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Der Galerist

Dieser Text erschien zum ersten mal am 04.03.14.

1.

»Dich stört es wirklich nicht, dass wir einen kleinen Umweg fahren?« fragte der Freund. »Nein, natürlich nicht! Ich hab Zeit« antwortete die Freundin und machte es sich dabei auf dem Beifahrersitz gemütlicher. Sie bogen in eine kleine Gasse ein. Sie bestand aus Pflastersteinen, sodass das Auto ein klein wenig holperte. Sie konnten sich nur langsam fortbewegen, da die Gasse sehr eng war und der Freund aufpassen musste, dass er mit dem Spiegel an einer Wand oder einer Regenrinne kratzte. Die Gasse wurde etwas breiter und nun war auch ein Gehweg vorhanden, auf den der Freund mit zwei Reifen fuhr. Sie waren an ihrem Zwischenstop angekommen. »Willst du hier unten warten?« fragte der Freund. »Ich kann mitkommen, wenn du willst. Oder hier warten. Wie du willst« antwortete die Freundin. »Na du kannst mitkommen. Dann lernst du ihn auch mal kennen« sagte er. Dann stiegen beide aus. Der Freund ging an den Kofferraum und holte ein kleines, in braunes Papier eingewickeltes und mit braunem Garn zusammengeschnürtem Päckchen, dass für seine Größe recht schwer zu sein schien. Er schlug die Tür des Kofferraum zu und deutete auf eine blaue Holztür eines älteren Hauses, einige Meter hinter ihrem Auto. »Hier lang« sagte er. Ohne weitere Worte zu verlieren gingen sie zur Tür, der Freund klingelte und einige Sekunden später hörte man das Summen des Türöffners. Als er sie öffnete gab sie ein lautes Knacken von sich.

Nach oben führte sie eine alte Holztreppe, deren Stufen waren schon lange abgetreten waren. Der Lack und die dunkelbraune Farbe waren nur noch an den seitlichen Rändern der Stufen zu sehen, dort wo niemand seine Füße hinsetzte. Das Treppengeländer war in dem gleichen Braun, wie die Ränder der Stufen gestrichen. Es war kunstvoll geschnitzt, mit einem großen Knauf am untersten Pfosten. Die einzelnen Stangen waren übersät mit kunstvollen Schnitzereien, wie Mustern, Ranken und dergleichen. Das Knarzen der einzelnen Stufen verriet, dass die Treppe, genau wie das Haus schon uralt waren. Während dem Weg nach oben kamen sie an einigen Türen vorbei. Allesamt schienen so alt zu sein, wie der Rest in diesem Gebäude. Wenn man hier so unterwegs war, fühlte man sich gleich mehr als hundert Jahre zurückversetzt. Hinter jeder Ecke erwartet man Gaslampen an den Wänden, Bedienstete, die gerade das Treppenhaus säubern, Herren in Anzügen mit Hüten, die sich gerade auf den Weg zur Arbeit machen. Allerdings war keines dieser Dinge hinter der Ecke. Sie gelangten schließlich ganz oben, an der letzten Tür an. Eine alte Holztür, die ein bisschen ramponierter aussah, als die anderen Türen, die sie auf dem Weg nach oben gesehen hatten. Der Freund ging voraus und klopfte fest an der Tür.

