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Berührung

Dieser Text erschien zum ersten mal am 06.05.14. 

Es war ziemlich laut, doch man konnte die Schritte trotzdem hören. Sehr schnelle Schritte. Schritte, so schnell wie sie nur sind, wenn man gerade rennt. Der junge Mann rannte. Er rannte schnell, ohne darauf zu achten wo er hintrat. Sein Fuß landete in einer kleinen Pfütze und das Wasser spritzte in alle Richtungen, sodass sogar etwas Wasser an sein anderes Hosenbein und seinen Schuh kam. Doch er war so in Eile, dass er nicht stehen blieb, um den entstandenen Schaden an seinem Bein zu betrachten und einzuschätzen. Nun durchdrang ein lautes Zischen die Szene. Es war so laut und unangenehm, dass es in den Ohren schmerzte, wenn man nur einige Meter davon entfernt stand. Die Schritte beschleunigten sich noch einmal und setzten zu einem letzten Sprint an. Fast wäre dem jungen Mann die Tasche von der Schulter gerutscht, doch er konnte sie gerade noch rechtzeitig festhalten. Er streckte seinen Arm aus und hielt seine flache Hand an die Tür, die sofort aufhörte, sich zu bewegen und sich nach einer Sekunde, mit einem lauten Zischen, wieder in die entgegengesetzte Richtung bewegte. Er hob ein Bein und setzte es auf eine Stufe und zog sich mit der Hand, mit der er gerade die Tür aufgehalten hatte, an einer Stange nach oben und betrat das, mit Licht durchflutete Abteil eines Zuges. Er kniff die Augen zusammen, da ihn das Licht der Neonröhren ziemlich blendete und seine Augen noch an die Straßenlaternen des dunklen, nächtlichen Bahnsteigs gewöhnt waren.

Die Tür des Zuges schloss sich gerade hinter ihm, als er noch völlig außer Atem im Vorraum des Abteils stand und sich weiter an der Stange festhielt, als bräuchte er diese wie ein alter Mann als Stütze. Es war ein kleiner Ruck zu spüren und der Zug rollte langsam los. Langsam war er wieder besser bei Atem, sodass er nun in das Abteil ging. Es war ein Zug mit zwei Etagen und im Moment war er ehrlich gesagt zu faul, die Treppe, die lediglich aus fünf Stufen bestand, hinauf zu steigen. Also ging er nach unten. Er betrat das Abteil für Fahrräder, in dem sich ein paar Stangen in der Mitte befanden und an den Seiten kleine Sitze waren, die man herunterklappen konnte. Das ganze Fahrradabteil war leer und weil er immer noch relativ außer Atem war, setzte er sich in die Mitte der Reihe von ausklappbaren Sitzen. Seine schwere Tasche stellte er ab und schob sie unter seinen Sitz. Er ließ seinen Kopf an die Glasscheibe hinter sich zurückfallen und dachte nach, was er wohl nun die ganze Fahrt über tun sollte, denn er hatte eine wirklich lange Fahrt vor sich. Mindestens eineinhalb Stunden müsste er jetzt noch fahren, falls der Zug unterwegs nicht aufgehalten wird. Der Zug rollte weiter auf den Schienen. Die Bewegungen, die der Zug machte, machten ihn noch müder, als er es nach seinem kurzen Sprint sowieso schon war. Seine Augen wurden schwer und fielen bald zu. Ein Halbschlaf begann.

Er wachte oft für wenige Sekunden auf und öffnete kurz die Augen. Meistens sah er Menschen, die vorbei liefen. Ab und zu setzte sich jemand auf einen der Sitze neben oder gegenüber von ihm, aber genauer beobachtete er niemanden. Nach diesen kurzen Augenblicken fiel er wieder in den Halbschlaf, der wenig erholsam war, aber irgendwie unausweichlich zu sein schien. Immer wenn er gegen die Müdigkeit ankämpfen wollte, schaffte er dies nur für wenige Minuten, bis er wieder in den Halbschlaf fiel, nur um dann gequält zwischen einem beruhigenden, erholsamen Schlaf und einem Wachzustand zu sein. Er erschrak plötzlich und fuhr hoch. Man hörte wieder ein sehr lautes Zischen, welches durch das ganze Abteil ging. Die Tür des Zuges ging zu. Noch ein Zischen und der Zug fuhr schließlich los. Nun war er auf einmal hellwach. Er konnte sogar seinen Pulsschlag in den Ohren hören und spüren, wie sehr sein Herz klopfte. Das Zischen der Mechanik musste ihn wirklich erschreckt haben. Zum Glück war er nur leicht und eigentlich unbemerkbar zusammen gezuckt, sodass es niemand hätte sehen können. Er blickte sich erst jetzt um und bemerkte, dass hier eigentlich fast niemand war, der es hätte sehen können. Es saß nur eine einzige Person in seinem Abteil, doch diese saß direkt auf dem Sitz neben ihm. Diese Situation erschien ihm schon als etwas merkwürdig. Normalerweise setzten sich Menschen doch so weit wie möglich von anderen weg, doch diese Frau saß direkt neben ihm. Vielleicht war der Zug, während er geschlafen hatte, so voll gewesen, dass nur dieser Platz frei war und nun war sie zu faul oder zu höflich um sich weg zu setzen. Auf jeden Fall empfand er es als nicht so schlimm, wie andere Menschen es wohl getan hätten.

Allerdings wusste er nun nicht so recht was er tun sollte. Da er nicht mehr schlafen konnte, blieb ihm wohl nichts anderes übrig, als dazusitzen und in die Luft zu starren. Er bemerkte wie der Arm der Fremden und sein Arm sich kurz für einige wenige Sekunden berührten. Er hatte ein T-Shirt an und sie trug ein ärmelloses Oberteil. Er spürte für diese wenigen Sekunden ihre nackte Haut auf seiner. Es war ein absolutes und komisches Gefühl, das ihn für diese wenigen Sekunden ergriff und noch einige Minuten blieb und nachhallte. Wie ein Blitz durchzog es seinen kompletten Arm und ging dann in seine Körperhälfte über, um schließlich den gesamten Körper einzunehmen. Aber im Gegensatz zu einem Blitz oder Elektrizität, welche dieser mit sich bringt, war es ein unglaublich positives Gefühl. Ähnlich dem, wenn der Körper voller Adrenalin ist, wenn man aus bestimmten Situationen heraus sehr überschwänglich und glücklich ist. Nur war dieses Gefühl fast noch intensiver. Sein Herz begann stärker zu schlagen und er war wie gelähmt und traute sich nicht, sich auch nur einen Millimeter zu bewegen, um die Berührung nicht zu unterbrechen. Denn wenn diese einmal unterbrochen ist, gibt es keine Garantie dafür, dass sie noch einmal zu Stande kommt. Dieses Gefühl war so absolut, dass er an nichts anderes mehr denken konnte und sich kaum auf etwas konzentrieren konnte. Sein Körper und seine Gedanken waren komplett davon eingenommen. Und dann plötzlich löste sich die Berührung und zwischen den beiden Armen waren wieder einige Zentimeter Luft. Das Gefühl hallte aber noch nach. So lange, bis er an seinem Ziel ankam und aus dem Zug ausstieg.

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