Suche Menü

Eileen

Teil I: Lovestory

Ich erzähle euch heute eine Lovestory. Ihr denkt euch jetzt sicher ‚Warum eine Lovestory? Als ob es davon nicht schon genug gäbe‘. Das ist natürlich völlig legitim. In der Geschichte der Menschheit gibt es wahrscheinlich keine Geschichte, die so oft erzählt wurde, wie die einer Lovestory. Aber ich sage euch, wieso: Weil es meine Lovestory ist. Und die eigenen Geschichten sind immer die Wichtigsten. Da es meine Geschichte ist, sollte ich mich auch vorstellen. Ich möchte ja nicht unhöflich sein. Ihr könnt euch mich als den uncoolen Typen vorstellen. Der, den man immer irgendwo kurz sieht, aber nie so richtig wahrnimmt. Und wenn doch, dann denkt man sich ‚Man, was für ein uncooler Typ‘. So einer war ich irgendwie schon immer. Aber ich wollte auch schon immer der coole Typ sein. Schon seit der 6. Klasse, als die ganzen Fußballerjungs angefangen haben Ed Hardy zu tragen, während ich aber noch von meiner Mutter eingekleidet wurde. In meiner Vorstellung lief ich einfach so in den Laden und kaufte mir so eine Ed Hardy Truckercap, — die beim zweiten mal drüber nachdenken einfach mal übelst beschissen aussahen — und lief damit dann in die Schule, als wäre nichts passiert. Alle hätten mich für den Coolsten gehalten. Natürlich passierte das nie und ich wurde noch eine Weile von meiner Mutter eingekleidet. Irgendwann, als ich alt und mündig genug war, meinen Kleiderschrank selbstständig zu füllen, dachte ich, ich müsste gar nicht mehr cool sein. Ich dachte, es wäre gut so, wie ich bin und ich müsste niemandem was beweisen. Also behielt ich die hässlichen Klamotten. Dann kam die Phase, in der ich Musik für mich entdeckte und nur noch Bandshirts trug. Die Zeit verflog, ich machte mein Abitur, schrieb mich an einer Universität ein und fing an die brotlose Kunst der Akademiker zu studieren: Geisteswissenschaften. Zu der Zeit änderte sich auch mein Streben nach Coolness. Ich sortierte die Bandshirts aus (ersetzte sie zwar nur durch andere coolere Bands, aber das war auch ein Anfang), warf die hässlichen Klamotten weg und fasste den Entschluss von nun an cool zu sein. Und jetzt bin ich hier: Ein absolut cooler Typ, der mit dieser viel zu langen Einleitung übers Cool-Sein versucht eine Lovestory zu erzählen. Die »uncoole Phase« hat natürlich Spuren hinterlassen und das ist der Versuch daraus auszubrechen und alles anders zu machen.
Sie beginnt in der Uni. Die Semesterferien hatten gerade begonnen und eigentlich sollte man da nichts tun, vielleicht mit Freunden und Bier an einem See liegen und das »Student-sein« so richtig genießen. Nichts davon funktionierte, was zum einen daran lag, dass es Februar und damit Winter war, zum anderen daran, dass ich einen Haufen Hausarbeiten schreiben musste. Ich hatte mehr zu tun als während des Semesters. So fand ich mich nahezu jeden Tag von Morgens bis spät Nachmittags in dem 70er Jahre Bau unserer Universität wieder: originalgetreu mit abgetretenem Teppichboden, hellbraunen Holzmöbeln und diesem einen bestimmten müffelnden Geruch, der sich aus einer Mischung von alten Büchern und Jahrzehnte altem Bodenbelag ergab. Draußen wurde es langsam wärmer, doch der Frühling fand noch nicht seinen Anfang. Es wurde immer noch früh dunkel, sodass ich manchmal erst nach Hause ging, als die Sonne schon verschwunden war. An manchen Tagen schnitt der kalte Wind während den Raucherpausen in meine Hände. Eine tiefe Stille umgab alles. Das einzige was zu hören war, war das Klicken des Feuerzeuges und das Ausatmen des Rauches. Die Menschen liefen lautlos mit gesenkten Köpfen durch die Straßen, nicht ein einziges Blätterrascheln war zu hören. Ich, Musterstudent sondergleichen, kam natürlich nur langsam voran. Die halbe Zeit verbrachte ich damit im Internet abzuhängen, andere Leute in der Bibliothek zu beobachten, um bloß nicht die Texte für die Hausarbeit lesen zu müssen. Wenn man so prokrastinierte und Menschen beobachtete fielen einem die verrücktesten Dinge auf: zum Beispiel die Oma, welche jeden Tag um 11 Uhr in den großen Lesesaal schlurfte, sich die Tageszeitung aus dem Regal holte, zehn Minuten darin rumblätterte, um dann ihren Kopf auf den Tisch zu legen und zu schlafen. Gelegentlich holte sie noch ihr Wurstbrot heraus und verspeiste es.
So verging ein halber Monat, in dem ich wenig lernte und die Oma unzählige Wurstbrote in der Bibliothek aß, bis Emily, eine Schulfreundin, die ebenfalls an der selben Uni studierte, auch anfing ihre Hausarbeiten zu schreiben. Das Wetter war wärmer geworden und die Tage waren länger. Manchmal griff der Winter noch nach uns, blies durch unsere Jacken und ließ die Zähne klappern, aber das geschah immer seltener. Wir hingen also nun zusammen rum und jammerten gemeinsam den ganzen Tag darüber, wie wenig Lust wir doch hatten und wie sehr wir dem Zeitplan hinterher hingen. Das hinderte uns allerdings nie daran ausgiebige Pausen zu machen, die nie die Länge einer Stunde unterschritten. Hier mal ein beispielhaftes Gespräch, um das ganze zu untermauern: »Oh man« stöhnte ich auf. »Hm?« fragte Emily, die schon ganz genau wusste, was jetzt kommt. »Ich hab keine Luhust (wichtig ist dabei die Silbenwiederholung) mehr auf den Rotz« sagte ich. Meine Stimme drückte dabei maximale Unlust aus, gleichzeitig war ich in dieser Situation auch der Weltmeister der Jammerei. »Ich auch nicht (das ‚nicht‘ war manchmal auch langgezogen), aber wenn wir jetzt schon wieder Pause machen, werden wir nie fertig. Ich werde sowieso bestimmt nicht fertig! Nur noch 2 Wochen bis zur Abgabe. Das schaffe ich nie. Oh Gott!« – »Klar schaffst du das« versuchte ich sie zu beruhigen, was aber fast nie von Erfolg gekrönt war. Dieses Gespräch führten wir so — oder zumindest ähnlich — mindestens zwei mal täglich.
Wir hatten schon einige Tage mit Jammerei überstanden. Da Emily engagierter und auch panischer war als ich, war sie meistens schon ein bis zwei Stunden früher an der Uni. Meistens kam sie dann aus der Bibliothek und wir rauchten gemeinsam. Es war einer dieser kälteren Tage im Frühling, in denen der Winter noch einmal durchkommt. Aber der Winter schien bald sein zeitliches zu segnen. Die ersten grünen Knospen und kleine Blätter waren zu sehen und zu hören, wenn der Wind durch die Straßen blies. Ich schrieb ihr, dass ich gleich an der Uni sein werde und wartete vor der Tür auf sie. Ich war es gewohnt mindestens fünf Minuten zu warten, da Emily absolut nicht für ihre Pünktlichkeit bekannt war. Doch an diesem Tag wartete ich länger. Gute zehn bis fünfzehn Minuten. Die Tür ging auf und Emily kam heraus, aber diesmal nicht alleine. Eileen war dabei. Ich kannte sie flüchtig, da ich sie zu Beginn des Semesters einmal gesehen hatte, als sie kurz mit Emily sprach. Eileen war ungefähr genauso groß wie ich, hatte langes, volles braunes Haar, und tiefgraue Augen. Wie die Bewegung von kristallklarem Wasser, das in einem eiskalten Bach fließt, fiel das Haar auf ihre Schultern und formte dabei geschwungene Linien. Wir begrüßten uns, rauchten die Kippe zu Ende und gingen wieder hoch, um zu lernen. Eileen studierte das selbe Fach wie Emily. Sie war heute ausnahmsweise da, weil sie einige Bücher brauchte, welche man nicht ausleihen konnte. Dieser Tag war ein besonderer Tag in mehrfacher Hinsicht. Zum einen unterboten wir unsere Produktivität noch weiter. Anstatt nur exorbitante Pausen zu machen, fingen wir nun an miteinander zu reden, statt an der Hausarbeit zu arbeiten. Zumindest Eileen und ich.
