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Das geöffnete Fenster, während eines Gewitters im Sommer

Dieser Text erschien zum ersten mal am 10.06.14.

Eine leichte Gänsehaut zeichnete sich auf seinen nackten, von der Sommersonne gebräunten, Armen. Er trug nur ein T-Shirt und hatte auch keine Jacke dabei. Jetzt bereute er es, zu faul gewesen zu sein und nichts zum drüber ziehen mitgenommen zu haben. Die Kälte zog langsam an seinen Armen hoch, bis sie seinen Oberkörper erreichte. Zuerst kroch die Kälte an seinen Brustbereich, bis sie dann über seinen Rücken herfiel. Nun fröstelte es ihn und er schüttelte sich kurz, wie im Winter wenn die Kälte unter die dicken Mäntel und Jacken kriecht und einem bis auf die Knochen geht. Er rieb mit beiden Händen seine Arme, um der Kälte etwas Widerstand zu leisten, doch alles in allem half es nur wenig.
Der Himmel, unter dem er nun mit beschleunigten Schritten durch die Straßen lief, hatte sich innerhalb der letzten Stunde von einem wunderbar tiefen, hellen Blau in ein Dunkelgrau verwandelt. Langsam und schleichend hatte sich die Farbe geändert und mit den Farben fiel auch die Temperatur. Während der Himmel noch blau gewesen war, war es sehr heiß gewesen und ein T-Shirt war eigentlich schon zu viel Kleidung am Körper, um sich wohl zu fühlen. Das Wetter fühlte sich nun, wie ein kühler Frühlingstag oder ein warmer Herbsttag an. Zu den niedrigen Temperaturen kam dann noch ein ziemlich starker und schneidiger Wind. Einige kleine Äste wurden durch den Wind von den Bäumen abgebrochen und lagen einsam auf der Straße. Blätter flogen ebenfalls über den Boden und durch die Luft. Manchmal bildete der Wind kleine Wirbel und ließ die saftig grünen Blätter im Kreis tanzen, um dann nach einigen Sekunden weiter zu ziehen und sie regungslos auf dem Asphalt liegen zu lassen. Die Wolken zogen weiter zu. Es entstand ein komisches Licht, das die ganze Welt einzuhüllen schien. Es war nicht wirklich dunkel, aber auch nicht wirklich hell. Irgendwie war es beides gleichzeitig. Ähnlich einer Sonnenfinsternis, bei der es hell ist, aber doch dunkel zu sein scheint.
Er beschleunigte noch weiter seine Schritte. Seine Befürchtungen, dass bald die ersten Tropfen vom Himmel fallen würden, ließen ihn durch die Straßen hetzen. Plötzlich spürte er, wie eine kleine Stelle in seinem Nacken noch kälter wurde. Dann spürte er es auf seinem linken Unterarm. Danach auf seiner rechten Wade. Tropfen fielen vom Himmel. Es waren keine kleinen Tropfen, sondern große, kalte, welche beim Aufprall auf den Asphalt, obwohl das dieser von den hohen Temperaturen immer noch heiß war, einen Fleck hinterließen. Sein T-Shirt begann langsam sich an vielen Stellen dunkel zu färben. Der Asphalt war nun von Punkten und Flecken übersät und war an diesen Stellen nun ebenfalls dunkler. Ein paar schnelle Schritte später waren seine Schultern nass und dunkel gefärbt. Langsam begann sich das kalte Wasser einen Weg durch seine Haare bis auf die Kopfhaut zu bahnen. Noch ein paar Schritte weiter und sein komplettes T-Shirt war durchnässt. Die Kälte des Wassers nahm nun seinen ganzen Körper ein und ließ ihn noch mehr frieren. Die Tropfen liefen ihm über die Stirn herunter. Nun rannte er. Das Wasser spritzte, als er im Rennen in eine große Pfütze trat, die sich gerade durch den starken Regen bildete. Die Tropfen schienen immer größer zu werden und er spürte jeden einzelnen auf seinen Schultern, seinem Kopf und seinem Rücken. Es war nun eine so große Menge Wasser, dass sich an den Rändern der Straßen kleine Bäche bildeten, die den Staub der Straßen, Blätter und kleinen Unrat davon spülten. Mit hoher Geschwindigkeit rasten sie die Straßen hinab und endeten in kleinen Wasserfällen in den Abflüssen, die alle paar Meter am Rand der Straße waren.
