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Der dumme Poet

Dieser Text erschien erstmals am 24.10.14. 

Es ist ein Nachmittag im Herbst. Die Luft war kälter geworden, die Blätter haben schon lange ihre Farbe verloren, hingen aber noch an den Ästen der großen, alten Bäume. Der Himmel war grau und große, schwere Wolken waren überall zu sehen, wo man nur hinblicken konnte. Es war so, als sei die ganze Welt von einem Schleier aus Luft und Wasser umzogen. Ich trat ans Fenster. In meiner Wohnung war es sehr kalt und deshalb trug ich einen großen Pullover und einen Schal. Meinen Atem konnte man noch nicht sehen, aber ich schwöre, ein paar Grad weniger und man hätte es können. Ich betrachtete den grauen Himmel. Es sah so aus, als ob es bald regnen würde. Kaum hatte ich diesen Gedanken zu Ende gedacht, sah ich einen einzigen Tropfen Wasser, der auf die Scheibe gefallen war. Langsam aber zielstrebig bahnte er sich den Weg an der Scheibe hinab Richtung Boden und hinterließ eine Spur aus Wasser, deren Ende immer kleiner wurde und manchmal den Anschluss an die restliche Spur verlor, sodass sie einen eigenen winzigen Tropfen bildete. Es dauerte einige Sekunden, bis ein weiterer Tropfen die Scheibe erreichte. Auch er lief zielstrebig Richtung Boden. Jetzt fielen sogar zwei Tropfen gleichzeitig auf die Scheibe. Der zeitliche Abstand, in dem Tropfen auf die Scheibe trafen, wurde immer kürzer. Es trafen immer mehr Tropfen die Scheibe. Es hatte begonnen zu regnen. Die Scheibe war nun komplett nass und man konnte durch sie hindurch nichts mehr erkennen. Wie ein Vorhang zog sich der Regen vor der Scheibe zu und versperrte mir den Blick auf die Außenwelt. Als ob er ein Schleier der Illusion wäre, der mich hier drinnen einsperrt und den Blick auf die Außenwelt und alles was dort geschieht verwehrt. Durch manche Tropfen konnte man eine verzerrte Abbildung der Welt draußen sehen. Sie war perspektivisch völlig verzogen und stand auf dem Kopf. Vielleicht war der Regenvorhang gar kein Schleier der Illusion, sondern das genaue Gegenteil. Vielleicht verzerrte er nichts, sondern entzerrte. Wie eine Anamorphose schien die Welt zu sein und der Regen gab den richtigen Blick auf die Welt frei. Doch die Regentropfen hielten nicht still, sodass ich die entzerrte Welt nicht genauer hätte betrachten können. Immer weiter liefen sie nach unten, wie ein Fluss, wie der Sand in der Sanduhr bewegten sie sich Richtung Boden. Es gab nichts, womit ich den Prozess hätte stoppen können. Würde ich das Glas in die Waagrechte bringen, damit die Tropfen nicht mehr nach unten flossen, könnte ich nicht hindurch blicken oder würde nur den grauen Himmel sehen. Es war eine Zwickmühle. Der richtige Blick auf die Welt blieb mir durch die Gesetze der Welt verwehrt. Alles was ich konnte, war einen Blick für den Bruchteil einer Sekunde zu erhaschen und immer nur Kleinigkeiten wahrzunehmen, aber nie das große Ganze. Ich scheiterte an den Gesetzen der Welt, am Fluss der Zeit und meinen eigenen Grenzen. Wie poetisch Regen doch ist, dachte ich.
Dann fiel mir eines auf. Der Regen war nicht poetisch. Der Regen, war Regen. Wasser an einer Scheibe. Ich war es, der dem Regen das alles zuschrieb. Ich war der Poet. Ein anderer hätte auf die Scheibe geblickt und eine Scheibe mit Wasser darauf gesehen. Denn das ist es letztendlich. Eine Scheibe mit Wasser, nichts weiter. Kein Schlüssel für die Welt. Einfach ein Stück Glas und Wasser. Ich löste mich vom Fenster und ging schlafen.

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