Wir verstanden uns sofort. Das kam nicht sehr oft vor, denn meistens bin ich zurückhaltend. Wenn sie etwas Lustiges sagte, musste ich lachen und umgekehrt. Emily gab es irgendwann auf und lies das Lernen links liegen und beteiligte sich an unseren Gesprächen. Wir fingen irgendwie an über Serien zu reden. Emily erwähnte dabei ihre Lieblingsserie, ich weiß nicht mehr genau, welche es war. Irgendein Bruder im Geiste von Twilight. »Ne, also als Lieblingsserie lass ich das nicht durchgehen« widersprach ihr Eileen. »Nichts geht über Scrubs!«. Das konnte doch kein Zufall sein. »Ich liebe Scrubs!« sagte ich. Die nächste halbe Stunde unterhielten wir uns nur darüber, wie großartig Scrubs war und wieso das unsere Lieblingsserie war. Unser Gespräch sprang von einem Thema zum anderen und stand nie still, denn wir redeten nun über Filme. Irgendwann merkte Emily an, was für ein Musiknazi ich war. Ich versuchte schon gar nicht mehr mich zu verteidigen. »Ja, man muss eben auch mal was kacke finden« sagte ich. »Aber du findest ganz schön viel kacke« lachte Emily. Darauf wusste ich keine Antwort mehr und musste auch lachen. »Ich finde halt EDM einfach scheiße. Das klingt alles super gleich« sagte ich. »Ja, das ist echt nicht so geil. Das ist einfach so gefühllos« sagte Eileen. »Ja, und angefangen hat das alles Ende der Nullerjahre. Davor war das noch vielfältiger. Und dann kam Flo Rida und der ganze Rotz. Wie hieß dieser eine Song nochmal? Irgendwas mit ‚head‘« redete ich mich fast schon in Rage. »Hier ‚you spin my head right round‘?« meinte Eileen. »Ja genau. Das ist sowieso ein Sample aus den Achtzigern. Ich weiß nicht mehr genau von welchem Song. Die Achtziger waren sowieso das Geilste überhaupt« sagte ich und schloss meine Rede ab. Eileen widersprach mir und meinte, dass die Neunziger noch ein bisschen besser waren. Unser Gespräch sprang weiter zu unendlich vielen anderen Themen.
Dann machten wir eine Pause von der Pause und gingen nach draußen, um zu rauchen. Dort redeten wir weiter. Mir fiel zum ersten mal auf, dass Eileen ab und zu stotterte. Nicht viel und auch nicht auffällig. In den meisten Gesprächen tat sie es gar nicht, aber wenn, dann wiederholte sie eine Silbe eines Wortes ein Mal. Wegen meinen Selbstgedrehten brauchte ich am längsten. Die beiden warteten auf mich und wir gingen nach drinnen. Emily hatte uns eindringlich empfohlen, dass wir nach dieser Pause alle endlich richtig lernen sollten. Die Empfehlung wurde von uns nicht ganz ernsthaft umgesetzt. Ich packte mein Handy aus und tippte ein wenig darauf rum. »Man, Tinder ist so langweilig« sagte ich vor mich hin. »Sag jetzt nichts« sagte ich zu Emily und lachte. Vor einiger Zeit hatte Emily davon erzählt, dass ich nun Tinder hatte, worauf sie empört reagiert hatte. »Zeig mal dein Tinderprofil« meinte Eileen zu mir. »Willst du das wirklich sehen?« fragte ich. Sie nickte. Ich drückte ihr mein Handy in die Hand und sie sah es durch. »Die Bilder sind wirklich schön« sagte sie. »Danke« grinste ich vor mich hin. Sie machte mir im Laufe des Tages noch zwei, drei weitere Komplimente. Irgendwann war es Zeit nach Hause zu gehen. Also rauchten wir noch eine und verabschiedeten uns (Mir fällt beim erzählen auf: scheiße man, wir rauchen wirklich viel). Schon auf der Zugfahrt nach Hause musste ich an diesen Tag denken. An Eileen, an das, was sie gesagt hatte.
Ich kam Zuhause an und konnte wenig klare Gedanken fassen. Dieser Tag war einfach maximal merkwürdig verlaufen. Diese ganze Begegnung warf mich irgendwie aus der Bahn. Es machte mir fast schon Angst, wie sehr ich darüber nachdachte und sie mich beschäftigte. Nein, nicht nur fast. Es machte mir Angst. Ich hatte mich noch nie mit einem fremden Menschen auf anhieb so gut verstanden. Im Nachhinein betrachtet hatten wir das ganze Gespräch über immer wieder miteinander geflirtet, manchmal mit Absicht, manchmal ohne dass ich es wirklich bemerkte. Eileen strahlte eine Vertrautheit aus, die ich selten erlebt hatte. Das klingt jetzt zwar super kitschig und zurecht könnt ihr sagen »Was schreibt der so einen Mist?«, aber Eileen war ungelogen einer der schönsten Menschen, den ich je gesehen hatte. Als ich so ein wenig drüber nachdachte, musste ich mir eingestehen, dass ich mich fast schon richtig verknallt hatte. Ich fühlte mich ein bisschen wie ein pubertierender Teenager, aber mein Pessimismus hielt mich noch im Zaum. Was sollte ich nun tun? Meine bisherige Routine und Erfolgsrezepte als Flirtmeister, bestanden darin einfach nichts zu tun. Das ‚Problem‘ würde sich dann natürlich direkt von alleine erledigen und ich könnte mich entspannt zurücklehnen und mir irgendetwas von wegen »Ach, das wäre sowieso nichts geworden.«, »Alles wäre komplett schief gelaufen!« oder »Zum Glück habe ich mich nicht mehr bei ihr gemeldet. Wahrscheinlich wäre sie dann gerade am Auto fahren gewesen, wäre dadurch abgelenkt und hätte einen Unfall gebaut« vorlügen. Aber dieser Tag war ein besonderer Tag. Ich klappte meinen Laptop auf, ging auf Facebook und ohne weiter nachzudenken klickte ich auf »FreundIn hinzufügen«. »Und nun?« dachte ich. Abwarten. Es dauerte in der Tat nicht lange, da erschien eine Benachrichtigung, dass meine Anfrage angenommen wurde. Scheiße. Weiter, als bis zu dieser Stelle, hatte ich meinen unglaublichen Masterplan noch nicht gedacht. Mein Hirn fing fast an zu qualmen, als ich mir überlegte, was ich nun als nächstes tun sollte. Ich war jetzt schon so weit gekommen, also stand anschreiben auf jeden Fall fest. Doch was sollte ich schreiben? Einfach so mit der Tür ins Haus zu fallen ging nun wirklich nicht und wäre mehr als daneben gewesen. Also musste ich mir einen Vorwand einfallen lassen. Ich ging im Kopf jede Sekunde durch, in der wir miteinander gesprochen hatten. Dann kam mir eine Idee. Ich öffnete Youtube, suchte ‚Dead Or Alive – You Spin Me Round (Like a Record)‘ heraus, denn aus diesem Song wurde der Flo Rida Song gesampelt. Ich schrieb »Hier, den meinte ich« dazu und schickte es ab. »Scheiße man« dachte ich im Moment der Realisierung. Was hatte ich getan? Ich hatte einer Person, mit der ich auf jeden Fall mehr Kontakt haben möchte, als erste Nachricht überhaupt ‚You Spin Me Round‘ von Dead Or Alive geschickt. Ich wiederhole: ‚You Spin Me Round‘ von Dead Or Alive. Einem der cheesigsten und schlimmsten Songs der 80er nach heutigem Standard. Ich musste wie der größte Depp rüberkommen. ‚Aber andererseits, ist das ein verdammt catchy Song und die 80er waren ja sowieso geil‘ dachte ich und versuchte mich damit zu beruhigen. Es funktionierte nur mäßig gut.
Aber zu meiner Überraschung blockierte sie mich nicht direkt, sondern antwortete wirklich. Wir tauschten ein wenig Smalltalk aus. Dann wurde es wieder ein wenig stiller. Ich hatte meine Hausarbeiten zu schreiben, sie war nur an diesem einen Tag in der Uni gewesen und eigentlich hatte ich sowieso nicht vor mich wieder auf irgendetwas einzulassen. Ich war der Meinung, ich hätte dafür nun wirklich weder Zeit, noch Nerven und erst Recht keine Lust. Wie falsch ich doch damit lag. Mit jedem Tag blieb die Sonne länger am Himmel. Nun flogen wieder Vögel über den Campus, die während der Raucherpausen lautstark zu hören waren. Manchmal aber zogen Nebelschwaden durch die Straßen und es wurde wieder eiskalt. Ich ertappte mich immer wieder dabei, wie ich auf mein Handy sah, in der Hoffnung, eine Nachricht von Eileen zu erhalten. Ein paar Tage später schrieben wir wieder miteinander. Diesmal mehr und dabei weniger über Belangloses. Und dann musste ich die eine Frage stellen, vor deren Antwort ich große Angst hatte. Diese Frage würde über die komplette Zukunft entscheiden. Ich fing an zu tippen: »Was hörst du eigentlich so an Musik?« und schickte die Nachricht ab. Wenn ich jetzt sagen würde, ich wäre nicht aufgeregt gewesen, würde ich lügen. Ich kann mir vorstellen, dass das beim lesen ein wenig befremdlich wirkt. Wenn das so ist, habt ihr wahrscheinlich noch nie High Fidelity gelesen bzw. gesehen. Musik ist für mich nicht einfach nur ein Zeitvertreib oder was, was man so mal nebenbei laufen lässt. Für mich ist das ein richtiges Hobby. Dazu bin ich noch professioneller Musiknazi und genieße unter Freunden einen gewissen Ruf. Ich bin nicht unbedingt stolz drauf, aber ich hätte einmal fast die Partnerin eines Freundes aus dem Auto geworfen, weil sie meinte ‚Bohemian Rhapsody‘ sei ein schlechter Song. Auf Partys bin ich auch immer derjenige, der schlecht gelaunt in der Ecke sitzt, wenn Musik läuft, die ich wirklich nicht mag. Während ich auf die Antwort wartete malte ich mir im Kopf die Antworten aus. Vielleicht würde einfach nur ein »Ich hör nicht so viel Musik« kommen. ‚Damit könne ich leben‘ dachte ich. Aber was, wenn irgendwas mit David Guetta kommt. Oder noch schlimmer: Irgendwelche Ballermannhits, Nickelback oder Andreas Gabalier. Ich sah auf mein Handy und sah, dass ich eine Nachricht bekommen hatte. Meine Hände zitterten schon fast, als ich sie öffnete: »Also um’s kurz zu machen… Nichts, was mehr wirklich lebt« lautete die Antwort. »Hm« dachte ich. Darauf konnte ich mir nicht wirklich einen Reim machen. Ich fragte nochmal nach. Diesmal antwortete sie genauer. Sie erzählte mir von Rock’n’Roll, Musik aus den 50ern, 60ern, 90ern und von zeitgenössischer Musik, da aber nur mit Gitarre. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Ich zeigte ihr Buddy Holly, wir redeten über die Kinks, Mumford & Sons, Phoenix, First Aid Kit und über noch so viel mehr Bands, die wir beide liebten. Als der Stein fiel änderte sich auch einiges, wir führten nie wieder Smalltalk sondern schrieben über richtige Dinge. Aber vor allem über Musik. Sie nannte mir ihre liebsten Bands und Songs. Und ohne zu zögern nannte ich ihr auch meine liebsten Bands und Songs. Selbst die geheimsten Songs, mit denen ich viele emotionale Dinge verband, schickte ich ihr. Und sie gefielen ihr. So etwas zu tun ist, als würde man eines seiner tiefsten Geheimnisse preisgeben. Man lässt den Menschen an all dem teilhaben, auch wenn die Person nicht einmal weiß, was diese Songs bedeuten. Und am Ende stellt man sich einem Urteil, ob diese Person die Songs auch mag oder eben nicht. Vielleicht ein wenig unfair, wenn die andere Person gar nicht weiß, dass sie gerade urteilt.