Jede einzelne Faser seiner Kleidung war mit Wasser durchtränkt. Die Tropfen liefen über seine Stirn in seine Augen und tropften von seinen Haaren auf den Boden herab. Er kramte aus seiner Hosentasche einen Schlüssel heraus, der obwohl er sich die ganze Zeit an seinem Körper befunden hatte, kalt war. Er steckte das kalte Stück Metall in das Schloss einer alten Holztür. Mit einem lauten Quietschen schob er die Tür zurück und betrat das Treppenhaus eines großen Hauses. Als er die Treppe nach oben ging, zog er eine Spur aus kaltem Wasser hinter sich her. Gerade, als er die Tür zu seiner Wohnung aufschloss, wurde das Treppenhaus für eine Sekunde hell. Einige Sekunden später folgte ein gewaltiger Donner. Wäre er nur ein bisschen lauter gewesen, hätte man die Fensterscheiben klirren gehört. Als er gerade die Wohnung betrat, blitzte es wieder. Diesmal erfolgte der Donner eine Sekunde schneller als der vorherige. Er zog seine durchnässten Schuhe aus und ließ sie im Flur liegen. Nach einigen Sekunden bildete sich eine kleine Pfütze um diese herum, die sich langsam ausbreitete und über den staubigen Boden rollte. Barfuß lief er langsam ins Badezimmer und warf dort seine Kleidung in die Badewanne, zog ein Handtuch aus dem Regal und ließ es zweimal durch seine Haare fahren, bis diese nicht mehr tropften. Ein Blitz erhellte die Wohnung. Diesmal erfolgte der Donner fast direkt nach dem Blitz. Er warf das Handtuch auf einen Stuhl, der in der Ecke des Badezimmers stand und nahm sich ein weiteres aus dem Schrank, um es sich umzubinden. Er verließ das Badezimmer und öffnete das große hohe Fenster im Wohnzimmer. Die angestaute Hitze und Schwüle verschwand nach wenigen Sekunden, da die kalte Luft der Außenwelt in die Wohnung floss. Ein Blitz. Der Donner folgte mit einer Sekunde Verzögerung.
Blätter flogen durch die Luft und der Regen übertönte sogar den Lärm vorbeifahrender Autos. Es war ein lautes Rauschen. Es schien gar so, als könne man vor dem Rauschen nicht fliehen. Als wäre es allumfassend und durchdringend, bis in jedes Atom des Universums. Der Wind trug einige Tropfen des Regens in das Fenster hinein, doch er schloss es nicht. Die Faszination des Gewitters war zu groß, als dass ein nasses Fensterbrett und ein nasser Fußboden ihn davon hätten losreißen können. Als er so weiter dastand und den Regen beobachtete fiel ihm eine Person auf, die gehetzt über die Straße lief. Gerade als sie vor dem Haus war blitzte es. Der Donner krachte gleichzeitig. Man hörte das Glas klirren und ein Echo, dass durch die Straßen hallte. Als der Donner abklang blieb ein kleines Piepen in den Ohren. Die Person, die gerade noch über die Straße gelaufen war versuchte sich im Moment des Donners in den Hauseingang des Hauses zu retten, doch dieser bot kaum Schutz, da nach ein paar Zentimetern schon die Holztür war. Es war gerade so Platz für zwei Spalten mit Klingeln und Namensschilder. Er riss sich vom Fenster los und lief zur Wohnungstür. Man konnte ein Summen hören, als er den Knopf neben der Tür drückte. Darauf folgte ein Quietschen und das Knacken eines Schlosses, wenn die Tür wieder in selbiges fällt. Danach Schritte auf einer Treppe. Er öffnete die Tür, lies sie einige Zentimeter offen stehen und trat ein paar Schritte zurück. Die Schritte wurden lauter und verstummten.