Es vergingen mehr als ein paar Sekunden, bis ein Schlüssel umgedreht wurde und die Tür aufging. Ein Mann stand dahinter. Er hatte eine schwarze Hose an, die voller bunter Flecken war, dazu trug er ein weißes Hemd, welches ebenfalls mit bunten Flecken übersät war.
»Ach Hallo, da bist du ja!« sagte der Galerist. »Und du hast sogar jemanden mitgebracht! Wunderbar«
»Ja hallo, das ist eine Freundin« sagte der Freund. Sie nickte dem Galeristen zu.
»Aber wo sind denn meine Manieren? Ich lasse euch hier draußen in diesem grauen Treppenhaus stehen! Kommt doch erst einmal rein« rief der Galerist und gestikulierte dabei. »Willkommen in meinem Atelier und meiner Galerie!« sagte er und breitete dabei die Arme aus.
Es war eine große und geräumige Wohnung, die wohl das komplette obere Stockwerk einzunehmen schien. Die Decke war unglaublich hoch, was für so alte Gebäude typisch war. An der gegenüberliegenden Seite der Tür, durch die sie gerade gekommen waren, waren riesige Fenster, die vom Boden bis zur Decke reichten. Erst nachdem sie einige Schritte ins Zimmer gingen, fiel ihnen auf, dass das ganze Stockwerk wohl ein einziges Zimmer war. Es befanden sich einige quadratische Säulen, die die Decke stützen, aber sonst war keine einzige Wand zu sehen. Nur ein Vorhang, der einen kleinen Teil der Wohnung abtrennte konnte man erblicken. Vermutlich stand dahinter das Bett oder ähnliches. In einer weiteren Ecke befand sich eine winzige Küche. Der Rest der Wohnung war behangen mit Bildern, auf denen allerhand Dinge zu sehen waren. Direkt vor dem Fenster stand eine Staffelei mit einer Leinwand darauf. Sie war noch leer, aber die Farben standen schon fertig angemischt daneben. Der Boden bestand aus alten, dicken und schweren Brettern, auf denen sich dort wo die Staffelei stand Tropfen von Farbe befanden. An einer Wand der Wohnung standen viele, große, hölzerne Kisten. Alle verschlossen und zugenagelt, bis auf eine. Diese stand ganz vorne und fiel direkt auf. Auf den Bildern, die an der Wand hingen, waren viele verschiedene Dinge zu sehen: Meistens mehrere Menschen, in bestimmten Situationen. Auch einige Porträts waren dabei. Manche der Bilder waren düster, mit dunklen Farben gemalt, mit traurigen Gesichtern, oder in traurigen Situationen. Andere waren mit hellen Farben gemalt, in schönen Situationen mit fröhlichen Gesichtern.
»Möchtet ihr irgendetwas zu trinken? Wein vielleicht?« Fragte der Galerist und griff zu einer ungeöffneten Flasche.
»Nein, danke« lehnte der Freund ab. »Wir müssen gleich weiter. Wir sind hier nur zwischendurch vorbeigekommen«  »Ach, schade! Aber ich seh schon, dass du es dabei hast.«
Der Freund streckte ihm das Päckchen hin.
»Vielen Dank« sagte der Galerist.
»Ich habe zu danken« antwortete der Freund.
Sie verabschiedeten sich noch schnell und gingen dann wieder die Treppe runter und fuhren zu ihrem eigentlichen Ziel. Auf der Fahrt und an dem Abend redete der Freund wenig. Es schien so, als sei er mit den Gedanken weit weg.

2.

Alles fühlte sich so komisch an für den Freund. Er wusste zwar, dass es so sein wird, aber nicht, wie genau es sich anfühlen wird. Irgendwie war alles leer, aber gleichzeitig fühlte er sich leichter als zuvor. Als könnte er fliegen, fliegen wohin er wollte. Doch er wusste nicht wohin er wollte. Das war der leere Teil des Ganzen. Wie ein Schatten lag alles um ihn herum. Er wusste nicht was sich dahinter verbarg und er hatte auch nichts, womit der den Schatten vertreiben konnte. War es diesen Preis wert? Fliegen zu können, aber nicht wissen wohin man fliegen sollte? Taub und blind tastete er durch seine Welt. Umgeben von Menschen, die nicht wussten, wie es in ihm aussah und denen er nicht zu wagen versuchte es zu sagen. Leichte Leere. Das war es, was es am besten traf. Leicht, nicht im Sinne von einfach. Das war es ganz und gar nicht. Sondern eher im Sinne von nicht schwer, von einem Gefühl im Sinne von wenig Gewicht. Und leer, wie ein Loch. Wie eine Kiste, ohne Inhalt. Wie ein Glas, ohne Inhalt. Wie ein Mensch, ohne Seele. Wie eine Hand, ohne andere Hand, die darin lag. Wie zwei Arme, ohne den Körper eines anderen Menschen. Alles war komisch. Und irgendwie war niemand da, mit dem der Freund dieses komische Gefühl hätte teilen können.

