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Die Edlen Wilden und »Blut und Boden« — James Camerons Avatar

Im ersten Teil dieser kleinen Artikelreihe ging es um die Filme Terminator 1 & 2, Aliens und am Rande um Titanic. Dabei habe ich festgestellt, dass Cameron hauptsächlich drei Narrative in diesen Filmen verwendet: »Die Technologie ist unser Untergang«, »Die Natur ist uns überlegen« und »Kapitalismus (besonders Gewinnstreben) ist unser Untergang«. Doch wie hängen diese Narrative mit Avatar zusammen?

Avatar stellt den wichtigsten und besondersten Film Camerons da. Zum Einen, da er an Einspielergebnissen gemessen der erfolgreichste Film aller Zeiten ist. Zum Anderen aufgrund der daraus resultierenden gesellschaftlichen Rezeption: Avatar ist wahrscheinlich der Film, den die meisten Menschen gesehen haben. Weiter ist dieser Film auch der wichtigste Film für Cameron persönlich, da er zurzeit an vier Fortsetzungen arbeitet. Der zweite Teil ist für 2018 angekündigt. Avatar stellt auch den Autorenfilm fast schon in Reinform dar: Cameron führte Regie, schrieb das Drehbuch, produzierte den Film und arbeitete auch am Schnitt mit. Einzig Musik und Kamera wurden von anderen Personen übernommen, worauf er als Produzent und Regisseur aber trotzdem großen kreativen Einfluss gehabt haben dürfte.

Die Handlung von Avatar ist schnell zusammengefasst: Jack, ein Kriegsveteran, der im Rollstuhl sitzt, wird von Militärs aufgesucht. Sein Zwillingsbruder ist gestorben und er soll seinen Platz in dessen aktueller Mission einnehmen. Jack sagt kurzerhand zu, da ihn nichts mehr auf der Erde hält und reist zu einem fernen Planeten namens Pandora. Auf diesem baut eine Firma einen wertvollen Rohstoff ab, gerät dabei aber in Konflikt mit der dort lebenden humanoiden Spezies, den Na’vi. Um diese Konflikte zu beseitigen erschufen die Menschen sogenannte Avatare: Künstlich erschaffene Na’vi-Körper, in welche man mit seinem Bewusstsein, also quasi seinen Gedanken, schlüpfen kann. Dies geschieht mit Hilfe einer Maschine, in der Jacks Körper liegt, während sein Bewusstsein sich im Avatar befindet und er diese steuert. Jack soll nun an der diplomatischen Mission teilnehmen, die von einer Wissenschaftlerin geleitet wird, indem er in einen Na’vi-Körper schlüpft. Allerdings spielt Jack für den militärischen Leiter der Basis Spitzel und spioniert während seiner Annäherung mit den Na’vi diese aus. Die Na’vi leben in einer traditionellen und hierarchischen Stammesgesellschaft, in der vor allem männliche Werte zählen. Über einen Zeitraum von drei Monaten nimmt Jack an deren Leben und Kultur teil, wird schließlich Teil davon und verliebt sich in die Tochter des Häuptlings. Während seiner Zeit bei den Na’vi wird ihm klar, dass es nicht möglich sein wird, diese zum friedlichen Umsiedeln zu bewegen, da die Na’vi eine starke spirituelle Verbundenheit mit ihrer Heimat, einem riesigen Baum, der das Zentrum des Waldes darstellt, haben. Dies wird auch dem militärischen Leiter klar, der einen Angriff startet und den Baum zerstört. Als Spion verstoßen und dennoch viele Sympathien für die Na’vi hegend, wird Jack bewusst, dass sie die Menschen vertreiben müssen. Er macht sich auf den Weg, eine alte Sage zu erfüllen und zähmt ein drachenartiges Wesen, mit welchem er bei einer Versammlung der überlebenden Na’vi auftaucht. Nach einer flammenden Rede entscheiden diese sich ihm im Kampf zu folgen. Jack macht sich danach auf auch weitere Na’vi-Stämme zum Kampf zu bewegen, was ihm ohne Probleme gelingt, da er derjenige ist, der das Wesen zähmen konnte. In einem finalen Kampf werden schließlich die Soldaten besiegt. In der letzten Szene wird Jacks Bewusstsein, durch die heilige Stätte der Na’vi, endgültig in seinen Avatar übertragen, sodass er fortan als Na’vi leben kann.

