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Analog

Dieser Text wurde zum ersten Mal am 09.12.13 veröffentlicht. 

Der Schnee knirschte unter ihren Schuhen. Die Frau lief gemütlich durch die vollgestopften Straßen, in denen sich Menschen zwischen kleinen Ständen bewegten. Es war Winter, mittlerweile sogar fast Weihnachten. Es blieben nur noch wenige Tage bis zum großen Fest, auf das doch eigentlich jeder das ganze Jahr über wartete. Sie befand sich auf einem Weihnachtsmarkt. Hier gab es allerhand weihnachtliches Zeug zu kaufen: Von Dekoration, über Essen, bis hin zu Kleidung.

Der Geruch von Glühwein, heißen Würsten und sonstigen Leckereien zogen durch die Straßen, aber irgendwie war die Frau noch nicht so recht in Weihnachtsstimmung. Wenn sie so recht überlegte, war sie das schon sehr lange nicht mehr. Letztes Jahr nicht, davor auch nicht und weiter konnte sie sich nicht erinnern. Das ‘nicht so recht’ traf es eigentlich nicht wirklich. ‘Überhaupt nicht’ wäre wohl der bessere Ausdruck. Dieses ‘Fest der Liebe’ und ‘Zweisamkeit’ machte alles nur noch schlimmer. Es machte sich ein großes Unbehagen in ihr breit. Irgendwie war sie nicht der Typ für solche Feste, denn ganz besonders dann fühlte sie sich verlassen, obwohl sie keinen richtigen Grund erkennen konnte. An Heiligabend war sie bei ihren Eltern, mit denen sie aber nicht viel am Hut hatte. Sie war wohl nur noch aus Anstand anwesend. Die eigentlichen Feiertage danach verbrachte sie allein Zuhause, hinter verschlossenen Türen. Wie gerne hätte sie jemanden, der an Weihnachten an sie dachte und Weihnachten gerne mit ihr verbringen würde, damit wenigstens der Zweck von Weihnachten erfüllt wäre. Stattdessen vergrub sie sich an den Tagen zwischen Zeitverschwendung und der Hoffnung, dass die Tage so schnell wie möglich vorbei gingen.
Auf diesem Weihnachtsmarkt war sie eigentlich auch nur, weil sie gerade Hunger hatte und zu faul war, um sich Zuhause etwas zu Essen zu machen. Deshalb ging sie zum nächsten Stand, an dem es etwas zu Essen gab und stellte sich in die lange Schlange. Während sie wartete, bemerkte sie einen Mann, er war so um die Fünfzig, der mit einer etwas älter aussehenden Kamera Leute fotografierte, die in den Schlangen anstanden oder einfach so umher liefen. Sie war etwas verwundert darüber, doch dann wollte die Verkäuferin hinter dem Stand wissen, was sie essen wolle und die Frau drehte sich weg. Als sie wieder dorthin blickte, wo der Mann zuletzt stand, war er weg. Sie nahm ihr Essen und ging ein paar Schritte. Der Weihnachtsmarkt war so voll, dass sie aufpassen musste niemanden anzurempeln und dadurch ihr Essen auf jemandem oder dem Boden zu verteilen. Sie kam an eine etwas ruhigere Stelle, an der sich in der Mitte eine leere Schneise bildete, in der niemand gedrängt lief, sondern nur ein paar wenige Leute vereinzelt standen. Als sie einige Schritte so lief, stand plötzlich der Mann mit der Kamera einige Meter vor ihr und hielt die Kamera vor sein Auge. Das Objektiv war auf sie gerichtet und man konnte sehen, wie er mit dem Finger den Abzug betätigte. So schnell wie er aufgetaucht war, drehte sich der Mann um und lief davon. Die Frau blieb einige Sekunden verblüfft stehen, bis sie sich los riss und dem Mann nachlief. »Hey!« rief sie. »Bleiben sie mal stehen! Was soll denn das?« Der Mann bemerkte, dass sie hinter ihm her war und rannte nun fast. Wendig und schnell bewegte er sich durch die Menschenmasse. Die Frau versuchte mit ihm Schritt zu halten, doch bald schon hatte sie ihn verloren. Sie war etwas verärgert. Ein Fremder, der einfach so Fotos von anderen Leuten macht und dann verschwindet. Was dieses seltsame Verhalten des Mannes wohl zu bedeuten hatte, fragte sie sich. Es war schon lange dunkel und da sie ja gegessen hatte, sah sie keinen Grund mehr länger hier zu bleiben. Den Mann würde sie so oder so nicht mehr wieder finden.
