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Zugfahren

Dieser Text erschien zum ersten mal am 25.03.14.

Es war ein sonniger Nachmittag. Einige kleine Wolken zogen am Himmel vorbei und die Blätter raschelten im leichten Wind. Inmitten einer Wiese, nahe eines kleinen Stückchen Waldes, verliefen Gleise, auf denen ein Zug mit hoher Geschwindigkeit entlang fuhr. Als der Zug durchfuhr wirbelten  die Blätter an den Ästen herum und einige fielen sogar ab. Mit einer ruckartigen Bewegung schreckte ein Mann, der in dem Zug saß, hoch, als hätte ihn jemand erschreckt. Allerdings hatte der Mann geschlafen und zuerst sah er sich nach etwas um, was ihn geweckt haben könnte, doch neben ihm saß niemand. Dann lehnte er sich etwas zur Seite, um in den Gang sehen zu können, doch dort war auch niemand zu sehen. Er drehte den Kopf und sah nach hinten: Auch dort war niemand zu sehen. Er stand auf, um über die Sitzreihen sehen zu können, falls jemand kleines am Fenster saß, wodurch er den- oder diejenige vom Gang aus nicht sehen hätte können. Doch auch so war niemand zu sehen. Der Mann wunderte sich doch sehr, wieso niemand in diesem Wagon saß.

Beim Einsteigen waren doch mindestens… Moment, dachte der Mann. Beim Einsteigen? Wenn er sich das jetzt noch mal genau überlegte, fiel ihm nicht ein, wieviel Leute mit ihm eingestiegen sind. Er überlegte noch stärker. Nun fiel ihm auf, dass er nicht einmal wusste, wo er eingestiegen war. Weiter hatte er eigentlich gar keine Erinnerungen daran, wie er eingestiegen war. Er hatte keinen Namen von einem Bahnhof im Kopf. Er konnte sich nicht erinnern, wie er einen Knopf drückte, damit sich die Zugtür öffnete. Er hatte keine Erinnerung daran, wie er sich umsah und nach einem Platz suchte. Das einzige woran er sich erinnern konnte, war wie er hier auf diesem Platz hochgeschreckt war und nach der Quelle gesucht hatte, die das Erschrecken verursachen hätte können. Nun sah er zum ersten Mal aus dem Fenster, vielleicht würde er so herausfinden, wo er eigentlich war. Aber das Einzige, was er sehen konnte, waren Bäume und Wiesen. Er sah nicht einmal ein kleines Dorf oder eine Stadt in der Ferne. Nun blickte er an das Ende des Wagons. Normalerweise war dort eine Anzeige, wohin der Zug fährt und was die nächste Haltestelle ist, doch an dem einen Ende war keine Anzeige zu sehen. Der Mann drehte sich um und sah an das andere Ende des Wagons, wo er aber auch keine Anzeige sehen konnte. Allerdings sah der Wagon an sich sehr alt aus. Die Sitze waren noch aus Federpolstern und über ihm befand sich eine große Ablage für schwere Koffer. Die Türen zum Zwischenraum der Wagons waren auch sehr alt und noch mit Holzgriffen versehen.