Das Wiederauftauchen der Narrative, die bereits im ersten Teil dieses Artikels herausgearbeitet wurden, ist offensichtlich. Das Narrativ »Die Natur ist uns überlegen« wird hier recht deutlich und wenig subtil vermittelt: Am Ende gewinnt die Natur. Aber auch auf dem Weg bis zum Ende wird uns dieses Narrativ, vor allem über die spirituelle Komponente, deutlich gemacht. Jack wird immer näher an die Kultur der Na’vi herangeführt und entdeckt dabei deren spirituelle Verbundenheit mit der Natur, die aber auch wörtlich zu nehmen ist. Die leitende Wissenschaftlerin erklärt dies als »neuronales Netzwerk«, welches aus Pflanzen besteht und ein eigenes kollektives Bewusstsein unter den Na’vi mit der Natur schafft. Doch am ersichtlichsten wird die Überlegenheit der Natur im finalen Kampf. Die Kriegsmaschinerie der Menschen kann schlichtweg nicht der Natur und deren Geschöpfen standhalten. Den Höhepunkt erreicht dieses Motivs ganz am Ende, als Jacks Bewusstsein in seinen Avatar übertragen wird. Dies geschieht an der heiligsten Stelle der Na’vi, sozusagen im Zentrum des »neuronalen Pflanzennetzwerks«. Hier besiegt die Natur sogar die Technologie, welche von den Menschen geschaffen wurde, um die Avatare steuern zu können. Jacks Geist wechselt endgültig und vollkommen den Körper. Hier stellt Cameron die Spiritualität und Naturverbundenheit direkt dem Atheismus und Modernismus der Menschen gegenüber.

Auch das kapitalismuskritische Narrativ »Kapitalismus (besonders Gewinnstreben) ist unser Untergang« wird recht offensichtlich im Film erzählt. Wieder spielt eine Firma einen der Hauptakteure, deren einziges Ziel es ist Rohstoffe abzubauen und die dabei im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen geht. Das aktive und aggressive Vorgehen führt das ganze Unterfangen in den Untergang, da erst das Verhalten der Menschen die Reaktion der Na’vi hervorruft und diese den Kampf aufnehmen. Auch wird dieses Narrativ über die Charakterisierung Jacks erzählt: Als Invalider lebt er am Rand des Existenzminimums, gesellschaftlich verstoßen und finanziell nicht gerade gut gestellt. Er fühlt sich von der Gesellschaft verlassen, was sich auch in vereinzelten Sätzen, wie z.B. »Die Starken fallen über die Schwachen her« äußert. Er selbst beschreibt durch eine Stimme aus dem Off eine Gesellschaft, die Menschen einzig und allein als Humankapital ansieht.

Das Narrativ »Die Technologie ist unser Untergang« hingegen wird etwas subtiler erzählt, da Technologie hier auch positiv besetzt ist. Sie ermöglicht es dem Menschen Kontakt mit den Na’vi aufzunehmen und in der lebensfeindlichen Umwelt des fremden Planeten zu überleben. Allerdings stellt Cameron Menschen und Na’vi direkt gegenüber, wobei die Na’vi positiv und die Menschen negativ besetzt sind. Die Darstellung der Menschen, welche am Anfang gemacht wird, zeigt eine hochtechnologisierte Welt, die Lebensweise der Na’vi hingegen ist sehr naturverbunden. Weiter wird Technologie vor allem in der Form von Waffen dargestellt. Dieses Narrativ hängt auch hier eng mit dem Natur-Narrativ zusammen und fügt sich diesem ergänzend an, tritt aber dennoch nicht so stark in den Vordergrund wie in Terminator 1 & 2.

