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Das Manic Pixie Dream Girl

Stell dir vor, du bist männlich, hast eine künstlerische Ader, bist zwischen 20 und 30 und in der Blüte deines Lebens. Aber irgendwie will das Leben nicht so richtig. Alles ist fad und grau, deine Kunst bringt es irgendwie nicht und du nimmst jeden Morgen eine schöne kalte Dusche in Selbstmitleid. Dagegen gibt es aber mindestens seit der Erfindung der Hollywood-Romcom ein Gegenmittel: Das Manic Pixie Dream Girl. Taucht sie in dein Leben hat diese Phase für immer ein Ende! Jetzt gehts los, die Welt wird mit deiner Kunst beglückt und statt in der Dusche stehst du nun jeden Morgen wie Patrick Bateman vor dem Spiegel und kannst mit gutem Gewissen zu dir selbst masturbieren, so gut gehts dir.

Aber was genau ist nun das Manic Pixie Dream Girl (MPDG)? Am besten könnte man es damit ausdrücken, dass das MPDG ein Klischee bzw. Stereotyp ist, der immer wieder in populären Filmen, populärer Literatur, wie auch Comics, Videospielen usw. vorkommt. Was der Gärtner oder Butler für den Krimi ist, ist das MPDG für den (Indie-) Liebesfilm. Die »Eigenschaften« des MPDG sind schnell aufgezählt. Zum einen ist sie manic: voller Energie und ein bisschen verrückt. Ganz oft begegnet uns dieser Stereotyp sogar im wahrsten Sinne des Wortes und das MPDG ist psychisch krank (wie z.B. In Fast Genial, einem Roman von Benedict Wells). Weiter ist sie pixie: Sie ist anders als die anderen Girls im grauen Leben unseres armen Protagonisten. Sie ist quirky, verhält sich anders, gar kindlich, trägt andere Klamotten und kommt auch noch oft mit bunten Haaren daher. Und nun zum Wichtigsten: Sie ist das dream girl unseres Protagonisten. Die Frau, auf die er immer gewartet hat und allem Anschein nach hat sie auch nur auf ihn gewartet!

Beispielhaft für das MPDG kann man den Film Garden State von Zach Braff anführen. Sam, gespielt von Natalie Portman, erfüllt alle Kriterien, die das MPDG erfüllen muss. Der Film kommt sogar inklusive einer dramatischen Szene am Flughafen daher. Weitere Beispiele sind der, schon erwähnte, Roman Fast Genial von Benedict Wells, die Verfilmung der Scott Pilgrim Comics (hier ist anzumerken, dass der Stereotyp des MPDG im Comic nicht verwendet wird) und der Film Sing Street. Die Filme Almost Famous und Eternal Sunshine Of The Spotless Mind bewegen sich irgendwie zwischen Erfüllung des Klischees und Dekonstruktion. Weiteres findet ihr hier.

Die drei aufgezählten Eigenschaften sind gleichzeitig auch die Einzigen, mit der ein MPDG beschrieben werden kann. Das MPDG ist eigentlich kein Charakter, sie ist viel eher ein Plot Device. Sie gibt es nur in der Erzählstruktur, um die Handlung voranzutreiben. Dabei gibt sie der Handlung den nötigen Anstoß, den point of attack, indem der Protagonist auf sie trifft und sich nun sein Leben verändert. Er verliebt sich in sie (denn sie ist ja das dream girl), muss anfangs ein wenig um sie kämpfen, doch sie kann dem Charme unseres jungen Künstlers nicht standhalten, zeigt ihm die schönen, bunten, lustigen, verrückten, abenteuerlichen Seiten des Lebens und am Ende ist unser Held aus seinem Tief draußen und ist über sich hinausgewachsen. Und das MPDG? Die schaut dem Ganzen zu und ist einfach so da. Ihr persönliches Ziel, was eine Charaktereigenschaft darstellen könnte, besteht wenn überhaupt nur daraus dem Protagonisten dabei zu helfen sein Ziel zu erfüllen. Meist ist das eben der Versuch aus dem Grau des Alltags herauszukommen und Selbstverwirklichung zu erreichen. De facto besitzt sie als Charakter keine Tiefe, keine Eigenschaften und keine Konflikte. Hier lässt sich der vorkommende Sexismus nicht leugnen. Die Frau stellt bei diesem Stereotypen nur den Steigbügelhalter für den Erfolg des männlichen Protagonisten dar. Auffällig ist hierbei auch, dass der Stereotyp des Manic Pixie Dream Boy bei weitem nicht so verbreitet ist, wie das MPDG.