»Kennst du The XX?« fragte sie mich. Klar, kannte ich The XX. »Was ist dein Lieblingssong von ihnen?« Ich tippte »Crystalised« ein und schickte es ab. Gleichzeitig kam ihre Nachricht an: »Meiner ist Crystalised«. Das kann doch nicht möglich sein, dachte ich. Es schien mir einfach zu absurd. Von außen betrachtet hätte dieses ganze Gespräch direkt aus einer Hollywood Rom-Com sein können. Aber war es nicht, es war echt. Wir schrieben diesen Abend noch lange weiter, schickten uns noch unzählige weitere Songs. Von diesem Tag an schrieben wir täglich. Der Frühling war nun wirklich nicht mehr aufzuhalten. Die Bäume waren grün und die Sonne durchflutete die Straßen, wie eine Sturmflut. Der Asphalt der Stadt lud sich mit Wärme auf. Es war das Wetter, bei dem man nicht mehr überlegte, ob man die Sonnenbrille aufziehen soll, sondern es ohne zu zögern tat. Ich fuhr in die Uni, Emily war natürlich schon dort. Eileen wollte heute auch dort sein, kam aber erst später. Also saßen wir draußen und rauchten. Eileen tauchte irgendwann auch auf. Nach einer Stunde ‚Arbeit‘, wenn man es so nennen kann, machten wir auch schon wieder Pause. Wir saßen draußen auf Bänken und jammerten wieder. Diesmal aber darüber, dass es verschwendete Lebenszeit ist bei solch einem Wetter drinnen zu sitzen und zu lernen. Wir waren uns einig, dass wir eigentlich hier draußen in der Sonne liegen müssten, was wir zwar jetzt taten, aber unserer Meinung nach einfach nicht lange genug.
»Leute!« rief ich. »Ich hab gerade so eine gute Idee.« Hätte es in diesem Moment einen Preis für eine gute Idee gegeben, ich hätte ihn bekommen. Und auch im Nachhinein bin ich noch der Meinung, dass es eine sehr gute Idee war. »Lasst mal eine Stunde länger Pause machen und noch Bier trinken« droppte ich die Bombe. Eileen hatte ich sofort überzeugt. Nur Emily wehrte sich gegen diese ausgezeichnete Idee. Was zum einen daran lag, dass ihr Pflichtbewusstsein und ihre Panik es verboten, noch länger Pause zu machen, da wir sowieso immer viel zu wenig lernten und zum anderen, weil Emily nicht gerne Bier trank. Es brauchte einige Minuten Überzeugungsarbeit und die Drohung, dass ich so oder so losgehen würde, um Bier zu trinken. Schließlich liefen wir die fünf Minuten Fußweg zum nächsten Supermarkt, kauften Bier und setzten uns vor dem Stadttheater auf die Treppen. Die Sonne war fast hinter dem Gebäude verschwunden, sodass einige Stufen noch voller Sonnenschein waren. Eileen und ich stießen an. Emily hatte auf Bier verzichtet. Wir saßen eine Weile da, redeten und lachten, während die Sonne weiter zog und immer mehr Stufen im Schatten verschwanden. Bald verschwand Emily zurück in die Uni, um weiter zu lernen. Wir blieben noch draußen, denn unser Bier war noch nicht leer.
Es war ein komisches Gefühl. Nein, eigentlich war es kein komisches Gefühl. Aber genau das war es gerade. Normalerweise ist es eine absolut seltsame Situation, wenn man sich mit einer Person lange und viel per Text unterhalten hat, man viel über diese bei solchen Textgesprächen erfährt und diese Person dann wieder im echten Leben trifft und mit ihr alleine von Angesicht zu Angesicht spricht. Meistens gehen die Gesprächsthemen aus, es fühlt sich ungewohnt an oder man ist schlichtweg nicht an die Art und Weiße gewohnt, wie eine Person redet. Dieses Gefühl war in keiner Sekunde vorhanden. Es war so, als hätten wir gestern zuletzt Angesicht zu Angesicht miteinander gesprochen.
»Irgendwie wirkst du so unnahbar« sagte sie und lehnte kurz ihren Kopf gegen meine Schulter. Ihr Haar fiel wie ein Wasserfall über meine Schultern und ihre Stirn. »Wie meinst du das?« fragte ich. »Na, du hast irgendwie so ein Musikerimage« Musikerimage? Was sollte ich mir darunter vorstellen? »Wirklich?« fragte ich. »Ja, aber das meine ich nicht negativ. Das ist ja nichts schlechtes. Ich finde das sogar irgendwie positiv. Nur wirkst du manchmal wirklich unnahbar« antwortete sie mit einem Lächeln und nahm einen Schluck. Ich sagte nichts mehr und schaute auf mein Bier. Ich glaube, insgeheim wollte ich unnahbar sein. Musikerimage. Das klang direkt nach einem Film, in dem ich der coole Protagonist war, der sich in die andere coole Protagonistin verliebt, beide eine super coole Liebesgeschichte erleben und es am Ende kein kitschiges Happy End gibt, sondern ein realistisches. Bei dem sich beide etwas eingestehen müssen, aber sich doch noch bekommen. Jeder Zuschauer und jede Zuschauerin im Kino würde den Film mit einer Sehnsucht nach diesem Abenteuer in den Augen sehen und sich wünschen, dass sie selbst auf der Leinwand wären. Aber das Musikerimage und die Unnahbarkeit waren falsch. Ich war ein Scharlatan, dessen Unsicherheit und Angst falsch interpretiert wurde. Ich trank noch den letzten Schluck des Biers. Eileen hatte ihres schon geleert. »Irgendwie fühlt es sich auch so an, als würden wir uns schon ewig kennen« sagte sie. Müde sahen wir der immer weiter untergehenden Sonne entgegen, als wir wieder nach drinnen liefen.
Den restlichen Abend saßen wir noch in der Unibibliothek und versuchten zu arbeiten, obwohl sich alles in uns dagegen wehrte. Ich lehnte mich auf meinem Stuhl zurück und streckte meine Beine aus. Eileen saß mir gegenüber und streckte ebenfalls ihre Beine aus, woraufhin sie sich berührten. In jeder anderen Situation hätte ich sie sofort zurück gezogen und mich vielleicht noch aus Höflichkeit entschuldigt, wobei die andere Person aber natürlich genau das gleiche Tat, denn alles andere könnte ja unhöflich wirken. Aber hier nicht, sie nicht und ich nicht. Es lag eine seltsame Vertrautheit in der Luft, die niemand in Frage zu stellen schien. Ich tat es zumindest nicht und Eileen, wie es aussah, auch nicht. Eileen erzählte, dass sie noch die ganze restliche Woche an der Uni sein würde. Das freute mich sehr, denn es bedeutete, dass wir uns jeden Tag sahen. An diesem Abend kam ich nach Hause und machte eine Playlist an, die ich in letzter Zeit immer wieder bearbeitet und erweitert hatte. Da fiel mir plötzlich etwas auf, was mich ein bisschen aus der Bahn warf. Die komplette Playlist bestand aus Songs, die Eileen und ich uns hin und her geschickt hatten, über die wir gesprochen hatten und die wir beide wunderbar fanden. Ich hatte, ohne zu bemerken, ein Mixtape erstellt. Das klingt jetzt halb so wild, aber mir wurde klar, dass das langsam irgendwie ernster wurde. Ich fand Eileen nicht mehr nur interessant und hot. Ich fing an, wirklich was für sie übrig zu haben. Nur war ich mir noch nicht sicher, ob das wirklich gut war.