Eines morgens, als der Freund viel zu früh wach wurde, obwohl er am Abend zuvor nicht geschlafen hatte, stand er vor seinem Spiegel im Badezimmer und sah sich an. Es sah nicht gut aus. Er lächelte, hatte die tiefsten Augenringe und sah überhaupt müde aus. Er ging zu seinem Kleiderschrank und zog sich an. Hunger hatte er keinen, also übersprang er das Frühstück. Der Tag zog so an ihm herüber, ohne das er groß Kenntnis davon nahm. Seit Tagen hatte er auch keine anderen Menschen mehr gesehen. Irgendwie hatte er kein Bedürfnis mehr danach. Manchmal meldete sich die Freundin, wie heute. Das Telefon klingelte.
Er nahm ab: »Hallo?«
»Hallo! Schön mal wieder deine Stimme zu hören. Was ist denn so los in letzter Zeit. Man hört kaum mehr was von dir« klagte sie.
»Nichts. Ich hab viel zu tun« antwortete er. Er versuchte sie mit dieser Antwort leichtfertig abzuwimmeln, was aber scheiterte.
Sie fragte weiter nach: »Sicher, dass nichts anderes ist? Seit wir bei dem Galeristen waren, bist du kaum wieder zu erkennen. Ich mache mir langsam ernsthaft Sorgen«
»Das musst du nicht, es ist alles in Ordnung. Ich hab wirklich viel zu tun und muss auch gleich wieder los« sagte er.
Bevor sie weiter zu Wort kommen konnte sagte er ein schnelles »Tschüss« und legte auf. Er wusste selbst nicht, wieso er das gerade getan hatte. Eigentlich passte das gar nicht zu ihm, denn es war eigentlich sehr unhöflich so etwas zu tun und erweckte erst recht den Anschein, als sei überhaupt nichts in Ordnung. Aber vielleicht kam ihm auch gerade das gelegen. Vielleicht hatte er selbst nicht den Mut alles offen zu legen und musste deshalb auf solche versteckten Mittel zurückgreifen. Das einzige, was er hoffen konnte, war, dass sie verstanden wurden und nicht zur gegenteiligen Reaktion führten.

Schlagartig war er müde. Er legte sich auf sein Sofa und sah die Decke an. Seine Augen wurden immer schwerer und plötzlich schlief er ein. Er träumte nichts. Es war mitten in der Nacht, als er aufwachte, genau so müde, wie er beim einschlafen war. Er warf sich hin und her, konnte aber trotzdem nicht wieder einschlafen. Zuerst setzte er sich auf, um ein bisschen durchzuatmen. Vielleicht würde er dann zur Ruhe kommen und könne wieder schlafen. Das alles half aber nichts. Er stand auf und öffnete das Fenster. Draußen war es stockfinster. Nur einige Straßenlaternen erhellten die Nacht. Der Wind rauschte in den Blättern. Die Sterne waren nicht zu sehen. Er wusste nicht wieviel Uhr es war. Sein Zeitgefühl war völlig verschwunden. Sowie alles um ihn herum. Es gab nichts mehr, wofür es sich lohnen würde aufzustehen. Aber es gab auch nichts, wofür es sich lohnen würde liegen zu bleiben. Eine völlige Leere. Leere, die doch irgendwie mit Traurigkeit gefüllt war. Er war so unendlich allein. Obwohl er aufgegeben hatte nicht allein zu sein, lag es trotzdem wie eine schwere Last auf ihm. Der Tag brach an und er stand immer noch am Fenster. Dann fiel er.

3.

Die Freundin wachte auf. Sie war unruhig und ihr Puls war hoch. Sie ging ins Bad, drehte den Wasserhahn auf und nahm einige Hände voll kaltem Wasser und warf sie sich ins Gesicht. Es half ein wenig, doch alles war immer noch so unruhig. Sie hatte die Nacht über nicht schlafen können, da ein Gedanke sie quälte. Die Freundin machte sich große Sorgen um den Freund und wusste nicht, was sie mit der Situation anfangen sollte. Mit ihr reden wollte er anscheinend nicht und weiter wusste sie auch nicht was sie tun sollte. Seit Wochen redeten sie kaum mit einander und manchmal war er tagelang nicht erreichbar. Zwingen konnte sie ihn zu nichts. Sie überlegte, wann es wirklich angefangen hat. Es war wirklich zu dem Zeitpunkt, als wir bei dem Galeristen waren, dachte sie. Sie konnte sich nicht erinnern, dass so etwas vorher schon aufgetreten war. Aber ja, das muss es sein, dachte sie. Sie lief sofort zu ihrem Schrank und zog sich an, lief nach unten und fuhr los.