Das alles ist in zweierlei Punkten problematisch. Zum einen auf der erzählerischen Ebene: Es ist schlichtweg beschissenes Story- und Characterwriting. Der wichtigste Nebencharakter sollte nie aus einer leeren Hülle bestehen, der im Endeffekt nur ein Plot Device ist. Man denke hier an das verschenkte Potential von Darth Maul aus Star Wars Episode I, der ebenfalls keinen Charakter besitzt und auch nur einen Plot Device darstellt. Gutes Storywriting zeichnet sich vor allem dadurch aus, nachvollziehbare Charaktere zu schaffen, die Sympathien gut zu lenken, Emotionen hervorzurufen und eine schlüssige Handlung zu schreiben. Hier versagt aber der Stereotyp des MPDG: Die Handlung sollte sich aus den Eigenschaften der Charaktere erschließen und ableiten, nicht umgekehrt.

Fälschlicherweise wird der Film (500) Days of Summer immer wieder als Beispiel herangezogen. In einer gewissen Weise stimmt dies auch, denn Summer (Zooey Deschanel) ist aus der Perspektive des Protagonisten Tom (Joseph Gordon-Levitt) genau das: Ein Manic Pixie Dream Girl. Von Anfang an ist Tom der Überzeugung, dass sie die Eine ist. Er verliebt sich direkt in sie, kämpft um sie, doch dann lässt sie in sitzen. Er fällt in das gleiche tiefe Loch, in dem er schon war, bevor er Summer kennen lernte. Und in diesem Handlungsverlauf steckt auch schon das Essentielle, wieso Summer kein MPDG ist: Sie hat ihre eigenen Ziele, ihre eigene Vorstellung vom Leben, die sie auch konsequent verfolgt. Sie besitzt eine ähnliche Tiefe wie der Hauptcharakter und ist mit ihm auf Augenhöhe. Die Handlung ergibt sich aus ihren Eigenschaften, denn von Anfang an wollte sie nie eine feste Beziehung mit Tom, was er aber verdrängte. Am Ende muss er es auf die harte Tour lernen und kommt geläutert aus dem Tief heraus, um dann auch noch über sich selbst hinauszuwachsen. Denn zum Schluss hat Tom verstanden, dass es keinen Menschen auf der Welt gibt, der nur dazu lebt um einen aus dem Selbstmitleidssumpf zu ziehen und dass jeder Mensch seine eigenen Ziele hat. Und vor allem, dass er ein vollständiger Mensch ist und glücklich sein kann, ohne auf die Eine zu warten und dass Summer, sein MPDG, ebenfalls ein vollständiger Mensch ist.

Hier zeigt (500) Days of Summer auch wunderbar, wieso der Stereotyp des MPDG auf Seiten der Rezipienten problematisch ist. Am Anfang des Films wird erklärt, dass Tom seine Vorstellungen von Beziehungen aus Hollywoodfilmen und Liebessongs hat. Daraus zieht er eben den Schluss, er könne nie glücklich sein, ohne die Eine zu finden. Hier beäugt der Film das eigene Medium kritisch und zeigt auf, wie unrealistisch, aber gleichzeitig auch wie effektiv der Stereotyp des Manic Pixie Dream Girl ist und wie sehr er sich in unser Verständnis von »Liebe« und »Beziehung« geschlichen hat.

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