Gegen Ende der Woche hatte ich eine mündliche Prüfung. Aber genau an diesem Tag konnte Emily nicht und Eileen hatte eigentlich alles erledigt, was es in der Uni zu erledigen gab. Dazu muss ich natürlich anmerken, dass ich riesige Prüfungsangst habe. Jede Ablenkung wäre mir lieb gewesen, doch wie es aussah, musste ich den Tag alleine überstehen. Schon Tage vorher schlug es mir auf den Magen und ich konnte keinen Bissen runter bekommen. Ich wachte an diesem Tag eineinhalb Stunden vor dem Wecker auf, da ich so nervös war. Den ganzen Tag konnte ich nichts essen. Dann aber sah ich auf mein Handy. Ich hatte eine Nachricht von Eileen: »Ich komme heute doch vorbei. Treffen wir uns nach deiner Prüfung?« fragte sie. Ich antwortete ihr und bekam noch ein »Viel Glück«. Als die Prüfung vorbei war und eher so mittelmäßig verlaufen war, trafen wir uns zum ersten mal so ganz alleine, ohne Emily oder andere Leute. Im ersten Moment hatte ich Angst, dass ich nicht wüsste, was ich sagen solle oder mich komisch verhalten würde. Aber nichts dergleichen geschah. Dieses Gefühl der Vertrautheit trat wieder ein und wir redeten über alles, über das wir sonst auch sprachen. Nur eben einfach zu zweit. Mir fiel wieder das Stottern auf — und wie sehr ich es mochte. Es war eine dieser Kleinigkeiten, wie z.B. die Art und Weise, mit der sich jemand durch die Haare fährt oder beim Sprechen leicht auf den Lippen kaut, die einem erst auffallen, wenn man beginnt sich in jemanden zu verlieben. Am Ende des Tages verabschiedeten wir uns, stiegen in unsere Züge und fuhren in die entgegen gesetzten Richtungen davon. Nach 5 Minuten Fahrt sah ich auf mein Handy. Eileen hatte geschrieben.
Wir schrieben wieder den ganzen Abend lang. Plötzlich erhielt ich eine Sprachnachricht. Ich öffnete sie und musste direkt über beide Ohren grinsen. Zu hören war ein Autoradio und mehrere Menschen, die etwas unverständliches Sprachen. Das Autoradio spielte laut ‚Gangsta’s Paradise‘. Dazu hörte man Eileen, die mitsang. Als ich ein zweites mal drüber nachdachte, freute ich mich noch mehr. Sie verbrachte gerade Zeit mit ihren Freunden, dachte aber trotzdem noch an mich und schickte mir soetwas. Vielleicht hatte sie doch mehr für mich übrig. Am nächsten Tag war ich mit einem Freund unterwegs. Er war der einzige, der die Musik auch immer so laut aufdrehte wie ich und mitsang. Da er Fahrer war, spielte ich den DJ und lies den Safety Dance laufen. Wir sangen lauthals mit, ich nahm es auf und schickte es Eileen. Das sollte auch nicht das letzte mal gewesen sein, dass wir uns so etwas hin und her schickten.
Mit meiner Prüfung rückte auch das Ende der Hausarbeitenphase entgegen. Es blieben noch 2, 3 Tage der nächsten Woche, in der wir etwas zu arbeiten hatten. Danach begannen die richtigen Semesterferien. Ich hatte den Gedanken daran vor mir her geschoben: eigentlich müsste man sich auf diesen Tag freuen, aber ich tat es nicht. Denn für mich bedeutete dieser, dass ich Eileen in nächster Zeit nicht einfach so sehen konnte. Ich hätte aus meiner Comfortzone ausbrechen müssen und so verrückte Sachen tun müssen, wie danach fragen, ob wir uns so treffen wollten. Der letzte Tag kam noch schneller als erwartet und dieser Gedanke schwebte mir immer wieder im Hinterkopf. Wir verabschiedeten uns und gingen Richtung Bahnhof. Es fühlte sich irgendwie wie eine endgültige Verabschiedung an. Ich würde sie in nächster Zeit nicht mehr regelmäßig sehen. Vor allem war da eine Ungewissheit, ob wir uns je wieder so oft treffen würden und so viel Zeit miteinander verbringen würden. Auf dem Weg zum Bahnhof aber sah ich ein Plakat. Turbostaat war nächste Woche in der Stadt. Mein Herz schlug höher und ich schmiedete in meinem Kopf einen Masterplan: Wieso nicht einfach mal jemanden auf ein Date fragen? Sowas verrücktes sollen ja Leute vor mir auch schon getan haben und bei manchen hat es wohl funktioniert. Warum dann nicht auch ich. Aber so ganz überzeugt war ich von diesem Masterplan nicht. Was, wenn sie nein sagt? Was, wenn irgendetwas unvorhergesehenes in meinem Plan geschieht?
Nun gut, wenn Eileen mich schon nach ‚You Spin Me Round (Like a Record)‘ nicht direkt blockiert hatte, sollte ich es vielleicht auch einfach probieren. Also fragte ich. Das Handy warf ich erstmal in die nächste Ecke, aus Angst vor der Antwort. Alle Gedanken, die ich bis zum Abschicken der Nachricht doch verdrängen konnte, kamen nun wieder in meinen Kopf. Nach einer halben Stunde hielt ich es nicht mehr aus und holte mein Handy. Eine Nachricht. Ich öffnete sie. Es war eine Absage. Sie sei in nächster Zeit für spaßige Sachen nicht zu haben, da sie für die restlichen Ferien nach Hause gefahren sei, schrieb sie. Ich glaubte ihr natürlich, aber die schlimmen Gedanken, dass sie mich anlog und mich nicht ausstehen konnte krochen wieder in meinen Verstand. Diesmal versuchte ich sie nicht nur zu verdrängen, nein ich wollte sie verdrängen, ich musste und ich tat es auch. Ich wehrte mich dagegen, auch nur annähernd daran zu denken und es funktionierte. Die Semesterferien schritten voran und es verging kein Tag, an dem wir nicht schrieben. Das Verrückteste dabei war, dass sie mir Komplimente machte: Ich würde gut aussehen, gut riechen und außerdem wäre ich ein toller Mensch. Ich wusste gar nicht, wie ich damit umgehen sollte. Ich fing aber an, ihr zu glauben, dass die Komplimente wirklich wahr waren. Ich hatte immer mehr das Gefühl, dass sie mich wirklich mögen würde. Der Frühling zeigte sich nun von seiner besten Seite und es war kein einziger kalter Tag mehr zu spüren. Es war dieses Wetter, auf das man sich den ganzen Winter lang gefreut hatte. Das, was man kaum erwarten konnte, da man nun endlich die Lieblingsklamotten aus dem Schrank holen konnte. An solchen Tagen war man perfekt. Selbst wenn man Probleme mit sich selbst hatte, waren diese an solchen Tagen weggefegt. Nichts und niemand konnte einen an solchen Tagen runterziehen. Man ging durch die Straßen, dachte über nichts nach und im Kopf lief ein Lieblingssong. An solchen Tagen ging es allen so und man konnte es jedem und jeder ansehen.
Die Tage flogen vorbei. Ich verbrachte diese damit von Morgens bis Abends Scrubs zu schauen. Vielleicht auch, weil es mir das Gefühl gab irgendwie näher an Eileen dran zu sein. Ich weiß auch nicht. Wir schrieben weiter jeden Tag. Mittlerweile fühlte es sich auch für mich so an, als würden wir uns schon ewig kennen. Oder besser ausgedrückt, als hätten wir uns nie nicht gekannt. Als hätten wir von dem Augenblick an, an dem wir uns zum ersten Mal begegnet sind, sofort gewusst, was für ein Mensch die andere Person war. Ich vertraute Eileen. Sogar mehr, als ich den meisten Personen in meinem Leben vertraute, die ich alle schon viel länger kannte. Ich fing an, Eileen mehr von mir zu erzählen. Von meinen Ängsten und Träumen. Von meinem bisherigen Leben. Davon, dass ich es noch nie hingekriegt habe, in einer Beziehung zu landen. Es liefen immer nur halbe Sachen und nie wirklich ernste Dinge. Ich hatte überhaupt keine Furcht davor, ihr das zu erzählen. Es fühlte sich richtig und vertraut an. Eileen erzählte mir auch mehr von ihren Ängsten und Träumen, von ihrem bisherigen Leben und was sie mit dem Leben noch anfangen möchte. Sie hatte sogar eine lange Liste geschrieben, mit Dingen die sie noch in ihrem Leben tun möchte. Es gibt diese seltenen Momente, in denen man das spürt, wenn man einen Menschen kennt. Man kennt ihn nicht nur, sondern man kennt ihn. Man weiß, was im Inneren dieser Person abgeht, ohne dass sie es ausspricht, man liest aus oberflächlichen Aussagen etwas heraus, was dann so gar nicht mehr oberflächlich ist und man erkennt sich selbst vor allem in dieser Person wieder. Dies war einer dieser seltenen Momente.