Sie lief los zur Bushaltestelle. Auf dem Weg zur Haltestelle lief ihr kein einziger Mensch über den Weg, fast als wären alle mit der Freude auf Weihnachten beschäftigt, ohne nach links und rechts zu blicken. Aber vielleicht, würde sie einfach nur zu viel Erwarten, dachte sie. Von den Menschen und dem Menschsein an sich. Vielleicht war es einfach falsch zu erwarten, andere Menschen kämen auf einen zu, wenn er einem schlecht ginge. Vielleicht müsse man selbst etwas tun, oder man bleibt eben allein auf der Strecke zurück. So wie die Evolution. Eine Gefühlsevolution. Das alles klang jetzt sehr hart, fiel ihr auf, als sie darüber nachdachte. Besser ausgedrückt wäre es wohl damit, dass andere Menschen nicht in die Köpfe von anderen Menschen hineinsehen konnten. Was für einen selbst offensichtlich ist und viel Sinn ergibt ist für den anderen wohl einfach verborgen. Vielleicht kommt irgendwann mal der eine Mensch, der einem in den Kopf sehen kann, aber der war wohl noch nicht angekommen. Man solle wohl einfach warten, oder sich mitteilen, oder den Menschen um einen herum beibringen in den Kopf zu sehen. Wenn dies dann trotz dem Beibringen nicht getan wird, würde das wohl dann wieder zum Ausgangszustand führen. Aber ein Versuch war es wohl wert. Sie nahm sich vor, es den Menschen um sie herum beizubringen und zu warten.
In der Ferne konnte sie die Bushaltestelle sehen. Es war sehr komisch, denn auf einmal war jedes schlechte Gefühl verschwunden. Sie fühlte sich innerlich warm und fast schon irgendwo angekommen. Schon komisch, dass es ihr auf einmal so viel besser ging, wo sie vorhin doch schon in diesem pre-weihnachtlichen Gefühlsloch war. Aber jetzt auf einmal kam ihr das alles ganz anders vor. Schon fast surreal, dass sie vorhin so gefühlt hat. Als sie so näher an die Bushaltestelle kam, sah sie, dass eine Person auf der Bank in dem kleinen Wartehäuschen saß. Als sie nur noch einige Meter von der Haltestelle entfernt war erkannte sie die Person. Es war der Mann mit der Kamera. Er schlief. Neben ihm auf der Bank lag seine Kamera. Die Frau lief langsam und vorsichtig auf ihn zu und nahm die Kamera in die Hand, richtete das Objektiv auf den Mann und schoss ein Foto von ihm. Durch das Geräusch der Kamera wurde der Mann wach und sah sich erschrocken um. »Na wie gefällt ihnen das? Einfach so Fotos von fremden Menschen zu machen.« sagte die Frau, während sie die Kamera wieder neben den Mann auf die Bank stellte. »Sie haben gerade ein Foto von mir gemacht?« fragte der Mann. »Ja das habe ich« Auf dem Gesicht des Mannes zeichnete sich nun ein Lächeln ab. »Vielen Dank! Sie haben mich wohl gerettet! Bisher kam noch niemand dazu ein Foto von mir zu machen. Selbst kann ich das ja nicht. Vielen Dank. Wirklich wunderbar von ihnen« freute sich der Mann. Er nahm die Kamera, es war eine alte analoge Kamera, und drehte an einem kleinen Rädchen. Danach klappte er die Kamera auf, nahm den Film heraus und verstaute ihn in einem kleinen Döschen. »Hier. Sie sollen ihn haben. Ein Foto auf dem Film ist ja von ihnen. Und ich habe Zuhause schon so viele Berge an Fotos, da macht es nicht, wenn die kleine Hand voll fehlt« mit diesen Worten stand er auf, drückte ihr die Filmdose in die Hand, hing seine Kamera über die Schulter und lief los. Als er schon im Dunkeln nicht mehr zu sehen war, hörte sie ihn, ein kleines Liedchen pfeifen.
Einige Wochen später, Weihnachten war schon vorbei und das neue Jahr hatte begonnen, kam sie dazu den Film entwickeln zu lassen. Sie öffnete die kleine Tüte in der sich die Bilder befanden und sah sie sich an. Darauf zu sehen, waren Menschen die sich auf dem Weihnachtsmarkt befanden, auf dem sie den Mann damals gesehen hatte. Zuerst konnte sie nichts Besonderes auf den Fotos erkennen. Als sie genauer hinsah, bemerkte sie, dass einige Personen glasige Augen hatten. Als sie weiter die Fotos durch sah, erkannte sie, dass einige der Menschen am weinen waren. Sie konnte sich nicht erinnern, dass sie weinende Menschen gesehen hatte. Sie blätterte die Fotos weiter durch und stellte fest, dass jede Person am weinen war, glasige Augen hatte oder sehr traurig aussah. Dann entdeckte sie das Foto, dass der Mann von ihr gemacht hatte. Auch sie war am weinen. Sie war mehr als verwundert darüber, da sie nicht geweint hatte, als der Mann das Foto gemacht hatte. Nun wollte sie unbedingt wissen, was auf dem Foto, das sie gemacht hatte, zu sehen war. Sie blätterte bis zum Letzten Foto vor und erschrak. Es zeigte den Mann wie er auf der Bank saß. Er hatte die Augen geschlossen und saß wie ein nasser Sack Kartoffeln auf dem Sitz. Die Wand des Bushäuschens, die sich hinter ihm befand, war mit einem riesigen roten Flecken versehen. Kleine rote Fäden liefen die Wand herunter. Nun hatte die Frau ein Lächeln auf den Lippen. Sie packte die Fotos zurück in den Umschlag, welchen sie in die Tasche steckte. Nun trug sie die Traurigkeit der Menschen in der Tasche.

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