Die Freundin konnte sich nur noch grob erinnern, wo das alte Haus stand, in dem sie waren. Es dauerte eine Weile, bis sie es schließlich gefunden hatte. Das alte Haus sah noch genau so aus, wie beim letzten Besuch. Genau so verstaubt, genau so alt. Sie stieg die Treppe hoch und klopfte. Der Galerist öffnete die Tür und schien sich bei ihrem Anblick zu freuen.
»Ah Hallo« sagte er. Dabei öffnete er die Tür ganz und machte eine einladende Bewegung mit dem Arm. Die Freundin trat ein.
»Ganz alleine hier?« fragte der Galerist. Die Freundin nickte.
»Dann sind sie also auch hier, um…« der Galerist verstummte.
»Um was?« fragte die Freundin.
»Nichts. Es erweckt den Anschein, sie sind nicht aus dem Grund hier, den ich angenommen hatte. Und wenn dies der Fall ist, dann habe ich jetzt wohl schon zu viel gesagt« antwortete der Galerist.
Er hatte dieses mal ein anderes Hemd als letztes mal an, allerdings war es genau so übersät mit Farbflecken. Nur seine Hose schien neu zu sein, da sich nur ein paar wenige Flecken darauf befanden. Zu ihrem Erstaunen hingen im kompletten Atelier beziehungsweise der Galerie andere Bilder. Keines war mehr das selbe, wie bei ihrem letzten Besuch.
»Hat es etwas mit dem Paket zu tun?« fragte die Freundin.
»Ja« antwortete er trocken.
»Sagen sie mir es. Es ist unglaublich wichtig. Ich mache mir große Sorgen um den Freund« sagte die Freundin. Sie probierte es aus einer Mischung von Besorgnis mit einem gewissen autoritären Unterton. Es schien auch zu wirken
»Er kannte das Risiko. Und jetzt ist es sowieso zu spät« sagte er.
Sie sagte nichts mehr, weil sie nicht wusste, was sie darauf antworten soll und ihm zum weiter reden aufzufordern.
»Sehen sie ich bin Maler und Galerist. Aber nicht von gewöhnlichen Bildern« Er machte eine Pause. »Ich male Träume, Erinnerungen und Illusionen.« Wieder eine Pause. »Aber nicht einfach als Bild. Ich verstaue sie, in meinen Bildern. Aber ich archiviere nicht. Ich mache Kunst. Und die Kunst bleibt ewig. Was ich einmal gemalt habe ist hinfort« sagte er.
Die Freundin verstand nicht ganz, was er damit meinte. Er sah ihr fragendes Gesicht und verstand wohl, dass sie nichts verstand.
»Sehen sie, zu mir kommen Leute, die etwas in sich tragen, was sie nicht in sich tragen möchten. Seien es Erinnerungen an schlechte Dinge, oder Träume an zukünftige Dinge, oder Illusionen, um die sie ihren Alltag aufbauen. Und wenn ich diese Dinge male, dann sind sie weg. In den Bildern und raus aus den Menschen« sagte er.
»Aber wieso sollte jemand seine Träume zunichte machen?« fragte die Freundin.
»Weil Träume oft nicht in Erfüllung gehen. Und man jeden Tag aufs neue bemerken muss, dass sie nicht in Erfüllung gehen« antwortete er.
Er ging zu der Ecke in der Galerie, in der die großen Kisten standen. Er öffnete eine verschlossene Kiste mit dem Brecheisen. Sie war randvoll mit kleinen Paketen. Es waren gut über einhundert Stück. Er kramte ein wenig drin herum und zog dann ein Paket heraus.
»Hier. Es ist von dem Freund« sagte er und übergab es ihr. »Lesen sie es, wenn sie wollen. Mehr kann ich für sie nicht tun« sagte er.
Die Freundin sagte dem Galeristen auf Wiedersehen und ging die Treppe runter. Sie war sehr verwirrt über das alles. Auf dem Weg nach Hause konnte sie über nichts anderes denken. Sie war so abwesend, dass es ihr vorkam, als würde sie als Beobachtende ihre Heimfahrt von außen beobachten. Zuhause angekommen schloss sie die Tür ab und setzte sich hin. Dann öffnete sie das Paket. Darin war ein Holzkästchen, in dem sich ein Brief befand. Sie begann zu lesen.

4.

Ich weiß nicht, ob ich jemals ankommen werde. Alles fühlt sich so an, als ob ich das muss. Ich will das. Doch alles in allem ist das nur eine Illusion, dass ich irgendwo, bei irgendwem mal ankommen werde. Dass ich zusammen mit dieser Person kapitulieren werde. Schweben werde. Ich werde ewig so bleiben wie ich jetzt bin. Ich laufe einer Illusion hinterher, die mich gleichzeitig nährt und verhungern lassen wird. Das alles soll aufhören. Es wird niemand kommen und ich werde niemanden finden. Es bleibt ein ewiges fallen, mit dem Gewissen nie aufzukommen. Ich bin allein. Ich will, dass es aufhört. Der ewige Wille nicht allein sein zu wollen, aber es dann doch zu sein. Es gibt nichts zerstörerisches auf der Welt als das. Ich muss ein kaltes Etwas werden können, um zu überleben. Alles andere frisst mich auf, bis nichts mehr übrig ist. Ich muss damit zurecht kommen, dass ich nie irgendwo ankommen werde. Dass ich immer allein bleibe. Dieser Teil muss sterben.

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