Bei diesem Narrativ zeigt sich auch, dass Cameron es nicht bei den drei Narrativen beließ und Avatar mehr bietet. Dies wurde Cameron möglich, indem er hier zwei Welten, Lebensweisen, Spezies auf erzählerischer Ebene ebenbürtig gegenüberstellte. In den bisherigen Filmen verfolgten wir das Geschehen immer aus der Sicht der Menschheit, in Avatar verschiebt sich unsere Perspektive. Sie startet bei Jack, der unter den Menschen weilt und zeichnet ein klares dystopisches Bild einer kapitalistischen Gesellschaft. Im Laufe des Films nehmen wir, ebenso wie Jack, jedoch immer mehr die Perspektive eines Na’vi ein, bis wir und Jack letztendlich Teil davon sind und mit den Na’vi mitfühlen, Wut über die Ungerechtigkeit empfinden und Rache fordern.

Auf der Seite der Menschen stehen also Naturzerstörung, Egoismus, Modernismus, Atheismus und Militarismus. Die Seite der Na’vi hingegen wird mit Naturharmonie, Altruismus, Traditionalismus, Spiritualität und Pazifismus besetzt. Mit diesen fünf Begriffen zeigt sich direkt ein Topos, den Cameron hier verwendet, nämlich den der »Edlen Wilden«. Die Na’vi sind eine klischeehafte und romantisierte Darstellung indigener Völker. Noch unverdorben von den schlechten (und guten) Dingen der Zivilisation leben sie ein Leben in Harmonie mit der Natur, mit sich selbst und mit einer Gottheit. Cameron schafft hier einen romantisierten Urzustand der Menschheit. Natürlich fallen auch direkt Gemeinsamkeiten zum biblischen Sündenfall auf. Die Parallelen zu real existierenden Naturvölkern und realen historischen Gegebenheiten sind auch kein Zufall: Äußerlich erinnern die Na’vi zum Einen, durch ihre Frisur, an indigene Völker Afrikas, zum Anderen durch den Körperschmuck, bestehend aus Federn und Perlen an indigene Völker Nordamerikas. Weiter leben sie in einem Stamm und die Lebensweise erinnert stark an die (klischeehafte Vorstellung) der indigenen Völker. Auch die Parallelen zu Kolonialismus und Imperialismus sind sicherlich kein Zufall. Die Charakterisierung der Menschen hingegen schafft Parallelen zur amerikanischen Gesellschaft: Die Menschen sprechen Englisch, die Soldaten heißen »Marines« und die Szenen am Anfang auf der Erde (vor allem in der Bar) erinnern daran.

Erst durch das Aufeinandertreffen mit den Menschen wird dieser Urzustand verdorben und die Na’vi wenden Gewalt gegen die Eindringlinge an. Doch bemerkenswert ist, wie sie sich endgültig von der Bedrohung der Menschen befreien, denn dies schaffen sie nicht von alleine. Nur Jack, der ja eigentlich ein Mensch ist, schafft es das Echsenwesen zu zähmen und somit die Na’vi zu vereinigen, damit diese in den Kampf gegen den Menschen ziehen können. Camerons »edle Wilde« sind schlichtweg zu dumm, um Gewalt anzuwenden. In dem paradisischen Urzustand, vor dem Kontakt mit den Menschen, leben sie pazifistisch und selbst nach dem Kontakt mit den Menschen schafft es erst ein Außenstehender ihnen »aufklärerisch« die Selbstverteidigung beizubringen. Dies passt auch zur Vorgeschichte der Wissenschaftlerin, gespielt von Sigourney Weaver, welche Schulen errichtete und den Na’vi das Wissen der Menschen beibringen wollte. Diese Tatsache wird von Cameron allerdings nicht negativ kommentiert. Und hier zeigt sich, dass Cameron in seinem Versuch Imperialismus und Kolonialismus zu kritisieren in ähnliche Argumentationsmuster fällt. Durch die Charakterisierung der Na’vi als edle Wilde und die Aufklärung, sowie das Verderben durch den zivilisierten, modernen Menschen ist Cameron ziemlich nah an imperialistischer Argumentation und Denkmustern.