Und natürlich landeten wir irgendwann wieder bei Musik. Es war nun endlich soweit, wir enthüllten uns unsere größten musikalischen Geheimnisse. »Hast du irgendwelche Guilty Pleasure Bands oder Songs?« fragte mich Eileen. »Nein, sowas hab ich irgendwie nicht. Ich ‚schäme‘ mich eigentlich für gar keine Musik.« lachte ich. »Und du?« – »Ja, die hab ich. Sei aber bitte nicht böse auf mich« antwortete sie. Meine Neugierde war nun geweckt. »Ne, bin ich schon nicht« versicherte ich ihr. »Na gut. Nickelback ist so eins meiner Guilty Pleasures und noch so ein paar Sachen aus den Neunzigern« antwortete Eileen. Nun war der Moment gekommen, an dem ich fast die Blockierfunktion nutzte. Ich tat es natürlich nicht. Und auch wenn Nickelback zu den schlimmsten musikalischen Auswüchsen der Neuzeit gehörte, fand ich es irgendwie doch nicht so schlimm. Dies war wohl der bisher einzige Moment in meinem Leben, in dem ich meinem Ruf als Musiknazi nicht gerecht wurde. Stattdessen entwickelte sich Nickelback zu einem Running Gag zwischen Eileen und mir.
Die Semesterferien waren fast vorüber und wir schrieben immer noch jeden Tag. Es waren nie nur einige Worte, sondern immer ganze Gespräche. Meistens wünschte mir Eileen sogar »Guten Morgen« und schrieb mir noch einmal ein »Gute Nacht«, wenn sie schlafen ging. Obwohl wir das jeden Tag machten, wurde es nicht zur Routine. Ich fühlte mich nie verpflichtet das alles zu schreiben, weil ‚wir es halt bisher immer so getan haben‘. Und mir schien es so, dass es bei Eileen auch so war. Es fühlte sich einfach so vertraut an, sich mit ihr zu unterhalten. Dieses Gefühl der Vertrautheit hatte ich bei keinem anderen Menschen zuvor gehabt. Einmal schrieben wir darüber, auf was für Menschen wir so stehen würden, wie unsere bisherigen Beziehungen oder Fast-Beziehungen so waren. Da sagte sie etwas, was mir bis heute noch im Kopf blieb: »Irgendwie verliebe ich mich immer in die bisschen kaputten Typen. Die, die sagen, sie seien noch nie verliebt gewesen oder die, die noch nie ne Beziehung hatten.« Ich wusste in diesem Moment nicht, wie ich das einordnen sollte. Eigentlich wollte ich das als klaren ‚Hinweis‘ interpretieren. Vor zwei Wochen hatte ich ihr genau das über mich erzählt. Das konnte kein Zufall sein. Aber das war nicht die einzige Sache. Ein anderes Mal erzählte ich ihr, dass ich wieder mit Sport angefangen hatte, um ein bisschen abzunehmen und mich wieder fitter zu fühlen. »Viel dünner als jetzt darfst du aber nicht mehr werden« lachte sie. »Wieso denn das?« fragte sie. »Ich mag das nicht wenn Leute so durchtrainiert sind. Ich finde das viel schöner, wenn Menschen weich und gemütlich sind. Und du siehst auch gut aus, wie du bist« sagte sie mit einem lächeln. Selbst mit den größten Selbstzweifeln und dem größten Pessimismus, konnte ich das nicht negativ auslegen. Wieso sollte man so etwas sagen, wenn man nicht wirklich Interesse an jemandem hatte? Ich hätte es nie für möglich gehalten, aber ich war wirklich davon überzeugt, dass alles gut laufen würde und vielleicht ja sogar gut ausgehen würde.
Irgendwann machten wir wieder den Nickelback-Running-Gag und dabei kam mir wieder eine ausgezeichnete Idee: Ich hatte die Idee, ihr ein Geschenk zu machen, denn wer bekommt nicht gerne Geschenke? Eine Kleinigkeit, nichts zu großes und das Allerwichtigste — es durfte nicht zu ernst interpretiert werden können. Denn wenn ich damit so richtig ins Klo greifen würde, musste ich mich ja irgendwie rausreden können. Und nichts eignet sich dafür besser, als eine Nickelback CD. Ich bestellte sie direkt online (auch, damit mich beim Kauf niemand sehen kann) und feierte meinen unglaublichen Plan. Als die CD dann endlich ankam, dachte ich mir aber, dass ich es keinem Menschen auf dieser Welt antun kann, nur eine Nickelback CD zu verschenken, also legte ich eine Simon & Garfunkel CD dazu, die ich noch Zuhause hatte, denn Eileen liebte Simon & Garfunkel. In meinem Kopf schien es das perfekte Geschenk zu sein. Es war etwas, das uns miteinander verband. Etwas, das wir beide mochten, aber ich konnte das ganze immer noch als einen etwas größer aufgezogenen Joke abtun. Nun musste ich abwarten, bis ich Eileen das nächste mal traf und sich dann auch noch der richtige Zeitpunkt ergab, ihr das Geschenk zu geben. Eigentlich sieht man das ja als zu kitschig an, anderen Leuten etwas zu schenken, aber ich mochte das schon immer. Ich mag es, dass man sich Gedanken darüber macht, was man schenken könnte. Schon allein das ist ein so großes Zeichen der Wertschätzung, dass es den Inhalt des Geschenkes eigentlich gleichgültig macht. Und selbst wenn man sich keine großartigen Gedanken macht, sondern einfach im vorbeigehen etwas kauft, zeigt es schon, dass man an die andere Person gedacht hat.
Ich machte mir wirklich viele Gedanken darüber, fast schon zu viele. Dabei merkte ich aber eines. Ich hatte wirklich Gefühle für Eileen. Jetzt war es endgültig ernst geworden. Ich wollte mich eigentlich auf niemanden einlassen und mich auf keinen Fall von irgendjemand abhängig machen. Aber selbst, wenn sie davon nichts wusste, war ich dennoch von ihr abhängig und auch von mir selbst, denn zu alldem kam wieder eine gigantische Welle von Selbstzweifeln, denen ich mich diesmal nicht komplett verweigern konnte. Ich versuchte sie zu verdrängen, doch es funktionierte nicht. Mit jedem Tag wuchsen sie mehr an und da das noch nicht genug war, kamen Verlustängste dazu, obwohl ich noch nicht einmal etwas hatte, was ich verlieren konnte. Aber nun gab es kein zurück mehr. Ich musste irgendwie versuchen die Zweifel und Ängste zu verdrängen, denn alles andere würde die Situation nur noch schlimmer machen. Ich war noch nie wirklich gut darin, meine eigenen Gefühle nachzuvollziehen und in diesem Moment verstand ich jeden Menschen auf der Welt besser als mich selbst. Denn eigentlich war alles gut, ich konnte vor mir selbst nicht rational begründen, dass es mit Eileen schlecht lief, sie mich nicht mochte oder sonst etwas. Trotzdem gingen dieses Gefühl und die Selbstzweifel nicht weg.
Die Semesterferien waren zu Ende. Es war nun knapp zweieinhalb Monate her, dass ich Eileen eines Morgens in der Uni traf, aber es fühlte sich unendlich länger an. Die Selbstzweifel und dieses komische Gefühl waren immer noch da. Nun aber schien ich immer mehr zu bemerken, das etwas dieses komische Gefühl bestätigte. Irgendetwas war anders, ich wusste nicht was und ich wusste auch nicht wieso. In der Art und Weiße, wie wir miteinander redeten und über was wir redeten. Ich versuchte mir immer wieder klarzumachen, dass mir das wahrscheinlich nur so vorkommt, dass ich überinterpretiere. Aber ich konnte dieses komische Gefühl einfach nie unterdrücken. Also machte ich mir wieder einen meiner absolut großartigen Masterpläne. Ich wollte sie zu einer unserer ‚berühmten‘ Hauspartys einladen.
Dazu muss ich erzählen, dass ich vom Dorf komme. Und wie jeder weiß, kann man auf dem Dorf nicht gerade viel machen, es sei denn man war Skater oder Kiffer, aber wenn man Kiffer war, hat man auch nicht viel gemacht und fürs Skaten war ich einfach schon immer zu scheiße. Wenn man dann mal in das Alter kam, in dem man dem Hedonismus offiziell und legal frönen durfte, gab es eine Auswahl an circa zweieinhalb Dorfdiskos, die alle einfach absolut abgeranzte Dreckslöcher waren. Früher, als wir es noch nicht besser wussten, besuchten meine Freunde und ich ab und zu einige dieser Etablissements. Da wir fast alle eigentlich nie wirklich Kohle hatten, um uns dort etwas zu leisten, tranken wir natürlich immer vor, am besten direkt mit Schnaps, denn man muss ja sparen. Wir tranken entweder bei Freunden oder direkt auf dem nächsten REWE Parkplatz vor, zwischen kaputten Bierflaschen und Müllcontainern, 200 Meter von der Dorfdisko entfernt. Aber irgendwann gingen wir dazu über, einfach den ganzen Abend vorzutrinken. Natürlich dann nicht mehr auf Parkplätzen, sondern bei Freunden Zuhause. Irgendwann kamen wir auf die Idee, das ganze einfach Hausparty zu nennen. Diese veranstalteten wir so knapp einmal im Monat, manchmal auch seltener. Und die nächste stand in einer Woche an. Und nun zurück zu meinem Masterplan: Ich könnte Eileen ja einfach dazu einladen! Vor zweieinhalb Monaten wäre das absolut undenkbar gewesen. Zum einen natürlich, weil ich da Eileen noch nicht kannte, zum anderen weil es mir völlig absurd erschien so etwas risikoreiches zu tun. Diese Einladung sollte mir nun auch die letzte Sicherheit geben, ob das komische Gefühl gerechtfertigt war oder ob es doch nur wieder eine Ausformung meiner Ängste war. Denn wenn sie die Einladung ablehnen würde, wäre die Sache klar gewesen. Ich war ähnlich nervös, wie damals als ich wegen dem Turbostaatkonzert nachfragte. Ich tippte mit einem Herzklopfen, was eher Paukenschlägen glich, etwas in mein Handy ein, schickte es ab und wartete wieder. Die drei Minuten bis zur Antwort war ich ein nervliches Wrack. »Ich weiß noch nicht genau, ob ich an diesem Wochenende Zeit habe, aber ich würde mich riesig freuen« schrieb sie. Nun gut. Das war ja schon mal kein ‚Nein‘ und auf jeden Fall besser als ein ‚Nein‘, aber eben doch kein ‚Ja‘.