Die Türen zum Zwischenraum! Wie ein Blitz durchzuckte es den Mann. Er könne doch einfach in einen anderen Wagon gehen und jemanden fragen, wohin der Zug fahre und wo er eigentlich sei. Er sprang gleich auf und lief an das vordere Ende des Wagons, öffnete die Tür und betrat den Zwischenraum. Dort schloss er die Tür hinter sich und öffnete die zweite Tür vor ihm. Aber zu seiner großen Entrüstung musste er feststellen, dass er hier ebenfalls niemanden sehen konnte. Er ging durch die Bankreihen und sah sich jede Sitzreihe genau an, als ob er erst genau hinschauen müsste, um andere Menschen zu erblicken. Aber auch in diesem Wagon war niemand. Er lief weiter in den nächsten Wagon, doch auch hier musste er feststellen, dass niemand in diesem Wagon war. Langsam fing er an, an seinem Verstand zu zweifeln. Es ist doch eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, dass er sich alleine in einem kompletten Zug befand! Nun rannte er zum nächsten Wagon. Auch dieser war leer. Es war auch der letzte Wagon vor der Lok. Aber vielleicht war jemand im Wagon hinter dem, in dem er aufwachte! Er rannte los, durch alle Wagons durch, in denen er bereits war und kam nun in besagtem Wagon an. Es war der letzte und auch hier war niemand. Das war eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit! Der Mann musste sich erst einmal setzten, so wenig konnte er glauben, was hier gerade passierte. Wie konnte das nur möglich sein, dass er nicht wusste, wo er hinfuhr und er alleine in einem kompletten Zug war, frage er sich. Er sah aus dem Fenster. Es waren immer noch Bäume und Wiesen zu sehen. Er beobachtete die Wolken, wie sie am Himmel vorbei zogen. Ihm fiel auf, dass die alten Sitze mit ihren Polstern recht gemütlich waren, sie waren immerhin gemütlicher als die Sitze in neueren Zügen. Langsam wurden seine Augen schwer. Mit dem Zug zu reisen hatte ihn schon immer sehr müde gemacht und jetzt nach dieser großen Aufregung war er sowieso müde. Er schloss immer wieder für einige Sekunden die Augen. Eigentlich wollte er nicht schlafen. Was ist, wenn er den nächsten Halt verpassen würde? Dann würde er ja wieder nicht wissen, wo er sei. Der Mann rieb sich mit seinen Fingerknöcheln die Augen, um die Schläfrigkeit wenigstens ein bisschen zu vertreiben. In diesem Moment hörte er eine Stimme, die aus einem Lautsprecher kam: „In circa zehn Minuten erreichen wir den nächsten Halt. Bitte achten Sie darauf keine persönlichen Gegenstände im Zug zu lassen. Danke» Die Worte endeten mit einem Knacken. Nur noch zehn Minuten also!, dachte der Mann. So lange müsse er jetzt noch wach bleiben, dann würde er endlich aus dem Zug aussteigen können und er würde wissen, wo er war. Auf keinen Fall durfte er nun einschlafen! Auf gar keinen Fall! Er kämpfte, um seine Augen offen halten zu können. Er rieb sich mehrmals die Augen und setzte sich aufrecht hin. Doch das half nicht. Der Mann schlief wieder ein.

Es dämmerte bereits, als er aufwachte. Wo war er? Wieviel Uhr war jetzt? Dann kam ihm wieder in den Kopf, dass er in diesem Zug war und nicht mehr wusste als das. Er wusste nicht wo er war, wo er hin wollte und warum er hier war. Er war allein in diesem Zug und niemand war da, um ihm zu sagen, wo oder wer er war und wohin er fuhr. Als er aus dem Fenster sah, konnte er immer noch Bäume und Wiesen sehen. Es verging viel Zeit, in der der Mann da saß und nur aus dem Fenster blickte. Anfangs hatte er sich noch gefragt, wieso er hier war und was er getan hatte, damit er hier war. Doch mittlerweile akzeptierte er es einfach. Er überlegte auch nicht mehr genau, wie er hier heraus kommen könnte. Das alles war viel zu ermüdend und er wollte den nächsten Halt ja nicht schon wieder verpassen. Die Sonne war fast nicht mehr zu sehen, als ihm plötzlich etwas auffiel. Der Zug wurde langsamer. Nicht sehr viel langsamer, aber er wurde langsamer. Plötzlich gab es einen kleinen Ruck, die Bremsen wurden jetzt wohl betätigt, und der Zug wurde noch einmal langsamer. Nach einer Minute kam der Zug zum stillstand. Überwältigt von der Situation realisierte der Mann erst gar nicht, was das alles bedeutete. Doch dann, wie von einem Reflex getrieben sprang er auf und rannte zur Tür. Dort betätigte er den Hebel der alten Tür und öffnete diese.