Da die zwei Welten der Na’vi und Menschen mit einem direkten gewaltsamen Konflikt aufeinander treffen lohnt sich der genauere Blick auf diesen. Den für uns wichtigsten Punkt erreicht dieser Konflikt in der Rede Jacks, als er gerade die riesige Flugechse gezähmt hat und nun zu den Na’vi zurückkehrt, um diese zum Kampf gegen die Menschen zu bewegen. Die Rede kann auf ein einziges Argument runtergebrochen werden, welches Jack wortwörtlich so formuliert: »Das ist unser Land«. Cameron geht in dieser Rede nicht darauf ein, wie unethisch Imperialismus und Kolonialismus sind, er geht nicht darauf ein, dass die Na’vi sich vor der eventuellen Vernichtung ihrer Umgebung retten müssen, nein es bleibt einfach bei »Das ist unser Land (und deshalb müssen die Menschen verschwinden)«.

Cameron liefert in dieser Rede eine so plumpe, völkisch-nationalistische und Blut-und-Boden-artige Argumentation, dass sie zunächst gar nicht auffällt. Der Kampf gegen die Menschen wird einzig und allein dadurch gerechtfertigt, dass die Na’vi auf Pandora leben und die Menschen dort nichts zu suchen haben. Cameron geht sogar so weit, dass die pseudo-Verbundenheit der Blut und Bodenideologie zu einem bestimmten territorialen Gebiet zu einer echten Verbundenheit gemacht wird. Durch die Komponente der Spiritualität (dem »neuronalen Pflanzennetzwerk«) sind die Na’vi wortwörtlich mit ihrem Baum und der Natur drum herum verbunden. Aber weitere Aspekte der Blut und Boden Ideologie lassen sich finden. Zum einen durch die eben romantisierte Naturverbundenheit, die gegensätzlich zur Urbanität der Menschen steht. Zum anderen auch durch die zwei verschiedenen »Rassen«, von der nur die eine auf Pandora gehört. Dies manifestiert Cameron durch die eben schon angesprochene spirituelle Verbundenheit zur Natur und durch die lebensfeindliche Umgebung, in der die Menschen nicht ohne weiteres überleben können.

Dieser Gedanke für sich ist schon gefährlich genug. Schaut man sich aber an, wie das Aufeinandertreffen dieser zwei »Rassen« und Gesellschaften endet, wird es noch gefährlicher. Beide stehen in absolutem Gegensatz zueinander und sich unvereinbar. Für Cameron ist die Existenz einer modernen,  zivilisierten, aufgeklärten Gesellschaft nicht vorstellbar. Es gibt nur ein Entweder-Oder. Entweder zurück zum Urzustand oder die Vernichtung durch die kapitalistische Moderne. Eine Symbiose aus Beidem oder eine dritte Option gibt es in der Welt von Avatar nicht. Die Konsequenz daraus ist, dass die Na’vi die Menschen vertreiben und letztendlich vernichten müssen. Wie ein Parasit muss Pandora von den Menschen gereinigt werden. Gepaart mit der Kapitalismuskritik nutzt Cameron hier eine strukturell antisemitische Argumentation: Die Gesellschaft muss vom parasitären Kapitalismus befreit werden. Wobei bei ihm an Stelle der Juden eben die Menschen gestellt werden. Das Argumentationsmuster (dessen Struktur) bleibt aber das gleiche.

Die schon vorhandenen Narrative aus Terminator 1 & 2, sowie Aliens und Titanic verwendet Cameron in Avatar wieder und potenziert diese sogar noch einmal, da er hier die »unberührte und unschuldige« perfekte Gesellschaft gegenüberstellt. Technikfeindlichkeit und Kapitalismuskritik werden mit einer völkisch-nationalistischen und Blut-und-Boden-artigen Argumentation gepaart. Das was bei Avatar unterm Strich bleibt ist eine durch und durch rechte Weltsicht, die sogar als direkte Handlungsanweisungen zu verstehen ist und die Vernichtung der kapitalistischen Gesellschaft und eine Rückkehr zu einem noch nie existenten Urzustand fordert.

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