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Crazy. I’m fucking crazy.

Bevor ich mit dem eigentlichen Inhalt anfange kurz einige Worte vorweg für diejenigen, die den Film Swiss Army Man noch nicht gesehen haben: Es ist ein wunderbarer kleiner Film. Der Soundtrack ist großartig, er beinhaltet das beste Gespräch der Filmgeschichte übers Wichsen und Dan Radcliffes Pimmel zeigt den Weg. Mehr muss ich an dieser Stelle nicht sagen.

Aber nun zum Eigentlichen: Ich bin kein Freund davon Filme oder Bücher groß zu interpretieren. Ich mag es nicht alles zu zerdenken und in allem irgendetwas relevantes zu sehen und zu suchen. Viel lieber bleibe ich mit den Gefühlen zurück, die ein Film in mir auslöst und bleibe bei der einen Botschaft, die ich während des Filmes rauslesen kann. Denn die Gefühle die ein Film auslöst sind das Wichtigste, keine Lebensweisheit, keine »Message« kann dies ersetzen. Bei Swiss Army Man war das aber anders, denn die Gefühle sind komplett mit der Interpretation des Filmes verknüpft, die erst in den letzten Minuten des Filmes entsteht. Deshalb folgt hier meine persönliche Interpretation. Sie besitzt natürlich keinen Anspruch auf Richtigkeit und ich gehe auch fest davon aus, dass ich einige Dinge falsch interpretiere und mir viele Dinge gar nicht erst aufgefallen sind, die man hätte interpretieren könnten. Klar sollte auch sein, dass es nötig ist den Film zu sehen um das hier zu verstehen, da ich nicht erst eine Inhaltsangabe schreiben möchte.
Für mich war der Konflikt des Films klar: Mensch (und Leiche) gegen Gesellschaft. Wer aber gewinnt diesen Kampf? Bis der Protagonist Hank, gespielt von Paul Dano, in die Zivilisation zurück findet ist es relativ klar: Der Mensch gewinnt. Hank, der sich selbst als Weirdo sieht, erkennt durch Manny, gespielt von Daniel Radcliffe, dass er vielleicht ein Weirdo ist, aber nicht er der Grund dafür ist, sondern die Erwartungen und Regeln der Gesellschaft. Dann aber kippt das Ganze: Hank findet in die Zivilisation zurück und begegnet Sarah, gespielt von Mary Elizabeth Winstead, die er heimlich im Bus fotografierte, weil er in sie verliebt ist. Nach einem kleinen Hin und Her flüchtet Hank mit Manny zurück in den Wald und nach einem gar nicht so langen Weg kommt er an dem gebauten Bus, der gebauten Party, den gebauten Holzmännern und -frauen vorbei, die anderen folgen ihm und entdecken das alles. Nun scheint es so, als wäre Hank ein irrer Stalker, der in der Nähe des Hauses seines Opfers sich eine Parallelwelt im Wald erschaffen hat. War das alles mit Manny also nicht echt? War Manny die ganze Zeit eine tote Leiche, die nur in der Imagination von Hank die Kräfte eines Schweizer Taschenmessers bekam? Oder war das alles, was wir die unzähligen Minuten zuvor gesehen haben echt? Diese Frage stellte sich mir am Ende.
Gehen wir zunächst einmal aus, dass es nicht echt war: Hank befindet sich am Anfang auf einer einsamen Insel und will Suizid begehen. Metaphorisch gesehen könnte das für Hanks soziale Isolation stehen: Er hat keinen Kontakt zu seinem Vater, er traut sich nicht Sarah anzusprechen und hat anscheinend auch so keinen Kontakt zu anderen Menschen. Hilferufe, die er in der Metapher auf Müll schreibt und im Meer versenkt erreichen niemanden. Schließlich will er Suizid begehen. Dann entdeckt er aber Manny und versucht auf der flatulierenden Leiche übers Meer, zurück nach Hause, zu reiten. Scheitert aber und landet schließlich an einem weiteren einsamen Strand. Was der Fund von Manny bedeutet weiß ich nicht. Das scheitern des Versuches nach Hause zu reiten kann vielleicht als Wendepunkt in Hanks Kopf interpretiert werden: Er driftet in den Wahnsinn ab und erschafft sich im einsamen Wald eine alternative Realität, in der er erfolgreich Sarah anspricht. Manny verkörpert dabei ihn selbst und Hank verkörpert Sarah. Dort trägt er die Konflikte mit der Gesellschaft aus, indem er Manny erklärt, wie man sich in der Gesellschaft zu verhalten habe, was man zu tun und zu lassen hat. Dieser stellt ihm Fragen, die Hank zum nachdenken anregen, ob das was man zu tun und zu lassen hat überhaupt sinnvoll ist. Als er beginnt sich als Frau bzw. als Sarah zu verkleiden beginnt er die Angst vor gesellschaftlichen Erwartungen über Bord zu werfen, was ihm trotzdem bis kurz vor Ende des Films nicht vollständig gelingt. Dann aber, als die Polizei ihn am Strand abführt und er so richtig einen fahren lässt hat sich eine Emanzipation von der Gesellschaft vollzogen. Es ist ihm scheiß egal, was andere denken und er furzt vor ihnen, wie man auch vor anderen Husten oder Niesen würde.
Bis Hank und Manny schließlich wieder die Zivilisation erreichen fühlen wir mit ihnen, wir fühlen uns wie Weirdos und hinterfragen die gesellschaftlichen Regeln. Dann aber, als beide den Garten von Sarah erreichen dreht sich die Perspektive: Jetzt sind wir die Gesellschaft und der Verdacht erhärtet sich, dass alles nicht echt war, was wir gesehen haben und Hank ist der Irre Stalker, der im Wald hinter dem Haus seines Opfers lebte.
Doch dann vollzieht der Film seine letzte Wendung. Hank hat Manny gerade an den Strand gebracht und wird abgeführt, als die Leiche wieder zu furzen anfängt. Hank wird von seinem Vater mit einem versöhnlichen Nicken ermutigt zur Leiche zu gehen. Er dreht Manny um, schiebt sie ins Meer und die Leiche furzt sich vor den Augen aller Umherstehenden und in Gegenwart einer Kamera in die Freiheit, weg von der Gesellschaft. Jetzt sind wir immer noch in der Perspektive der Anderen, die Hank als den creepy Typen gesehen haben und fühlen uns ertappt. Dabei, dass wir daran gezweifelt haben, dass alles vorher Geschehene echt ist, dabei dass wir Hank als Weirdo angesehen haben, obwohl wir doch die ganze Zeit mit ihm gefühlt haben. Uns wird klar, dass alles was wir vorher gesehen hatten echt war und der Realität entspricht. Die weirde Geschichte, das Furzen, das Gespräch übers Wichsen, der Pimmel der den Weg zeigt, alles ist so passiert. Und wer gewinnt jetzt? Hank gewinnt. Er ist von der Gesellschaft emanzipiert, er hatte Recht, die anderen hatten mit ihren Vorurteilen und zu schnellen Schlüssen unrecht. Der Weirdo war gar nicht weird.

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