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Buddy Holly

Ich verstaute das letzte Shirt in meinem riesigen Rucksack. Der Rucksack war so vollgepackt, dass ich ihn kaum zubekam. Ich fragte mich, wie das sein konnte, denn ich hatte nur dünne Sommerklamotten gepackt. Das Teil wog wahrscheinlich halb so viel wie ich, weshalb ich ihn mit dem Fuß durchs Zimmer schob, statt es zu tragen. In meinem Kopf ging ich die Merkliste durch. Schon zum zehnten Mal heute. Scheiß drauf, ich werde schon alles gepackt haben. Jetzt musste ich noch schnell etwas essen und schon konnte es losgehen. Ich lief in die Küche und schaute in den Kühlschrank. Er war leer. Klar, ich hatte ja nichts aufgehoben. Auf dem Küchentisch lag noch ein belegtes Brot, was ich am Morgen beim Bäcker gekauft hatte. Ich rieb es mir rein, während ich durch die Wohnung lief und alles kontrollierte. Mir war es zu still in der Wohnung, also ging ich nochmal zurück und machte die Musik an und kontrollierte nochmal alle Zimmer.

Und auf den Ohren Buddy Holly. Es war immer Buddy Holly. Dieser Fucker hatte es richtig gemacht. Mit 30 ist er gegangen und hat die Musik mitgenommen. Niemand danach konnte so Musik machen wie dieser Buddy Holly. Niemand definierte die Musik so wie er. Ja, als Buddy Holly abstürzte, war wirklich der Tag, an dem die Musik starb. Da hatte Donny Recht gehabt. Einmal hatte ich sogar eine Phase, in der ich Buddy Holly imitieren wollte. Ich trug die gleiche Frisur und die gleiche Brille. Nur hatte ich kein so spitzes Gesicht und auch kein schönes Lächeln. Ich hab damals gar nicht so schlecht ausgesehen, fiel mir im Nachhinein auf.

Eigentlich hätte ich ja eher der Typ für Bebop sein müssen. Schnell, unberechenbar und wild war er. Jetzt, wo ich es mir genau überlegte, war es ganz gut, dass ich nicht der Typ für Bebop war. Aber ich wäre gerne der Typ für Bebop gewesen. Würde ich Bebop hören, müsste ich mir um nichts Sorgen machen. Aber ich war halt kein Beboptyp, sondern ein Buddy-Holly-Typ. War sowieso viel besser.

Ich ging zurück zum Rucksack und zog ihn mir auf die Schultern. Mein Herz begann zu klopfen. Endlich war es soweit und ich konnte von hier fort. Zwar nicht für immer, aber wenigstens für eine Weile. Es war sogar länger, als ich Anfangs gehofft hatte. Mir lief der Schweiß schon, obwohl ich gerade mal den Rucksack geschultert hatte. Diese Stadt war mir mittlerweile einfach zuwider. Die Leute, die Hitze, die Gebäude und vor allem die Tauben. Wenn ich an Städte im Allgemeinen dachte, fielen mir sofort Tauben ein. Nein, ich musste einfach fort von hier. Ich schloss die Wohnungstür und ging nach draußen. Ich hatte mir noch keinen genauen Plan gemacht, aber ich wollte trampen. Wohin wusste ich nicht, aber erstmal wieder auf die Straße kommen. Das war das Wichtigste, egal wie. Ich nahm den Bus zur Hauptstraße, von dort aus die Straßenbahn an den Rand der Stadt in Richtung Autobahn. Bei der Auffahrt stellte ich mich hin und hielte den Daumen raus. Und auf den Ohren Buddy Holly. Keine zehn Minuten dauerte es, bis jemand anhielt. Ein Typ Mitte 50. Ich lief zu seinem Auto. Ja, ich war wieder auf der Straße, die Stadt hatte ich jetzt schon hinter mir gelassen. Dieses stinkende Dreckloch. Ich öffnete die Beifahrertür. Das Kassettendeck lief und spielte alten Bebop.

Dieser Text entstand während der Symphonie der Großstadt.

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