Die Tage flogen vorbei, aber ich bekam noch keine Antwort. Die CDs waren inzwischen angekommen und ich war mir nicht mehr sicher, ob das wirklich eine gute Idee war. Mittlerweile kam es mir ziemlich dumm vor. Ich fragte Emily, was sie davon hielt, aber sie hielt es für eine gute Idee. Die Uni begann wieder und mittlerweile war der Sommer da. Alle Menschen, wohin man auch sah, trugen schöne Kleidung und sahen wunderbar darin aus. Die Sonne erreichte jeden Winkel der Straßen und der Lärm des Sommers war zu hören: Menschen auf Rädern, Vögel, Autos, Lachen, Musik und Schritte auf dem warmen Asphalt. Wir sahen uns nun wieder öfter, aber ich fand nie wirklich Gelegenheit Eileen das Geschenk zu geben, weil wir uns entweder nur kurz sahen oder viele andere Leute dabei waren. Je länger ich es hinauszögerte, desto unsicherer wurde ich mir auch. Dann kam der Tag, an dem das komische Gefühl bestätigt wurde. Eileen sagte mir ab.
Ich versuchte noch verzweifelt mich selbst irgendwie zu beruhigen, aber es war nicht mehr möglich und auch nicht mehr nötig. Mein Gefühl sagte mir, dass das alles so langsam zu Ende ging, bevor es wirklich begann. Draußen schien die Sonne und es wirkte fast schon zynisch. Vielleicht wirkt es nun beim Lesen als Überreaktion und -interpretation. Ich weiß auch nicht mehr, was ich genau in diesem Moment dachte, aber für mich war alles völlig klar. Es waren viele kleine Dinge, die man nicht genau benennen kann und die man einzeln auch nicht wirklich wahrnimmt. Zusammen aber ergaben sie Sinn und ließen Ängste und Befürchtungen wahr werden. Alles fühlte sich einfach distanzierter und komisch an. In solchen Momenten habe ich die schlechte Eigenschaft, die ich bisher erstaunlich lange unterdrückt hatte, mich völlig zu isolieren. Vielleicht wollte ich auch einfach, dass alles distanzierter war. Mein Gefühl sagte mir, dass es nun an der Zeit war, es gut sein zu lassen und zu versuchen weiter zu gehen. Ich hatte nun absolut nicht mehr das Gefühl, dass Eileen etwas für mich empfand. Ich kam mir fremd vor, ich kam mir fremd vor bei dem Gedanken, das ernsthaft in Erwägung gezogen zu haben.
Nur hatte ich noch das Geschenk, was ich seit zwei Wochen in meiner Tasche herumumgetragen hatte. Was sollte ich damit jetzt anfangen? Behalten wollte ich es auf keinen Fall. Zum einen, weil es mich dann für immer an Eileen erinnern würde, zum anderen wollte ich einfach keine Nickelback CD besitzen. Zum wegwerfen fand ich das auch zu schade. Also war die einzige Lösung, die sich in meinem Kopf auftat, es durchzuziehen und ihr es trotzdem zu schenken. Vielleicht machte ich ihr wenigstens dann noch eine Freude damit. Ein paar Tage später traf ich sie, ich hatte schon fast vergessen, was ich vorhatte, aber im letzten Moment, in der Straßenbahn, fiel es mir wieder ein. »Ach, warte. Bevor ich es wieder vergesse« sagte ich und griff in meine Tasche. Ich zog ein kleines, raschelndes, silbernes Paket heraus. Ich hatte es in Alufolie eingepackt, da ich Zuhause kein schönes Geschenkpapier hatte und ich dachte in Geschenkpapier würde es viel zu ernst rüber kommen. »Was ist das?« fragte Eileen. »Ein kleines Geschenk« antwortete ich. »Oh, was? Wofür denn?« – »Na einfach so. Ist jetzt auch nichts großes und nimm es auch nicht zu ernst« antwortete ich. In diesem Moment hielt die Straßenbahn und wir stiegen aus. Sie öffnete es nicht und einen Augenblick später verabschiedeten wir uns und machten uns auf den Weg zu unseren Zügen. Ich saß im Zug und schaute alle zwei Minuten auf mein Handy. Meine Gedanken rasten und ich konnte an nichts anderes mehr denken. Als ich Zuhause ankam, bekam ich endlich eine Antwort. Ihr gefiel das Geschenk und sie musste darüber lachen. Trotzdem änderte sich an der Distanz nichts. Wir führten immer oberflächlichere Gespräche und immer weniger Gespräche an sich. Ich schrieb weniger, antwortete oft kurz angebunden. Ich hasste diese Eigenschaft an mir so sehr, doch selbst wenn ich es ändern wollte, ging es nicht. Es war so, als könnte ich nur noch so mit Eileen sprechen. Irgendwie war alles verloren gegangen, was so gut funktionierte, was alles zwischen uns ausmachte. Ich fühlte mich auch schuldig. Denn nun war ich derjenige, der sich plötzlich komisch verhielt, ohne einen wirklichen offensichtlichen Grund. Ich ging hunderte Male in Gedanken durch, was alles bisher geschah, wie es lief und wo ich vielleicht etwas falsch gemacht hatte. Ich fand aber nie eine Antwort.
Dann fasste ich einen Entschluss. Ich war doch ein erwachsener Mensch, oder? Da kann man die Dinge auch ernsthaft und ganz rational angehen, dachte ich mir. Der neuste Plan war also, einfach mit Eileen darüber zu reden. Denn vielleicht waren meine Zweifel doch unbegründet und ich überinterpretierte alles. Eine Woche verging, bis ich sie wieder traf. »Hast du kurz Zeit, ich möchte mal mit dir reden« sagte ich. »Klar, was ist denn?« fragte sie. Wir liefen ein Stück und blieben dann auf der gleichen Treppe stehen, an der wir das Bier tranken. Es war Abends und die Sonne war schon hinter den Gebäuden verschwunden. Es war immer noch warm, aber die Menschen waren lange von den Straßen verschwunden. Nur einige letzte Gestalten schlichen sich aus der Uni-Bibliothek heraus, um nach einem langen Tag voller Zeitdruck endlich nach Hause zu gehen. Mein Herz klopfte mir bis zum Hals. Es war ein absurdes Gefühl, zu wissen, dass man gleich ein Gespräch führen würde, was alles ändern wird, das mit diesem Menschen zu tun hat. Ich schluckte ein paar mal, um überhaupt einen Ton heraus zu bekommen. »Irgendwie ist das in letzter Zeit so komisch zwischen uns« sagte ich. »Findest du?« – »Ja, ich habe irgendwie das Gefühl, dass ich dir auf die Nerven gehe und dir irgendwie zu viel schreibe und zu viel mit dir rede« sagte ich und versuchte ihren Blicken auszuweichen. »Quatsch. Das stimmt nicht. Ich schreibe und rede wirklich gerne mit dir und zu viel war es auch nicht« sagte sie und lächelte dabei. »Ja, da ist aber noch etwas anderes. Ich will ehrlich zu dir sein und ich glaube ich bin dir das auch schuldig« Ich sah ihr direkt in die Augen. Ich könnte jetzt an dieser Stelle mit irgendwelchen billigen Ozean-Vergleichen daherkommen. Aber nein, das reicht nicht. Das Grau ihrer Iris war das tiefste, was ich je gesehen hatte. Wie die Unendlichkeit des Universums strahlte es mir entgegen. »Ich will mehr als eine Freundschaft und ich habe Gefühle für dich. Aber ich habe so das Gefühl, dass du das nicht für mich hast. Deswegen war ich in letzter Zeit auch so abweisend« sagte ich mit zitternder Stimme. Eileen sagte nichts. »Ich mag dich wirklich. Du bist ein wunderbarer Mensch, aber irgendwie passt das für mich einfach nicht« sagte sie und sah in die Ferne. »Es war schön mit dir über die ganze Musik und das Leben zu reden« fuhr sie fort. Ich schwieg. »Ich weiß nicht, ich würde gerne mit dir befreundet bleiben, aber du brauchst jetzt wahrscheinlich Zeit für dich, oder?« fragte sie. »Ja« – »Okay. Pass auf dich auf« sagte sie und stand auf. »Mach ich. Du auch« antworte ich ihr. Das waren die letzten Worte, die ich mit ihr wechselte. Sie stieg die Treppen hinab. Die Sonne war hinter dem Horizont verschwunden und die Dunkelheit stand kurz bevor. Auf den Straßen war niemand mehr zu sehen. Eileen war auch schon verschwunden. Es war, als würde ich mich selbst beobachten, wie ich dort auf der Treppe saß und ins Nichts starrte. Meine Gedanken drehten sich im Kreis und kamen zu keinem Schluss. Ich stand auf, fluchte in mich hinein und fuhr nach Hause.