Er blickte sich erst einmal um. Zu sehen war ein kleiner Bahnsteig mit einem alten Bahnhofsgebäude, das nicht größter als ein kleines Haus war. Die Fenster waren vergittert und einige Graffitis waren auf die Backsteinwände gesprayt. Ein Schild, auf dem stehen könnte, wo er war, war nicht zu sehen. Auch war niemand am Bahnhof zu sehen. Da fiel ihm ein, er könnte ja einfach den Zugführer fragen, wo er war. In dem Moment als er sich umdrehte fuhr der Zug langsam los und wurde immer schneller. Er rannte los um vielleicht noch an die Lok heranzukommen und den Zugführer irgendwie zum Anhalten bewegen zu können, aber er war viel zu langsam. Als er völlig außer Atem am Ende des Bahnsteigs ankam, war der Zug schon komplett aus dem Bahnhof ausgefahren. Er musste erst einmal einige Sekunden stehen bleiben und wieder zu Atem kommen, bevor er weiter denken konnte, was er als nächstes unternehmen sollte. Vielleicht würde sich ja außerhalb des Bahnhofs ein Schild oder Ähnliches befinden. Er machte sich also auf den Weg zu dem Bahnhofsgebäude, um auf der Vorderseite nachzusehen. Dort angekommen, war nichts zu sehen. Er sah sich genau um, um auch nichts zu übersehen. Dabei bemerkte er an der Tür des Bahnhofsgebäudes einen Briefumschlag, der in der Klinke der alten Tür steckte. Er ging darauf zu und nahm ihn heraus. Auf dem Umschlag stand nichts, kein Absender, kein Empfänger. Zuerst probierte er die Tür zu öffnen. Der Briefumschlag würde ja nicht weglaufen, doch die Tür war verschlossen. Er rüttelte etwas fester an der Tür, doch sie bewegte sich kaum und lies sich unter keinen Umständen öffnen. Nun wandte er sich dem Brief zu und öffnete ihn. »Bitte laufen sie die Straße entlang. Dort warte ich auf dich.« stand auf einem Zettel in schöner Handschrift geschrieben. Es kam ihm doch ein wenig komisch vor, dass hier niemand war, sondern nur dieser Brief an dieser Tür steckte. Aber andererseits war schon im Zug niemand gewesen und wieso sollte er nicht einfach mal den Anweisungen des Briefes folgen und die Straße entlang laufen? Eigentlich gab es dafür keinen Grund.

Also setzte er einen Fuß vor den anderen. Es ging sehr leicht und er lief mit schnellen Schritten die Straße entlang. Schon vom Bahnhof aus konnte man sehen, dass diese Straße an eine andere Straße anschloss und nicht weiterführte. Nach wenigen Minuten war er am Ende angelangt. Er sah sich um, doch niemand war zu sehen. Der Mann sah sogar hinter Büschen und Hecken nach, doch niemand war da. Dann fiel ihm ein weiterer Brief auf, der an dem Straßenschild festgebunden war. Er öffnete ihn: »Laufen sie bitte nach rechts weiter, bis Sie zu einer Brücke kommen. Dort warte ich auf dich.« Na gut, dachte er sich, wieso denn auch nicht. Also lief er los. Diesmal war er viel länger unterwegs. Ihm kam es vor wie eine ganze halbe Stunde, es könnte aber auch etwas länger gewesen sein. Diesmal sah er den Umschlag schon von Weitem. Dieser war auf dem steinernen Geländer der Brücke platziert und es war ein Stein drauf gelegt, sodass der Wind ihn nicht wegtrieb. Er sah sich diesmal auch nicht um, sondern öffnete sofort den Brief: »Kommen sie den Bach entlang, Richtung Norden. Dort warte ich auf dich.« Langsam wurde er misstrauisch, doch ihm blieb wohl nichts anderes übrig.

Er wusste jetzt auch nicht mehr genau, wo er hin sollte, da nicht mehr als diese ungenaue Beschreibung auf dem Zettel stand. Aber er lief trotzdem ins Ungewisse los. Nach circa zehn Minuten gelangte er ans Ende der Stadt oder des Dorfes und fand sich auf einem Feldweg wieder. Dann nach einer weiteren halben Stunde befand er sich in einem Wald. Langsam wurde es auch immer dunkler und im Wald, war er fast stockfinster. Er konnte kaum weiter als fünf Meter sehen, aber der Mann lief trotzdem weiter, da er hoffte nach diesem langen Weg endlich ein Ziel zu finden. Langsam ging der Weg bergauf. Es war richtig anstrengend nach oben zu laufen. Nach einer weiteren Stunde kam er oben an. Auf einer Bank lag ein weiterer Umschlag. Er öffnete ihn, aber nur ein leeres Blatt Papier befand sich darin. Der Mann fühlte sich auf einmal leer und wusste nicht, was er denken sollte. Er war den ganzen Weg hier hergekommen und niemand war hier. Was sollte das alles? War es dumm gewesen den ganzen Briefen zu folgen? Irgendwie war er wütend auf den Verfasser oder die Verfasserin. Man hatte ihn offensichtlich hinters Licht geführt und ihm umsonst Hoffnungen gemacht. Er lief den ganzen Weg, den er gekommen war wieder zurück. Als er so lief schien er sich zu beruhigen. Was, wenn das gar keine Absicht gewesen war? Wenn der Umschlag verwechselt wurde oder das falsche Blatt Papier hinein gelegt wurde? Das spielte jetzt aber auch keine Rolle mehr, dachte er sich. Antworten hatte er keine bekommen und niemand konnte ihm helfen. Er kam am Bahnhof an und wartete auf den nächsten Zug.

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