflug von Fassungslosigkeit. Ihr Vorschlag war wohl mehr als Witz gemeint gewesen. Aber nach einem Augenblick verschwand diese Fassungslosigkeit.
»Bist du dir sicher?« fragte Katrin noch einmal.
»Ja« sagte ich und stand auf.
»Ich weiß gerade nicht, ob ich das gut finden soll oder ob ich dich aufhalten soll« sagte Andi.
Katrin überlegte kurz. »Ich finds gut« sagte sie.
Beide standen auf und wir liefen in die Garage. Dort fand ich einen halb vollen Benzinkanister. Dann lief ich schnell rein und holte den Autoschlüssel und Streichhölzer. Wir gingen auf den Parkplatz, der zwischen Garage und Terrasse war. Ich schloss das Auto auf und schüttete Benzin in den Innenraum. Der beißende Geruch stieg mir in die Nase.
»Ein letztes Mal: Willst du das echt machen? Du wirst richtig Ärger bekommen« sagte Andi.
»Vielleicht. Aber vielleicht kommt er ja zur Vernunft. Schlimmer als mein Leben so auszurichten, wie er möchte, kann es nicht werden. Wenn alles scheiße ist, gehts halt manchmal nicht anders« sagte ich. »Einfach mal anzünden.«
Ich nahm die Streichhölzer aus meiner Tasche, atmete tief durch. Mein Kopf war wieder leer. Ich zündete das Streichholz an und warf es in den Innenraum. Das Benzin entzündete sich sofort. Ich drehte mich um, setzte mich wieder auf den Rand der Terrasse. Katrin und Andi setzten sich neben mich. Die Musik spielte weiter. Von weitem hörte man Sirenen. Ich griff nach den Händen der beiden und wir sahen der gerade aufgegangen Sonne entgegen.

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