Teil 2: Das Ende vom Anfang

Ich weiß nicht mehr ganz genau, was ich tat, als ich nach Hause kam. Ich fühlte nur eine innere Leere und Taubheit. So sehr ich diesen Ausgang auch erwartet hatte, so sehr traf er mich dennoch. Ich öffnete eine Flasche Wein und nahm einen großen Schluck daraus. Ich musste irgendetwas tun, um mich abzulenken. Ich nahm noch einen Schluck und machte das erstbeste Album an, was ich beim öffnen meines Laptops zu Gesicht bekam. Es war das neuste Turbostaat Album. Noch ein Schluck. Ich hatte das Gefühl, dass es ein wenig besser wurde. Die Taubheit und die Leere wurden ein bisschen weniger. Die Flasche war nun schon halb leer. Ich versuchte nicht darüber nachzudenken, was gerade geschehen war, doch so wirklich schaffte ich es nicht. Ich ging die Situation ein paar mal durch. Ich ging alles durch, von Anfang an. Und je mehr ich darüber nachdachte, desto weniger verstand ich es. Ich verstand nicht einmal, was ich nicht verstand. Das Album spielte weiter und ich dachte darüber nach, dass ich mit ihr beim Konzert hätte sein können. Vielleicht war das schon damals der Punkt gewesen, an dem ich besser hätte aufhören sollen. Ich nahm noch einen Schluck. Nun hatte ich wirklich das Gefühl, die innere Leere sei verschwunden. Die Taubheit war ebenfalls weg. Da brach es einfach so aus mir raus. Wahrscheinlich ist das ein bisschen zu viel und eins dieser Dinge, die man nicht gerne erzählt. Aber für diese Geschichte ist es wichtig. Und was solls, ich habe bereits schon so viel erzählt. Ich fing an zu weinen, wie ich noch nie geweint hatte. Es war eigentlich auch kein stilles weinen, sondern eher ein ‚Rotz und Wasser heulen‘. Nicht einmal bei den Beerdigungen von Familienmitgliedern, als Bambis Mutter starb, als E.T. endlich wieder nach Hause fand oder als David Hasselhoff Spongebob rettete, hatte ich so geweint. Ich hatte nicht auf die Uhr gesehen, aber wahrscheinlich waren es schon so fünfundvierzig Minuten. Man sagt ja immer so, dass weinen einen befreit und manchmal stimmt es nicht, aber danach fühlte ich mich wirklich ein wenig befreiter. Ich leerte die Flasche Wein und ging schlafen.
In den nächsten Tagen kehrte die Taubheit zurück. Ich weiß nicht mehr wirklich, wie ich die Zeit herumbekommen habe, aber wahrscheinlich lag ich den ganzen Tag auf der Couch und rauchte viel. Dann kam am Wochenende die Hausparty, zu der ich Eileen eingeladen hatte. Eigentlich war ich überhaupt nicht in Stimmung dazu und wollte mich am liebsten in meinem Zimmer vergraben und nie wieder rauskommen. Aber ich hätte ein schlechtes Gewissen bekommen, wenn ich abgesagt hätte, außerdem war ich um die Ablenkung auch ein bisschen froh. Die erste Hälfte verlief gut, ich bekam die Ablenkung die ich wollte, trank ein wenig, aber nicht zu viel, weil ich die Befürchtung hatte nach mehr als zwei Gläsern wieder mit heulen anzufangen. Dann aber sprang die Playlist, die wir am laufen hatten, zum nächsten Song. Es war ‚Gangsta’s Paradise‘ und ich dachte sofort »Man, da muss ich sofort mitsingen, das aufnehmen und Eileen schicken«. Fuck. Das war einmal. Aber jetzt war das zu Ende und ging nicht mehr. Sofort war die Ablenkung vorbei und ich konnte die Gedanken an sie nicht mehr verdrängen.
Es wurde mir zu laut, die Leute waren mir zu fröhlich, alles wurde mir zu viel. Ich stand auf und versteckte mich in der Küche, um ein Glas Wasser zu trinken. Zum Glück kam währenddessen niemand herein. Nur der Gastgeber öffnete die Tür einen Spalt, um die Hand reinzustrecken und das Licht auszuschalten. Er sah nicht hinein, und bemerkte mich nicht. Ich schaltete das Licht einfach wieder an, nachdem seine Hand wieder im Türspalt verschwand. Das Wasserglas war leer und ich stellte es in die Spüle. Langsam verließ ich die Küche, in der Hoffnung, dass gerade niemand im Flur war. Es war niemand da, also nahm ich schnell meinen Tabak und schlich mich nach unten. Ich drehte mir eine Zigarette und starrte in die Ferne. Meine Gedanken rasten wieder. Als ich zur Hälfte fertig war, hörte ich Schritte auf der Treppe. Ich seufzte, denn eigentlich wollte ich allein sein. Vier, Fünf Leute kamen nach draußen, um ebenfalls zu rauchen. Ein Freund fragte: »Was ist denn los? Du warst auf einmal verschwunden.« Ich versicherte ihm, dass nichts los war und ich nur eine rauchen wollte. So ganz kaufte er es mir nicht ab, aber lies mich dann in Ruhe. Emily war an diesem Abend auch dabei. Ich hatte ihr erzählt, dass ich etwas für Eileen empfand und sie wusste auch davon, dass ich mit Eileen ein letztes Mal gesprochen hatte, aber nicht wie es ausgegangen war. Sie sah mir kurz in die Augen und wusste direkt, was Phase war. Sie setzte sich neben mich, alle steckten sich noch eine Kippe an und redeten. Ich schwieg.
So langsam gingen die anderen wieder rein, doch Emily blieb noch draußen. »Was ist denn jetzt passiert? Los erzähl mal« sagte sie zu mir, als auch der Letzte wieder nach drinnen verschwunden war und wir alleine waren. Ich erzählte ihr alles, Wort für Wort. Gerade als ich fertig war, kamen andere Leute nach unten, zum rauchen. Wir gingen nach oben und setzten uns etwas abseits von den anderen hin. Emily fing an mit mir darüber zu reden. Endlich. Es tat unendlich gut. Wir redeten ungefähr eine Stunde darüber, ohne dass uns jemand störte. Dann musste Emily nach Hause, ich blieb noch ein bisschen. »Was war den los heute Abend? Du warst so komisch« fragte der Freund noch einmal. Ich log ihn an und versicherte ihm noch einmal, dass alles in Ordnung war. Dann fuhr ich mit dem Rad nach Hause. Der kühle Wind wehte mir ins Gesicht. Auch wenn das Gespräch mit Emily gut getan hatte, wusste ich, dass das alles noch lange kein Ende hatte.
Ich versuchte alles hinter mir zu lassen und weiter zu gehen. Meistens badete ich noch ein wenig in Selbstmitleid, aber diesmal wollte ich es nicht. Ich wollte davon loskommen, weitermachen. Die nächsten Tage funktionierte es ganz gut. Irgendwie hatte ich es ja kommen sehen, weshalb es keine Überraschung mehr gewesen war. Der Sommer war nun so wirklich richtig zum ersten Mal da. Es war heiß draußen, die Sonne schien ununterbrochen und alle Leute waren irgendwie draußen und hatten Spaß. Ich versuchte den Sommer auch bei mir ankommen zu lassen, aber mit jedem Tag lief es schlechter. Morgens wachte ich auf und sah reflexartig auf mein Handy, um zu sehen, ob Eileen geschrieben hatte. Abends wollte ich ihr manchmal reflexartig eine gute Nacht wünschen. Im zweiten Augenblick realisierte ich dann immer, dass diese Zeiten nun vorüber waren. Ich hatte es versucht zu verdrängen und nun schaffte ich es nicht mehr.