Die Tür wurde aufgeschoben und man sah zuerst einige Finger, dann das Gesicht einer Frau mit braunen Haaren. Sie betrat die Wohnung und fügte zur Pfütze der Schuhe eine weitere, größere Pfütze hinzu. Sie lächelte verlegen. Er drehte sich um, ging ins Badezimmer und kam mit einem großen, weißen Handtuch zurück und gab es ihr. Ein Blitz. Donner fast gleichzeitig. Rauschen und Tropfen. Sie zog die Schuhe aus und stellte sie neben die Seinen. Es bildete sich eine Pfütze, die sich mit der seiner Schuhe verband und eine große Pfütze bildete. Dann lief sie ins Badezimmer, warf ihre durchnässte Kleidung in die Badewanne und fuhr mit dem Handtuch zweimal durch die Haare, bis diese nicht mehr tropften. Danach nahm sie sich ein paar alte Klamotten die herumlagen, und lief ins Wohnzimmer. Ein Windstoß kam durchs Fenster und trieb wenige Tropfen viele Zentimeter in das Zimmer. Die Temperatur im Zimmer war nun der Außentemperatur angepasst. Er saß auf dem Teppichboden vor dem Sofa und beobachtete den Regen durch das offene Fenster. Wieder ein Blitz und Donner. Sie setzte sich neben ihn. Ein weiterer Windstoß brachte noch mehr Kälte in den Raum, sodass sie nun zusätzlich zu der schon vorhandenen Gänsehaut anfing zu zittern, woraufhin sie sich umsah und eine große, graue Decke die hinter ihr auf der Couch lag, entdeckte. Mit einem beherzten Griff nahm sie diese und warf sie um sich. Es blitzte und donnerte wieder gleichzeitig. Piepen in den Ohren. Sie sah die Gänsehaut, die sich auf seinen Armen und seinem Rücken abzeichnete und bemerkte ein leichtes Zittern. Mit einer schwunghaften Bewegung nahm sie die Decke und warf sie ebenfalls um ihn.
Wieder blitzte und donnerte es. Der Wind trieb weitere Tropfen in das Zimmer hinein. Das Fensterbrett war nun vollkommen nass und auf dem Boden zeichneten sich auch viele Tropfen ab. Es wurde kälter und das Zittern hörte nicht auf. Er versuchte die Decke weiter über seine Schultern zu ziehen, was ihm nicht gelang, da die Decke zu klein war und schon vorher ein wenig spannte. Er rückte nun etwas weiter in die Mitte, sodass er die Decke weiter ziehen konnte. Blitze, Donner, Regen und Wind. Einige Blätter Papier, die lose auf einem Tisch lagen, wurden durch den Raum geweht. Am anderen Ende der Wohnung hörte man eine Tür knallen. Das Zittern wurde schwächer, aber blieb immer noch ein wenig da. Er rückte so weit wie möglich in die Mitte und zog die Decke so weit wie möglich zu sich. Nun schloss das eine Ende der Decke direkt an das andere Ende an. Ein Blitz erhellte den halbdunklen Raum. Der Donner folgte krachend und so laut, dass ein kleines Piepen in den Ohren verblieb. Der Boden vor dem Fenster war nun komplett mit Wasser bedeckt. Er legte seinen Kopf auf ihre Schulter und sie legte ihren Kopf auf seinen Kopf. Beide schliefen ein. Ein krachender Donner weckte sie, woraufhin sie aufstand und das Fenster schloss. Ihre Füße mit ihren rot lackierten Nägeln traten in die große, kalte Pfütze, die bald das ganze Zimmer einzunehmen schien. Sie spürte das Wasser an jedem Millimeter ihrer Füße. Es war ein Gefühl, wie wenn man in einen kalten See springt: Zuerst ist man schockiert von der Kälte und möchte nach Luft ringen, doch dann fühlt es sich lebendig und frisch an. Sie genoss dieses Gefühl. Er stand ebenfalls auf und legte sich auf das Sofa. Sie brauchte drei Schritte, bis ihre Füße nicht mehr das kalte Wasser berührten. Nach drei weitern Schritten stand sie vor dem Sofa und legte sich dazu. Der Regen prasselte gegen die Scheibe und erzeugte ein konstantes, beruhigendes Rauschen. Dieses Rauschen war noch durchdringender als das Rauschen des Regens auf den Straßen. Beide schliefen wieder ein. Als sie aufwachten gewitterte es immer noch. Niemand zitterte mehr. Blitze erhellten immer noch den Raum. Donner durchbrachen immer noch das Rauschen. Viele weitere Berührungen, bis beide wieder einschliefen. Die Welt blieb ein bisschen stehen, das Gewitter wurde ein bisschen stärker, der Regen ein bisschen lauter, der Wind ein bisschen stärker, doch alles wurde ein bisschen wärmer.

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