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Zeche prellen.

Die guten Geschichten erlebt man ja immer auf Reisen, heißt es doch, oder? Keine Ahnung, Sprichwörter gehören nicht zu meinen besten Kenntnissen. Vor Kurzem war ich auf so einer Reise. Sie war nicht sehr lange, dafür aber spontan. Es war der erste richtig schöne Tag in diesem Jahr. Der Pulli in Kombination mit der leichten Jacke war schon etwas zu warm und wer keine Sonnenbrille trug, drohte zu erblinden. Verständlicherweise hatte ich an diesem Tag keine Lust zu Hause zu sitzen. Wie alle jungen Leute das heutzutage tun, nahm ich mein Handy und rotzte ein paar Wörter in den Gruppenchat. Ob heute irgendwas geht, fragte ich und wartete auf eine Antwort. Wie immer antwortete nur eine Person. Ab 13 Uhr hatte er Zeit. Also wartete ich. Klar war, dass wir um diese Uhrzeit irgendetwas essen fahren. Entscheidungsmüde, wie ich bin, hatte ich natürlich keine Idee, wo das sein sollte. Aber er hatte eine, wollte sie mir aber nicht verraten. Sollte eine Überraschung werden.

Mit einer höflichen Verspätung von 36 Minuten kam er dann bei mir an, ich stieg ein und los gings. Die Laune war so gut, wie das Wetter. Mit 30 km/h bretterten wir durchs Dorf, auf die nächste Bundesstraße in Richtung der nächst größeren Stadt. In meinem Kopf malte ich mir schon aus, wohin wir gehen würden. Mein Magen knurrte gewaltig. Vielleicht zum Chinesen, Italiener oder doch Sushi essen. Nach gut Zehn Minuten Fahrt kamen wir in der nächst größeren Stadt an. »Endlich ist es soweit! Gleich sind wir da« dachte ich. Dachte ich. Die Stadt zog an uns vorbei, ohne dass wir Halt machten. Sie ging nahtlos in ein kleineres Dorf über, auch das zog an uns vorbei. Ein paar Kurven später waren wir auf dem Land. Aber so richtig auf dem Land. Links und Rechts von uns Wiesen, die an Berghänge grenzten. Die Berghänge waren  mit Nadelbäumen und Laubbäumen, die aber noch keine Blätter hatten, übersät. Dazwischen standen einzelne Bauernhöfe. Ich malte mir aus, welche Internetverbindung die Bewohner wohl ertragen müssen. Wir fuhren weiter durch das nächste Dorf und das nächste und so weiter.

Wir waren wieder auf einer kurvenreichen Landstraße im Wald, die einen Berg hochführte. »Entweder wird es richtig geil, wo wir hingehen, wenn wir schon so weit fahren; oder du fährst mit mir in den Wald um mich umzulegen« sagte ich und lachte. Er antwortete nicht, sondern lachte auch nur. Scheiße, ich war also geliefert. In meinem Kopf spielte sich die eine Szene aus Place Beyond The Pines ab, in der Bradley Cooper Ray Liotta hinterherfährt. Ray Liotta, ein korrupter Cop, fährt dabei mit Bradley Cooper in den Wald, um diesen umzulegen, da er drohte ihn und seine Geschäfte auffliegen zu lassen. Während der Fahrt geht Bradley Cooper, wie sagt man so schön, der Arsch auf Grundeis.

Wir kamen in das nächste Dorf. »Gleich sind wir da« sagte er und bog von der Hauptstraße ab, in den nächsten Wald. Wieder fuhren wir eine kurvige Straße einen Berg hoch, gute 15 Minuten lang. Der Wald wurde lichter und vor uns erstreckte sich ein majestätisches Bild: Ein weiterer Bauernhof stand auf dem Berg, kurz unter der Bergspitze. Das schien unser Ziel zu sein. Wir parkten und im ersten Moment sah alles verlassen aus. »Bist du sicher, dass die auf haben?« fragte ich. »Ne« sagte er. Gut. Er ging nachschauen. Zum Glück hatten sie auf. Wir betraten das Lokal, niemand war um die Uhrzeit und um diese Jahreszeit dort, nur zwei Omas saßen an einem Tisch und erzählten den neusten Gossip. Dass es hier überhaupt genug Menschen gab über die man Gossip erzählen konnte, wunderte mich. Wir bestellten Essen. Alles unspektakulär. Nicht schäbig, aber auch nicht übertrieben geil. Vor mir lag nur noch eine soziale Interaktion und es würde nach Hause gehen. »Wir würden dann zahlen« sagte er. Die Bedienung lies uns warten. Sie brachte zuerst zwei Motorradfahrern, die inzwischen angekommen waren das bestellte Essen. Dann kam sie endlich zu uns, kassierte ihn ab. Von mir verlangte sie 16€.

Ich gab ihr zwei Scheine, sagte »18«. Sie starrte die Scheine an. Mein Hirn merkte, dass etwas nicht stimmte. In meinem Kopf ging ich die Situation nochmal durch. Schaute die Scheine in ihrer Hand an. Grün und Rot. Mein Hirn arbeitete. Shit. »Ah ja, hoppla« sagte ich. Streckte ihr noch einen Fünfer hin und lachte nervös. »Man kanns ja mal probieren« sagte der Kumpel und lachte. Sie lachte aber ihre Augen strahlten eine Ernsthaftigkeit aus, die nur Leute haben können, die so abgelegen auf dem beschissenen Berg wohnen. Ich lachte nervös mit, wusste aber nicht was ich sagen sollte. Unangenehme Stille tratt ein. Normalerweise war man in solchen Situationen schlagfertig und drückte noch irgendeinen souveränen, coolen Spruch. Dann lachten alle und gut wars. Hier aber nicht. In meinem Kopf tauchte plötzlich, wie manchmal auch vor dem Einschlafen, eine peinliche Situation aus meinem Leben auf.

Ich war in einem Kiosk, da ich noch Tabak kaufen musste. Drehtabak. Kostete genau 5€. Ich gab einen Schein hin. Die Frau an der Kasse legte ihn in Selbige. Ich nahm den Tabak und wartete auf mein Rückgeld. Es kam aber kein Rückgeld. »Bekomm ich nicht noch was raus?« fragte ich. Sie schaute mich fragend an. »Hab ich nicht gerade einen 10er hingegeben?« fragte ich halb rhetorisch, halb ernst, weil ich mich ja kannte. Sie verneinte es und sagte, ich habe einen Fünfer gegeben. Ich spielte die Situation in meinem Kopf durch. Tatsächlich, es war ein Fünfer gewesen. »Ach, stimmt. Heute morgen hatte ich 2 10er, deswegen dachte ich…« stammelte ich. »Hab aber schon was gekauft und« redete ich weiter und ging dabei zur Tür, brach meinen Satz ab ging nach draußen.

Bezahlen war für mich eine Herausforderung. Was würde sie jetzt tun? Misstrauisch warf sie mir einen Blick zu. Der Freund bestellte noch eine Flasche Selbstgebrannten, den ging sie holen. Bestimmt war sie auf dem Weg zum nächsten Telefon. Jetzt, wo ich offiziell als Betrüger galt. Auch noch auf frischer Tat ertappt. Vor allem würde das lange dauern, bis die Cops hier oben auf dem Berg wären. Dann kam sie mit einer Flasche zurück, drückte sie ihm in die Hand und wünschte uns einen schönen Tag. Hat wohl doch nicht die Cops gerufen. Glück gehabt.

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