Die Zeit verging und es wurde nicht einfacher. Musik konnte ich nicht hören, ohne an Eileen zu denken und alles, was ich tat um mich abzulenken, zeigte keine Wirkung. Ich verstand es einfach nicht, wieso es mir so schwer fiel alles hinter mir zu lassen. Ich traf Emily wieder. »Wie geht’s dir?« fragte sie mich. »Ach, geht so« antwortete ich und drehte mir eine Zigarette. »Wieso? Was ist los?« – »Das mit Eileen. Das wird einfach nicht besser« sagte ich. Sie ließ ein »hm« von sich und schwieg dann kurz. »Ich weiß auch nicht. Vielleicht müssen wir einfach mal raus, damit du jemand neuen kennen lernst. Ich kann deine Wingwoman sein« lachte sie. »Ne, das funktioniert bei mir nicht. Wenn ich nicht von ihr los komm, dann kommt da sowieso nichts bei raus« antwortete ich. Ich zündete meine Zigarette an, nahm einen Zug und gab Emily das Feuerzeug. »Wieso ist das denn so schwer?« fragte sie mich und sah mich dabei an. »Was?« – »Na das mit Eileen« sagte sie. Ich nahm noch einen Zug. »Ich weiß es doch auch nicht. Alles was ich versuche, um mich abzulenken geht schief und macht es noch schlimmer. Wenn ich versuche Filme zu schauen, muss ich an sie denken, weil irgendjemand mich im Film an sie erinnert oder ich denke, dass der Film ihr gefallen könnte. Wenn ich Musik höre, kenne ich die über sie, will sie ihr zeigen oder hab sie ihr gezeigt« sagte ich und seufzte. So schön es gewesen war, dass Eileen und ich sich so gut durch Musik verstanden haben, so unerträglich war es geworden. »Ich hatte so ein gutes Gefühl« erzählte ich weiter. Und dann kam mir die Erleuchtung. »Hm, weißt du, vielleicht war es ja genau das. Ich war lange so überzeugt, dass es was werden könnte. Ich hoffte nicht nur, ich dachte ich wüsste es. Und es sah auch wirklich so aus. Die Dinge, die sie zu mir gesagt hat, sagt man nicht zu Leuten, mit denen man befreundet sein will. Und das was ich dir erzählt habe, war ja nicht einmal alles. Wir haben noch über so viele andere Dinge geredet. So viele persönliche Dinge.« Meine Zigarette war inzwischen ausgegangen und ich musste sie erneut anzünden. »Ich versteh es einfach nicht, wie man sowas sagen kann und es dann aber anders meint. Aber ich kann ihr ja auch nicht böse sein. Das war ja nicht aus Bosheit. Und ich weiß auch, dass sie mir natürlich nichts schuldig ist. Niemand von uns ist da zu irgendetwas verpflichtet. Aber ich hatte einfach das Gefühl, dass es wirklich funktionieren würde« sagte ich. »Ich weiß einfach nicht, was los ist. Es gab schon viele Menschen vor Eileen und bei ein paar davon lief auch wesentlich mehr, als mit Eileen. Aber nur hier fällt es mir so unendlich schwer. Unendlich schwer das zu vergessen, mich damit zu arrangieren, es zu verdrängen, irgendwie klarzukommen. Der berühmte Kryptonitmensch — so wie es aussieht habe ich ihn jetzt gefunden« sprach ich weiter. Wir schwiegen beide wieder. »Eileen meinte letztens überrascht zu mir, dass du das mit der ‚Zeit für dich‘ ja wirklich durchziehst und dich gar nicht mehr bei ihr meldest« sagte Emily nach einer Weile. Ich antwortete nur ein »Hm«. Wir rauchten noch ein, zwei Zigaretten und verabschiedeten uns dann.
Ich hatte wirklich das Gefühl, etwas gelernt zu haben. Obwohl ich nun wusste, was ich nicht verstand und wieso es mir wahrscheinlich so schwer fiel, änderte es nichts. In meinem Kopf war das, was wir erlebt hätten die beste Beziehung aller Zeiten. Es war eine utopische Vorstellung, wie sie nur ein »Was-wäre-wenn« Gedanke hervorbringen kann. Innerhalb von Sekunden erlebten wir die unfassbarsten Dinge, beobachteten die Sterne, hörten die besten Platten die je produziert wurden, sahen uns an während wir einschliefen, tanzten. Dann aber, war der Gedanke zu Ende und ich konnte nicht mehr verdrängen, dass es nur ein Gedanke gewesen war und immer einer bleiben wird. Wenn man in einer Beziehung war und diese zu Ende geht, hat man viele Sachen erlebt. Gute und schlechte, schöne und traurige. Welche, an die man gerne zurück denkt und welche, die man vergessen will. Aber wir hatten nichts erlebt. Es war zu Ende, bevor es überhaupt begonnen hatte. Wir hatten nichts, woran wir zurückdenken könnten. Nur die Vorstellung davon, wie es hätte sein können. Wir hätten zusammen unsere Jugend ändern können. Mit ihr wäre ich nicht zum sterben hier geblieben. Wir wären an Orte gefahren, an denen es Musik gab und an denen wir gelacht hätten. Wir wären unseren Ängsten entflohen. Ich hatte während des Frühlings dieses eine Gefühl gehabt, dass das dieser eine Sommer wird, den man nie vergisst, der über den man noch in zwanzig Jahren Geschichten erzählt und sich an zukünftigen warmen Sommernächten daran erinnert und mit einem warmen Gefühl in der Brust darüber nachdenkt. Seit wir zum letzten mal auf der Treppe miteinander gesprochen hatten, waren vier Monate vergangen. Der Sommer neigte sich dem Ende zu, die Nächte wurden kalt und die Tage bewölkter. Aber es war nicht dieser eine Sommer, sondern es war der Sommer, auf den man immer mit einem traurigen, melancholischen Gefühl zurückblickt und sich fragt, wie er gewesen wäre, wenn nur eine Sache anders verlaufen wäre. Manchmal wünschte ich, das Musikerimage wäre wirklich echt gewesen. Dann wäre ich jetzt in einer coolen Indieband oder wäre Singer/Songwriter und würde traurige Liebeslieder über Eileen schreiben. Vielleicht hätte das alles auch einfach funktioniert, weil man als echter Musiker natürlich cooler ist, als nur ein Typ mit Musikerimage.
Vielleicht aber war das Musikerimage doch ein wenig echt. Während ich euch das hier euch so erzähle und aufschreibe, stelle ich in meinem Kopf wieder ein Mixtape zusammen, so wie ich es damals ganz unbewusst tat. Ich fände es zu schade, sie niemandem zu zeigen:

1. Come On Eileen – Dexy’s Midnight Runners
2. Baby Driver – Simon & Garfunkel
3. Gangsta’s Paradise – Coolio, L.V.
4. Dreaming Of You – The Coral
5. Lola – The Kinks
6. Down By The River – Milky Chance
7. My Silver Lining – First Aid Kit
8. All The Pretty Girls – Kaleo
9. Crystalised – The XX
10. Hey Ya! – The Blanks
11. A Long Time Ago – First Aid Kit
12. Friend of a Friend – Weezer

Der Sommer neigte sich dem Ende zu und die nächsten Semesterferien hatten begonnen. Ich traf Emily morgens, an einem der letzten Sommertage am Bahnhof. Wir rauchten zusammen und fuhren dann zur Uni in die Bibliothek, um an unseren Hausarbeiten zu schreiben. Die meiste Zeit verbrachten wir damit zu jammern und Panik zu bekommen. Die Pausen waren lang und der Tabakkonsum hoch. Emily schaute auf ihr Handy und sagte dann: »Eileen kommt heute auch vorbei.« Mein Herz rutschte mir in die Hose. Ich hatte Eileen seit dem Tag auf der Treppe nicht mehr gesehen und seither auch nicht mehr mit ihr gesprochen. »Was machst du jetzt?« fragte mich Emily. Ich wusste es nicht, eigentlich wollte ich regelrecht flüchten und der Situation aus dem Weg gehen. »Ich bleib hier« hörte ich mich dann aber selbst sagen. Ich wollte mir nicht eingestehen, dass mir das alles zu viel ist. Vielleicht würde es dann aber auch einfacher werden, wenn ich sie mal wieder sehen würde, dachte ich mir.
Wir saßen eine Weile in der Bibliothek und ich blickte dauernd auf die Tür. Bei jedem Geräusch schreckte ich hoch und schaute, ob es Eileen war. Mir war kotzübel, schlimmer als vor jeder Prüfung. Dann ging die Tür auf und Eileen kam rein. Es war eine absurde Situation. Ich schaffte es nur ein »Hallo« vor mich hin zu nuscheln. Es war, als würde meine Stimme versagen. Sie sah mich kurz an, wechselte dann ein paar Worte mit Emily, nahm ein paar Sachen vom Tisch und ging wieder. Ich weiß nicht mehr genau, was sie und Emily sagten. Es vergingen Minuten, die mir wie eine halbe Ewigkeit vorkamen. Dann tauchte sie wieder auf und redete erneut kurz mit Emily. Unsere Blicke trafen sich und wir sahen uns einige Sekunden direkt in die Augen. Da wusste ich, dass sich nichts geändert hatte. Sie sagte zu Emily, dass sie nun alles erledigt hatte, verabschiedete sich und ging. Meine Gedanken rasten wieder. Ich konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Nichts schien sich geändert zu haben und alle bisherigen Gedanken versammelten sich wieder in meinem Kopf. Nachdem ich noch versuchte weiter zu arbeiten, gab ich es irgendwann auf und verabschiedete mich von Emily. »Alles in Ordnung?« fragte sie mich noch im gehen. »Ja, alles in Ordnung« log ich sie an und ging. Ich lief zu meinem Plattenladen, in dem ich immer einkaufte. Vielleicht würde es mir gut tun, neue Musik zu kaufen, die ich nicht kannte. Vielleicht würde das ja ablenken, wenigstens für den restlichen Tag. Der Verkäufer begrüßte mich wie immer mit einem stillen Nicken und sortierte weiter Platten oder hörte frisch gekaufte Second-Hand-Ware Probe. Ich sah die Platten durch irgendwann stieß ich auf »Bridge Over Troubled Water« von Simon & Garfunkel für einen Spottpreis. »Die könnte ich ja mitnehmen und Eileen schenken« dachte ich im ersten Moment.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.